Russland

«Er ist nicht unser Zar»: Polizei greift hart gegen Putin-Kritiker durch

Polizisten führen in Moskau einen Demonstranten ab. Keystone

Polizisten führen in Moskau einen Demonstranten ab. Keystone

Zwei Tage vor der Amtseinführung Wladimir Putins greift die Polizei hart gegen die Kritiker des Präsidenten durch. Über 1600 Demonstranten sind zeitweise in Gewahrsam.

Vor dem Puschkin-Platz in Moskau stehen Absperrungen. Metallene Gitter, die für die Militärparade am 9. Mai Strassen von Bürgersteigen trennen. An diesem Tag gedenken die Russen des Siegs über Nazi-Deutschland. Doch bereits an diesem Tag kommen Gitter gelegen. Denn die Putin-Kritiker, die sich am 5. Mai auf dem Puschkin-Platz versammelt haben, sollen keineswegs den Strassenverkehr stören. Sie sollen gar nicht stören, lautet die Staatsdevise. In Moskau nicht, auch in anderen russischen Städten nicht.

Mit Schlagstöcken gegen Kinder

Die Mittel gegen die aufbegehrenden Menschen: Schlagstöcke und Festnahmen. Ob es dabei den Oppositionsführer Alexej Nawalny trifft oder einen Zwölfjährigen – die Polizisten in Kampfmontur, die in Russland «Kosmonauten» genannt werden, machen da offensichtlich keinen Unterschied. Dieses Mal gingen sie besonders rabiat vor – und bekamen fragwürdige Hilfe von Vertretern der kremltreuen Organisation NOD und Männern in Kosakenuniform. Diese schlugen auf die Menschen mit Fäusten und Peitschen ein und erklärten: «Jeder, der hier gegen Putin ist, handelt gegen das russische Gesetz.» Mehr als 1600 Menschen kamen russlandweit in Gewahrsam, über 700 allein in der Hauptstadt, wo die Proteste nach knapp zwei Stunden gewaltsam aufgelöst waren.

Schon die Vorbereitungen der Proteste unter dem Motto «Er ist nicht unser Zar» verheissen nichts Gutes. Die Stadtverwaltungen haben keine der Kundgebungen genehmigt. Die Menschen kommen dennoch, sie haben die staatliche Bevormundung satt. «Wir wollen keine Sklaven mehr sein», sagt Nawalny in seinem Protest-Aufruf einige Tage zuvor.

Die Sonne scheint, aus den Höfen dringt Jazz-Musik. «Komm, wir gehen mal schauen, was da passiert», sagt ein junger Mann zu seinen Bekannten. Eine Hundertschaft von Polizisten biegt in diesem Moment um den Platz, die Gruppe zögert. «Wir müssen ja keine Parolen schreien», meint der Mutige. Er und seine Freunde kennen keinen anderen Präsidenten als Wladimir Putin, der seit 18 Jahren an der Macht ist, zwischenzeitlich im Amt des Ministerpräsidenten. Am Brunnen mitten auf dem Puschkin-Platz halten einige Protestierende Plakate hoch. «Russland ohne Putin», steht darauf oder: «Weg mit dem Zaren». In mehr als 40 russischen Städten versammeln sich die Menschen, zwei Tage vor der Inauguration Putins, der am heutigen Montag seine vierte Amtszeit antritt.

Kein Ausweg aus dem System Putin

Es sind nicht viele, die in Moskau ausharren. Die Proteststimmung hat sich seit dem harten Durchgreifen des Staates samt langen Haftstrafen für die Teilnehmer der Anti-Putin-Demonstrationen vor sechs Jahren und der Annexion der Krim abgekühlt. Einige Nicht-Einverstandene haben das Land verlassen, viele andere bleiben zu Hause, weil sie auch bei Russlands zerstrittener Opposition keinen Ausweg aus Putins starrem System finden. Die Einschüchterung dieses Systems funktioniert. Viele, vor allem Staatsangestellte, haben Angst, ihren Job zu verlieren, wenn sie die Zustände offen kritisieren. Sie funktioniert so gut, dass die Staatsmacht oft gar keine «Kosmonauten» schicken muss, um auf die Menschen auch noch physisch einzudreschen.

Das harte Durchgreifen am vergangenen Wochenende schreckt indes selbst Vertreter des Apparates auf. Maxim Schewtschenko, ein Vertreter des von Putin einberufenen Menschenrechtsrates, will vor allem die Rolle von Kosaken aufgeklärt wissen. Einer Gruppe, die immer mehr als Hilfspolizist auftritt, wenn es um das Zurückdrängen Andersdenkender geht.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1