Montagsinterview

Erbprinz Alois von Liechtenstein: «Es gibt keinen Kurs für künftige Monarchen»

Erbprinz Alois von Liechtenstein auf Schloss Vaduz, wo er mit Gattin, den vier Kindern und den Eltern lebt.

Erbprinz Alois von Liechtenstein auf Schloss Vaduz, wo er mit Gattin, den vier Kindern und den Eltern lebt.

Der Thronfolger von Liechtenstein spricht im Interview mit der Nordwestschweiz über die Vorteile der Monarchie, das Aufwachsen als Prinz auf einem Schloss und die enge Beziehung zum Nachbarland Schweiz.

Es waren einmal ein Schweizer und eine Liechtensteinerin, die aufs Schloss Vaduz fuhren. Beide sind zum ersten Mal im Schloss des Fürstentums Liechtenstein. Der Pförtner heisst die Besucher willkommen und sagt in den Telefonhörer wohl halb im Spass: «Gut, ich lass sie laufen.»

Gerade schlüpft die Erbprinzessin Sophie mit Hund aus dem Tor, sie trifft sich zum Laufen. Dann öffnet sich das Tor und die Besucher treten ein. Auf Kies, über eine Holzbrücke, zur Linken liegen unten das Ländle und das Rheintal.

Ein wenig beklommen laufen die Eindringlinge durch das Innere der Burganlage. Rote Geranien, Audi-Fuhrpark und ein Page in Weiss. Galant geleitet er die Gäste in das Schloss aus dem 12. Jahrhundert.

Durchlaucht, uns Schweizern ist die Monarchie fremd und wir fragen uns: Hat ein Land wirklich die Besten an der Spitze, wenn Staatschefs durch Geburt ins Amt kommen?

Erbprinz Alois von Liechtenstein: Man kann sich auch fragen, ob man in einer Republik im Normalfall die Besten ins Amt bekommt. Ich würde sagen: In keinem System hat man immer die Besten. Die Vorteile einer Monarchie liegen aber auch woanders.

Wo liegen die?

Eine Monarchie kann Stabilität, Identität und eine langfristige Ausrichtung der Politik sicherstellen. Liechtenstein kennt eine einzigartige Kombination aus starken monarchischen und starken direktdemokratischen Elementen. So ist der Fürst dem Volk gegenüber politisch verantwortlich, weil das Volk dem Fürsten in einer Volksabstimmung durch einfache Mehrheit das Misstrauen aussprechen oder gar die Monarchie abschaffen kann. Gleichzeitig kann der Monarch in Liechtenstein aber eine unabhängige Rolle einnehmen, da er sich nicht regelmässig der Wiederwahl stellen muss. Er kann einfacher Themen angehen, die zwar unpopulär, aber für die langfristige Entwicklung seines Landes wichtig sind. Da haben es Politiker schwieriger, wenn sie wiedergewählt werden müssen.

Was wäre ein solches unpopuläres Thema?

Die langfristige Sicherung der Altersvorsorge. Die wird gerne in die Zukunft geschoben, nach dem Motto: Das kann dann die nächste Regierung angehen.

Wann in Ihrer Jugend haben Sie realisiert, dass Sie nicht sind wie jeder? Und war das erfreulich oder erschreckend?

Ich habe es irgendwann im Laufe der Primarschule bewusster wahrgenommen. Es war kein erschreckendes Erlebnis.

Was hat Sie im Alltag von Ihren Mitschülern unterschieden?

Meine Geschwister und ich hatten das Glück, dass wir sehr normal aufwachsen konnten. Der grösste Unterschied bestand darin, dass wir hier auf dem Schloss gelebt haben – das Haus war halt ein anderes. Das haben die Mitschüler irgendwann mitbekommen.

..

Durften die Klassenkameraden hier spielen?

Natürlich haben wir unsere Freunde eingeladen. Wahrscheinlich war das der Moment, als man realisiert hat, dass es bei den Schulfreunden zu Hause etwas anders aussieht.

Wie ist das heute? Sie haben vier Kinder, Ihr Vater Fürst Hans-Adam wohnt auch auf dem Schloss. Wie leben die drei Generationen unter dem gemeinsamen Dach?

