Als er 14 Jahre alt war, verriet er seine Mutter. Er hielt sich dabei an die Regeln im Lager, Regel fünf: Wer eine flüchtende Person sieht, ist verpflichtet, sie sofort anzuzeigen. Er verriet sie, da er überzeugt war, dass sie es verdient hatte.

Es geschah in der Nacht, er erwachte und hörte die Mutter mit jemandem reden. Er hörte, wie sie über ihre Flucht sprach, wie sie jetzt gleich aufbrechen wollte. Er verliess das Haus unter dem Vorwand, auf die Toilette zu müssen, ging zu einem Nachtwächter und meldete den Fluchtplan. Er wusste, dass dies für die Mutter den Tod bedeutete. Regel Nummer eins: Jeder, der bei einem Ausbruchsversuch gefasst wird, wird auf der Stelle erschossen.

Nachtwächter war auf Belohnung aus

Shin Dong Hyuk erhoffte sich in jener Nacht, für seine Spitzeldienste belohnt zu werden. Er hoffte, dass er nun weniger arbeiten müsse und mehr Essen bekäme. Aber der Nachtwächter war auf eine eigene Belohnung aus, und er meldete die geplante Flucht zwar weiter, gab aber an, sie selber entdeckt zu haben.

Die Mutter wurde verhaftet und Shin gefoltert, da er verdächtigt wurde, beim Fluchtversuch geholfen zu haben. Sechs Monate später sass er in der ersten Reihe, als seine Mutter gehängt wurde. Er war noch immer überzeugt, dass sie den Tod verdiente.

(Quelle: Youtube)

Shin Dong Hyuk zu seiner Flucht

Heute ist Shin Dong Hyuk 31 Jahre alt, es ist acht Jahre her, seit ihm seine eigene Flucht gelang. Gestern war er in Genf, um auf den desolaten Zustand der Menschenrechte in seiner früheren Heimat aufmerksam zu machen. Während des Interviews mit der «Nordwestschweiz» wirkt er ruhig und konzentriert, manchmal nestelt er verlegen an einem Couvert herum, das vor ihm auf dem Tisch liegt. Die Kuppe seines rechten Mittelfingers fehlt.

Der Einzige, der flüchten konnte

Nach allem, was man weiss, ist Shin Dong Hyuk bis heute der Einzige, der in einem nordkoreanischen Arbeitslager geboren wurde und dem die Flucht gelang. Seine Geschichte hat der amerikanische Journalist Blaine Harden im Buch «Flucht aus Lager 14» beschrieben. Die Schilderungen Shin Dong
Hyuks sind nicht in jedem Detail überprüfbar, aber Experten zweifeln nicht an ihrem Wahrheitsgehalt.

Es gibt aus den Arbeitslagern noch rund 60 weitere Augenzeugen, die sich heute ausserhalb Nordkoreas aufhalten. Sie erzählen unabhängig voneinander von demselben Alltag in den Lagern: Häftlinge werden vergewaltigt und zu Tode geprügelt von Wärtern, die schrankenlose Freiheiten geniessen. Jedes Jahr werden einige Häftlinge vor den Augen der anderen hingerichtet – alle müssen dabei zusehen und nur bei diesen Ereignissen sind Menschengruppen erlaubt. Regeln Nummer zwei: Es dürfen niemals mehr als zwei Häftlinge beieinander stehen.

Die Ernährung besteht aus kleinen Portionen Mais und Kohl. Den Menschen fallen mit der Zeit die Zähne aus und ihre Knochen bilden sich zurück. Sie arbeiten 12 bis 15 Stunden am Tag in der Landwirtschaft, in Fabriken, in Kohleminen, und sie sterben gewöhnlich an den Folgen der Unterernährung, bevor sie 50 Jahre alt sind.

Warum im Lager?

Shins Mutter sprach mit ihrem Sohn nie darüber, warum sie im Lager war, und er fragte sie nie danach. Shins Vater war seit Jahrzehnten eingesperrt, weil er der Bruder eines Mannes war, der nach Südkorea geflohen war. Shins Existenz war von den Wärtern arrangiert worden. Die Wärter hatten Mutter und Vater als Prämien füreinander ausgesucht, es war eine Belohnungsehe. Belohnt wurden üblicherweise jene, die besonders hart arbeiteten und die sich durch Spitzeldienste und Verrat bei den Wärtern einen Namen machen konnten. Aus dieser Belohnungsehe wurde die Mutter schwanger und sie brachte Shin im Lager zur Welt.

Shins erste Kindheitserinnerung ist eine Hinrichtung. Er weiss noch, wie sich eine Menschengruppe gebildet hatte und er zwischen den Beinen der Erwachsenen nach vorne krabbelte, wo ein Wärter eine Rede hielt. Dann krachten die Schüsse und Shin erschrak so sehr, dass er nach hinten fiel.

Eltern sahen sich vier- bis fünfmal

Seine Eltern durften sich vier- bis fünfmal im Jahr sehen. Shin wohnte mit seiner Mutter in einem Raum ohne Betten, Stühle oder Tische. Es gab kein fliessendes Wasser, kein Bad und keine Dusche. Shin war ständig hungrig. Er ass der Mutter die mageren Mais- und Kohlportionen weg. Sie schlug ihn.

Die Wärter sagten ihm immer wieder, er sei wegen der Sünden der Eltern im Lager. Ein besserer Mensch könne nur werden, wer seine Eltern denunziere. Regel Nummer vier: Den Wärtern ist bedingungslos zu gehorchen.

Er wusste nicht, dass es Menschen gibt, die sich Bürsten in den Mund stecken und damit ihre Zähne putzen. Er wusste nicht, dass es Menschen gibt, die vor Freude Lieder singen. Er kannte kein Geld, kein Google und keinen Gott.

Jeder muss wachsam sein

Dass es diese Dinge gibt, erfuhr er mit 23 Jahren. Er wurde beauftragt, einen neuen Häftling zu bespitzeln. Einen stämmigen Mann mit weissen Haaren, der im Ausland gelebt hatte, nach Nordkorea zurückgekommen war und sich mit hochgestellten Persönlichkeiten überworfen hatte. Regel Nummer sechs: Jeder Häftling muss andere Häftlinge im Auge behalten und wachsam sein.

Der Mann war anders als andere Häftlinge, er war noch nicht verschlossen. Er vertraute Shin und erzählte ihm von der Welt jenseits des Hochspannungszauns, jenseits des Lagers. Er erzählte, dass es dort Geld und Restaurants gibt und dass man in den Restaurants gegen Geld gebratenes Fleisch essen kann. Es gibt sogar Menschen, die nie Hunger leiden, erzählte der Mann. Shins Tage wurden zu einem Nachhilfekurs über diese ferne Welt voller Computer, Handys und Kreditkarten. Zum ersten Mal in seinem Leben fällte er eine eigene Entscheidung: den Mann nicht zu verraten. Dann kam die zweite Entscheidung: zusammen zu fliehen.

Der Mann blieb während der Flucht im Hochspannungszaun hängen und starb, Shin konnte über ihn hinüberklettern und überlebte.