Erst war auch er geflohen. Wie alle. Naoto Matsumura, Bauer, 53, fragte seinen Cousin noch, wie schlimm es sei. Der musste es schliesslich wissen. Er arbeitet im teilexplodierten AKW Fukushima Daiichi. In ein paar Tagen sei alles vorbei, sagte der Cousin.

Trailer zum Dokumentarfilm «Alone in the Zone» (Quelle: youtube/VICEjpch)

Trailer zum Dokumentarfilm «Alone in the Zone»

Matsumura floh, fand aber nirgends Unterkunft. Also kehrte er auf seinen Hof in Tomioka in der Sperrzone zurück, wo einst fast 15 500 Menschen lebten. «Erst dann merkte ich, dass die Tiere darauf warteten, gefüttert zu werden», erinnert sich Matsumura. «Ich musste bleiben.»

Matsumura ist der letzte Einwohner von Tomioka, zu dessen Stadtgebiet das im März 2011 zerstörte AKW von Fukushima gehört. Heute ist der rüstige Bauer eine kleinere Berühmtheit, seit auf YouTube der 18-minütige Dokumentarfilm «Alone in the Zone» über den widerspenstigen Einzelgänger zu sehen ist, für den seine Kühe so viel wert sind wie Menschen.

Der meistverstrahlte Mensch Japans

Der Totgeweihte wirkt munter und kräftig, die Zigarette im Mundwinkel. Amüsiert erzählt, wie er sich von der Universitätsklinik Tokio untersuchen liess. Er musste sich in ein Gerät legen, das «wie ein Krematorium» aussah. Der Arzt gratulierte ihm. Er sei der meistverstrahlte Mensch Japans, werde aber noch 30 bis 40 Jahre nicht krank werden. «Bis dann bin ich eh tot», lacht Matsumura.

Die Strahlenwarnungen hält er für einen Witz. Wichtiger ist ihm das Los der Tiere. «Die kann man nicht einfach abschlachten.» Hunderttausende Hühner und über tausend Stück Vieh mussten schon sterben. «Sie litten entsetzliche Qualen.»

Strom gibt es keinen in der Sperrzone. In der Nacht ist es totenstill. «Es gibt Häuser, aber keine Menschen und Autos. Keine Lichter, keine Geräusche», sagt der Einzelgänger. «Das Gefühl, ganz allein zu sein, ist unbeschreiblich. Es war das Härteste, sich darüber im Klaren zu werden, dass man ganz allein ist.»

Umgeben von Stillstand und Tod trotzt Matsumura dem gesunden Menschenverstand, der sagt: nichts wie weg von hier! Matsumura fühlt sich wohl in seinem Trotz. An den Gedanken, vielleicht für immer der letzte Mensch in Tomioka zu sein, hat er sich längst gewöhnt.