Man muss sich das wie ein Mehrfamilienhaus vorstellen. Das Schloss ist gross, auch wenn es als burgähnliche Anlage dann doch nicht so viele Räume hat, die man bewohnen kann.

Versuchen Sie Ihren Kindern ein normales Leben zu ermöglichen, wie Sie es hatten?

Ja, ich halte es für wichtig, dass Kinder möglichst normal aufwachsen können. Ein Kind hat nicht gerne, wenn es ganz anders behandelt wird, sei es von Schulkollegen, sei es von Lehrern. Es will aufwachsen wie alle anderen auch.

Gleichzeitig müssen sie auf die Aufgaben vorbereitet werden, eines Tages die Staatsgeschäfte zu übernehmen. Wie geht das?

Es gibt keinen Kurs für künftige Monarchen. Zumindest ist mir keiner bekannt. Die Erbmonarchie hat den grossen Vorteil, dass man sehr viel mitbekommt aus Gesprächen mit Vater und sogar Grossvater. Mein Vater hat mich immer wieder zu Treffen und Anlässen mitgenommen oder mich als Vertreter geschickt.

So wächst man ins Amt hinein?

Im Normalfall ja. Es kann durch bestimmte Gründe wie frühe Todesfälle sein, dass man früh und abrupt in ein Amt kommt. Aber das ist heutzutage zum Glück immer seltener der Fall.

Haben Sie durch Ihre spezielle Rolle etwas verpasst im Leben?

Ich habe nicht das Gefühl, etwas versäumt zu haben. Natürlich ist einem ab einem gewissen Alter bewusster, dass man in einer besonderen Rolle ist und mehr unter Beobachtung steht. Vielleicht macht man da als Jugendlicher nicht bei jedem Blödsinn mit, bei dem man sonst mitgemacht hätte. Man könnte auch eingeschränkt sein, wenn man einen besonderen Berufswunsch hätte. Bei mir war das kein Problem: Ich habe Jus studiert und bin in die Wirtschaft gegangen, und das war ohnehin mein Wunsch.

Was, wenn Sie Musiker oder Schriftsteller hätten werden wollen?

Ich hätte auf das Amt verzichten können, dann wäre mein jüngerer Bruder zum Zuge gekommen. Oder man macht die Leidenschaft zum Hobby: Mein Vater zum Beispiel hatte sich stark für Archäologie und Physik interessiert und hat sich während seiner Zeit als Staatsoberhaupt hobbymässig mit diesen Themen beschäftigt.

..

Welche Beziehungen pflegen Sie zu den Adelshäusern in Europa?

Man ist mit praktisch allen europäischen Adelshäusern verwandt und es gibt regelmässig Anlässe, wo man sich trifft.

Das liechtensteinische Fürstenhaus kommt nie in der europäischen Klatschpresse vor. Wie schaffen Sie das?

Es ist eine bewusste Entscheidung, nur so bewahrt man sich Privatsphäre. Man muss gezielt überlegen, welche Anlässe man besucht und auf welche Medien man sich einlässt. Wenn man bei beidem zurückhaltend ist, geht das. Es ist bestimmt auch der Luxus eines Kleinstaates wie Liechtenstein, dass man dem viel weniger ausgesetzt ist.

Und wie sieht es politisch aus: Hat der Kleinstaat mehr Vor- oder mehr Nachteile?

Man kann seine Interessen international weniger gut durchsetzen als ein Grossstaat, man hat weder militärische noch wirtschaftliche Macht. Man muss daher internationale Regeln viel stärker übernehmen statt mitgestalten. Gleichzeitig sind mit der Kleinheit viele Vorteile verbunden: Man ist schneller in Anpassungsprozessen, näher am Bürger und weniger bürokratisch. Wichtig ist, dass man auch als Kleinstaat Zugang zu Märkten hat, weil man selber nur einen sehr kleinen Heimmarkt hat.

Haben es Kleinstaaten heute schwerer?

