Frankreich

Er schoss sich selbst ins Bein – die Blutspur überführte den Terroristen

In einem Pariser Vorort hat die Polizei einen Dschihadisten unmittelbar vor einem Attentatsversuch zufällig verhaftet. Der 24-jährige Algerier hatte bei einem Autodiebstahl eine Frau erschossen – aber auch sich selbst ins Bein.

Frankreich ist knapp einem neuen Terroranschlag entronnen. Ein 24-jähriger Informatikstudent wurde im Pariser Vorort Villejuif verhaftet, kurz bevor er einen Anschlag auf eine Kirche verüben konnte. Der Algerier Sid Ahmed Ghlam ging der Polizei nur durch einen tragischen Vorfall ins Netz: Wohl beim Versuch, ein Fahrzeug zu entwenden, erschoss der Täter am Sonntagmorgen die 32-jährige Fitnesslehrerin Aurélie Châtelain aus Nordfrankreich. Ihr gewaltsamer Tod war zunächst ungeklärt geblieben.

Kalaschnikow im Auto

Nach Polizeierkenntnissen schoss sich der Täter beim Raubüberfall zudem selber ins Bein. Er steckte das Fahrzeug in Brand und versuchte daraufhin, seine Wohnung im nahen 13. Stadtbezirk von Paris zu erreichen. Da er viel Blut verlor, musste er aber selber eine Ambulanz herbeirufen. Als die Polizei danach der Blutspur auf dem Trottoir folgte, entdeckte sie Ghlams eigenes Auto – und darin eine geladene Kalaschnikow, eine schussbereite Polizeipistole und Dokumente über Kirchen in Villejuif.

Im Fahrzeug der erschossenen Französin stellte die Polizei DNA-Spuren des Täters sicher. In seiner Wohnung stiess sie sodann auf Dokumente der Terrorgruppen al-Kaida und IS. Es fanden sich auch Zeittabellen mit Angaben, wie lange die Polizei bis zum Eintreffen an einen Tatort braucht.

Vor allem zeigte sich, dass Ghlams Namen auf der sogenannten «Sicherheitsliste» des französischen Inlandgeheimdienstes DGSI steht: Der Verhaftete soll 2014 und 2015 versucht haben, in den Dschihad in Syrien zu reisen. Pressemeldungen, wonach der Verhaftete Anfang dieses Jahres eine Woche in der Türkei war, wollte Staatsanwalt François Molins gestern Mittwoch allerdings nicht bestätigen.

Zu Anschlag auf Kirche angesetzt

Hingegen erklärte er, die Auswertung von Telefongesprächen habe ergeben, dass der Täter von Syrien aus telefonisch zum Anschlag auf eine Kirche in Frankreich angesetzt worden sei. In der ostfranzösischen Provinzstadt Saint-Didier, wo die algerischen Eltern des Verhafteten leben, verhaftete die Polizei gestern Mittwoch zudem eine Frau, deren Identität nicht bekannt gegeben wurde.

Regierungssprecher Stéphane Le Foll stellte jedes Versagen der Behörden in Abrede: Es sei schlicht unmöglich, alle Dschihad-Reisenden oder -Reisewilligen in Frankreich zu überwachen, sagte er. Abgesehen davon habe der Verhaftete keinen Attentatsverdacht geweckt. Schon bei den Anschlägen auf das Satireblatt «Charlie Hebdo» und den jüdischen Supermarkt in Paris von Anfang Januar war Kritik laut geworden, die Polizei habe die ihr bekannten Radikalislamisten zu wenig genau überwacht.

Ein neues Geheimdienstgesetz, das demnächst ins französische Parlament kommen soll, erweitert die Befugnisse der Ermittler massiv. Die Grüne Partei und andere Gegner dieses Gesetzes wenden ein, es hätte die «Charlie»-Anschläge auch nicht verhindern können.

In Frankreich gilt nach den «Charlie»-Anschlägen weiterhin die höchste Terror-Warnstufe. Staatspräsident François Hollande rief seine Landsleute angesichts dieses neuen Attentatsversuchs zur «Einheit» auf.

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