Ländervergleich

Entspannte Schweden, zitternde Südkoreaner: So wappnet sich die Welt für die zweite Coronawelle

Maskenkontrolle in Paris: Frankreich fürchtet sich vor der zweiten Welle - und fährt die Coronamassnahmen wieder hoch.

Maskenkontrolle in Paris: Frankreich fürchtet sich vor der zweiten Welle - und fährt die Coronamassnahmen wieder hoch.

Die Pandemie geht in die nächste Runde. Die Vorzeichen scheinen sich geändert zu haben. Sechs ausgewählte Beispiele aus Ländern, in denen die zweite Welle anrollt – oder auch nicht.

Deutschland: Berlin verschärft die Reisewarnungen

Die Neuinfektionen in Deutschland sind auf dem höchsten Stand seit Ende April. Die täglichen Ansteckungen liegen bei rund 1700 – so hoch lag der Wert zuletzt Ende April. Allerdings stehen die hohen Coronazahlen auch im Zusammenhang mit deutlich mehr Tests als noch im Frühjahr. Inzwischen hat sich die Pandemie fast gleichmässig im Land ausgebreitet, fast 40 Prozent der positiv Getesteten haben sich im Ausland angesteckt. Neu stehen Teile Kroatiens auf die Liste der Risiko-Länder. Dort finden sich unter anderem bereits die Türkei und auch Spanien.

Für Rückkehrer aus diesen Ländern gilt eine Testpflicht und eine Zwangsquarantäne bis zum Vorliegen der Testergebnisse. Das Virus verbreitet sich vor allem durch Massenausbrüche in Innenräumen bei Partys, Familienfeiern, Restaurantbesuchen oder in Grossraumbüros. Kanzlerin Merkels Chef-Virologe Christian Drosten fordert deshalb, sich auf diese Superspreader-Anlässe zu konzentrieren, statt ungezielt zu testen und massenhaft Quarantänen zu verhängen. (crb)

Frankreich: Am Arbeitsplatz gilt Maskenpflicht

Auch in Frankreich wächst die Angst vor einer zweiten Welle. Seit zwei Wochen steigt die Zahl der Neuinfektionen ständig an. Zuletzt wurden jeden Tag deutlich über 2000 neue Fälle gezählt. Aus diesem Grund wurden die Hygiene-Regeln im täglichen Leben deutlich verschärft. Dazu zählt inzwischen auch eine Maskenpflicht am Arbeitsplatz. Überall, wo sich Mitarbeiter begegnen können, ist die Maske ab dem 1. September verpflichtend – ausgenommen sind Einzelbüros. Betroffen von der neuen Regelung sind etwa Besprechungsräume, Umkleideräume oder Gemeinschaftsbüros.

Im Kampf gegen das Virus hat Toulouse als erste Stadt eine Maskenpflicht über das gesamte Stadtgebiet verhängt. In Paris oder Lyon muss nur in den besonders belebten Vierteln ein Mund-Nase-Schutz getragen werden. Daneben gilt im ganzen Land eine Maskenpflicht in Geschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln. Frankreich ist von der Pandemie schwer getroffen worden. Bisher wurden rund 30'500 Todesfälle verzeichnet. (kkr)

Schweden: Sinkende Zahlen, keine Mundschutzpflicht

Schweden dagegen erlebt einen Sommer mit einer gewissen Entspannung: Seit Anfang Juli ist die enorm hohe Zahl der Toten auf einige wenige pro Tag gesunken, die der Hospitalisierungen ist tief sowie weiter rückläufig und die durchschnittliche Anzahl Neuansteckungen liegt nun auf dem Niveau der Schweiz. Staatsepidemiologe Anders Tegnell sieht als Hauptgrund für die Entwicklung eine relativ hohe Immunität in der Bevölkerung.