Durch die Globalisierung, die Öffnung der Märkte und das Schaffen von internationalen Regeln betreffend die Zusammenarbeit zwischen den Staaten ist das Leben für die Kleinstaaten in den letzten Jahrzehnten einfacher geworden. Wenn man als Kleinstaat gut organisiert war und wie Liechtenstein das Glück hatte, freundliche Nachbarn zu haben, konnte man seine Vorteile gut nutzen. Momentan besteht aber die Gefahr, dass Protektionismus und internationale Überregulierungen das Leben für die Kleinstaaten wieder schwieriger machen. Das schadet zwar auch den grossen Staaten, die Kleinstaaten sind aber davon stärker betroffen.

Sie sprechen auf den Finanzplatz an: Sind Sie der Ansicht, dass die Einschränkungen zu harsch sind, die nach der Bankenkrise erlassen wurden?

Ja – und vor allem glaube ich, dass der Finanzdienstleistungssektor dadurch nicht sicherer geworden ist. Man muss aufpassen, dass die Regulierung nicht neue Gefahren schafft. Auch gewisse Probleme der internationalen Finanzkrise 2008/2009 sind durch falsche Regulierungen entstanden. Jetzt sollte man nicht dieselben Fehler wiederholen. Zudem bringt eine solche Regulierungsflut erhebliche Zusatzkosten. Das macht den Einstieg für Neue schwierig, der Wettbewerb leidet, und es könnte sein, dass bald nur noch ganz grosse Platzhirsche sich leisten können, in diesem Sektor tätig zu sein.

Vielen ist Ihr Land aufgrund des Finanzplatzes bis heute suspekt.

Suspekt ist Liechtenstein, wenn Leute nur den Finanzplatz von früher kennen und noch nicht wahrgenommen haben, dass wir diesen in den vergangenen Jahren grundlegend verändert haben. Ausserdem realisieren viele nicht, dass Liechtenstein ein weit entwickeltes Land ist mit einer breit diversifizierten Wirtschaft. Der Industrie-Sektor erwirtschaftet mit rund 40 Prozent der Arbeitskräfte ebenfalls rund 40 Prozent des BIP, somit sind wir das am stärksten industrialisierte Land Europas.

Liechtenstein lebte lange sehr gut vom Finanzplatz. Wird jetzt der Wohlstand zurückgehen?

In der Tat sind die Steuereinnahmen zurückgegangen, wir mussten auf staatlicher Seite erheblich sparen. Wir haben die Staatsausgaben um mehr als 15 Prozent gesenkt, was im internationalen Vergleich doch erheblich ist. Jetzt ist der Staatshaushalt aber wieder ausgeglichen. Und wir haben andere Wirtschaftszweige, die gut laufen. Liechtenstein ist ein sehr unternehmerisches Land: Bei uns kommt ein Unternehmen auf 9 Einwohner, im deutschsprachigen Raum ist es eines auf 24.

..

Was ist, ausser den tiefen Steuern, attraktiv daran, in Liechtenstein eine Firma zu gründen?

Wir haben eine sehr gut ausgebildete Bevölkerung und können auf Fachkräfte der Region zurückgreifen: Mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer kommt täglich aus der Schweiz, aus Österreich und aus dem süddeutschen Raum. Wir haben einen liberalen Arbeitsmarkt, ein einfaches Steuersystem, vernünftige Lohnnebenkosten und einen sehr direkten Zugang zu den Behörden.

Kann sich auch direkt an Sie wenden, wer ein Problem hat?

Die Kleinheit erlaubt es, dass man auch zu den höchsten politischen Stellen einen sehr direkten Zugang hat. Zu mir oder zu den Regierungsmitgliedern. Das ist der Luxus eines Staates mit nur 37'000 Einwohnern.

Apropos Bürgernähe: Sie sprechen Hochdeutsch mit einem österreichischen Akzent. Müssten Sie als Staatsoberhaupt eines so kleinen Landes nicht den Dialekt Ihres Volkes sprechen?

Das ist eine interessante Frage. Ich habe es nie als ein Hindernis empfunden. In der Schule haben meine Brüder und ich wie zu Hause gesprochen und die Kollegen mit uns Dialekt. Meine Schwester hingegen hat den Dialekt rasch übernommen – vielleicht sind Frauen generell sprachbegabter. Irgendwann denkt man: Es wäre vielleicht doch gut, Dialekt zu sprechen. Doch dann hat man den Zeitpunkt irgendwie verpasst. Meine Kinder sprechen aber Dialekt.