Im Hinblick auf den Herbst bleibt die Unsicherheit aber; Tegnell warnt vor steigenden Zahlen bei den unter 30-Jährigen und erwartet zumindest lokale Ausbrüche, denen man mit der verbesserten Testinfrastruktur begegnen will. An der weniger restriktiven Strategie hält Schweden fest; insbesondere gibt es keine Mundschutz-Empfehlungen, geschweige denn eine Pflicht. Allerdings bleibt die Grenze für Versammlungen bei 50 Personen, in Altersheimen gilt immer noch Besuchsverbot, Home-Office und Social-Distancing wird weiterhin empfohlen. (nan)

Neuseeland: Lockdown in der grössten Stadt des Landes

Vor knapp zwei Wochen freuten sich die Neuseeländer über hundert Tage ohne Coronavirus in der Bevölkerung. Einzig aus dem Ausland Heimgekehrte hatten Covid-19 während dieser Zeit ins Land gebracht, doch befanden sich sämtliche Infizierte in Quarantäneunterkünften. Vergangene Woche dann der Schock: Das Virus ist wieder im freien Umlauf, vier Personen hatten sich in Auckland angesteckt. Die Regierung schickte Neuseelands grösste Stadt innerhalb in einen zweiten Lockdown.

Nun gilt in Auckland die zweithöchste Alarmstufe. Bars, Museen und Bibliotheken sind wieder geschlossen. Restaurants können nur Take-Away-Essen anbieten. Die Bevölkerung ist angehalten, zu Hause zu bleiben. Eine massive Einschränkung gibt es seit Mitte März an den internationalen Grenzen: Diese sind zu und bleiben es wohl noch eine Weile. Einzig heimkehrende Einheimische und Spezialisten werden ins Land gelassen. In Neuseeland rechnet kaum jemand damit, dass sich das bis Ende Jahr ändern wird. (mst)

Japan: Verbote sind verboten

Nackte Angst trifft auf Vergnügungswut, die Befindlichkeiten in Japan driften weit auseinander. Die Hauptstadt Tokio und die Industriemetropole Osaka melden seit Wochen ansteigende Zahlen. Insgesamt steht Japan mit etwa 58'000 Infektionsfällen rund 1100 Toten international relativ gut da, aber die Tendenz und die Massnahmen empfinden viele Einwohner als beunruhigend.

Der Regierung sind allerdings die Hänge gebunden: Verbote sind laut Verfassung nicht zugelassen. So gibt es weder Ausgangssperren noch Beschränkungen im öffentlichen Leben. Die Menschen sind lediglich aufgerufen, Masken zu tragen, Abstand zu halten und Massen zu meiden. Befremdlich sind besonders die Hotspots. In Tokio und Osaka sind die Amüsierviertel die ausgemachten Infektionszonen, in denen sich viele junge Menschen anstecken. Die einzig wirksame Massnahme ist ein rigider Einreise-Stopp. Für Bürger aus 140 Staaten, darunter ganz Europa, gilt ein striktes Reiseverbot in das fernöstliche Inselreich. (ako)

Südkorea: Der Musterschüler steht vor der Zerreissprobe

Jun Kwang-hun ist derzeit der berüchtigtste Covid-Patient Südkoreas: Am letzten Samstag hat der mächtige Pastor Tausende, meist ältere Anhänger seiner «Sarang Jeil»-Kirche mobilisiert, um gegen Präsident Moon Jae-in zu protestieren. Zwei Tage später hat sich Jun selbst mit dem Virus angesteckt – genau wie bislang weit über 450 Gemeindemitglieder. Bislang galt Südkorea als Corona-Musterschüler. Kaum ein Land hat die Pandemie derart rasch unter Kontrolle bekommen.

Nun jedoch steht das Land vor dem Abgrund: «Wir betrachten die derzeitige Situation als Anfangsstadium einer flächendeckenden Übertragung», sagte Jung Eun-kyeong, Leiterin der koreanischen Behörde zur Seuchenprävention. Die Konsequenz: Die Fussballstadien, deren Zuschauerränge bereits zu 30 Prozent gefüllt werden durften, müssen wieder ohne Publikum auskommen. Schulklassen müssen ihre Klassengrösse mindern. Und vor allem: Kirchen dürfen Gottesdienste nur streng ohne Körperkontakt abhalten. (fkr)

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