Ihre korrekte Anrede lautet «Ihre Durchlaucht». Warum ist das so wichtig in einem kleinen Land, in dem sonst praktisch jeder mit jedem per Du ist?

Persönlich lege ich keinen Wert auf die Anrede. Ich bin auch mit ehemaligen Schulkollegen per Du, wenn man sich sieht. Es ist einfach die formal richtige Anrede. Ich sehe das nicht unähnlich zur Anrede «Exzellenz» für das Staatsoberhaupt einer Republik oder für einen Botschafter. Ich stelle auch fest, dass es viele Leute schätzen, das Staatsoberhaupt mit einer besonderen Anrede ansprechen zu können.

Viele sagen, ohne das Fürstenhaus wäre Liechtenstein nichts. Wie sehen Sie das?

Historisch gesehen wäre Liechtenstein ohne das Fürstenhaus wahrscheinlich tatsächlich nicht als eigener Staat entstanden. Und es hätte vielleicht auch nicht die Wirren des 19. und 20. Jahrhunderts überlebt. In die Zukunft blickend, bin ich überzeugt, dass Liechtenstein sich leichter tut, wenn es weiterhin eine Monarchie ist.

Liechtenstein und die Schweiz sind sehr enge Partner. Haben Sie noch den richtigen Partner – oder böte Ihnen ein EU-Staat mehr?

Einerseits ist Liechtenstein als EWR-Mitglied weitgehend in den EU-Mechanismus integriert, anderseits mit Zoll- und Währungsvertrag eng mit der Schweiz verbunden. Das ist eine pragmatische Lösung, die sehr gut funktioniert.

Wer steht Ihnen näher: die Schweiz oder Österreich?

Mit Österreich arbeiten wir ebenfalls historisch eng zusammen, wir helfen uns beispielsweise mit österreichischen Richtern aus. Trotzdem ist es die Schweiz, die uns seit Jahrzehnten am nächsten steht, und ich sehe keinen Anlass, das zu ändern.

Welche Auswirkungen hat der starke Franken für Liechtenstein?

Dieselben wie in der Schweiz: Der starke Franken ist momentan ein Hindernis für unsere Exportwirtschaft. Praktisch alles, was unsere Industrie produziert, wird exportiert. Gleichzeitig drückt der Wechselkurs die Margen unserer Finanzdienstleister, weil viele Kunden aus der EU stammen und Euro-Anlagen haben, während die Kosten weitgehend Gehälter in Schweizer Franken sind. Über die Jahrzehnte gesehen, haben wir aber sehr gute Erfahrungen mit dem Schweizer Franken gemacht, und es gibt auch jetzt überhaupt keine Diskussion darüber, dass Liechtenstein lieber nicht den Franken hätte.

..

Die Schweiz streitet gerade darüber, wie künftig die Zuwanderung aus der EU geregelt wird. Wie handhaben Sie das?

Wir haben dieses Problem nicht. Wir hatten das Glück, dass wir bereits Anfang der 1990er-Jahre eine gute Lösung mit der EU fanden, als wir dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) beigetreten sind. Wir hatten damals schon einen Drittel Ausländer, es war also entscheidend, dass wir die Zuwanderung beschränken konnten.

Welche Lösung sehen Sie als neutraler Beobachter für die Schweiz?

Als Vertreter eines Nachbarstaates ist es nicht klug, den Nachbarn in einer schwierigen Frage Lösungen vorzuschlagen. Ich bin zuversichtlich, dass die Schweiz Lösungen finden wird.

Für Ihr Land aber war der EWR die Lösung?

Ja, was Liechtenstein betrifft, ist der EWR die ideale Form der Integration in Europa. Wir sind viel zu klein, als dass wir wie die Schweiz einen bilateralen Weg hätten gehen können. Wir könnten unmöglich regelmässig mit der EU neue Verträge aushandeln. Daher sind wir dankbar, dass grössere Staaten den EWR ausgehandelt haben und Liechtenstein davon profitieren konnte.

Meistgesehen

Artboard 1