Auf dem Autobahnzubringer zum Fährhafen von Calais suchen zwei Gendarmen mit Feldstechern das endlose Gewirr aus Hütten, Zelten und Plastikverhauen ab, das sich zu ihren Füssen in den Sanddünen ausbreitet. Derzeit herrscht gerade Ruhe im «neuen Dschungel», dem wilden Lager von schätzungsweise 4000 Migranten aus Nordostafrika und dem Mittleren Osten. Aber das ist nicht immer so. Manchmal werfen die Flüchtlinge Reifen auf die Hochstrasse ausserhalb von Calais und springen dann auf die bremsenden Sattelschlepper, die nach England übersetzen. Sie wollen nach Dover und dann nach London. 

Jetzt döst das Bidonville gerade in der Mittagssonne. Nur um Punkt 12 Uhr kommt kurz Bewegung in die Elendsiedlung, als humanitäre Helfer die Pforten zur Ladestation für Handybatterien nicht schnell genug öffnen. Dutzende von jungen Männern springen behände über den zwei Meter hohen Metallzaun. Eine kleine Warmlaufübung für den Abend. Um den Hafen und den Tunnel sind die Stacheldrahtverhaue in den letzten Monaten ebenso verstärkt worden wie die Sicherheitsequipen. Vor Wochenfrist haben sich die Briten und Franzosen auf neue Kredite dafür geeinigt. An sich ist für die Migranten kein Durchkommen mehr in Calais. 

Der britische Premierminister Cameron: Lage in Calais ist «sehr besorgniserregend».

Der britische Premierminister Cameron: Lage in Calais ist «sehr besorgniserregend».

Deshalb ist die Ruhe im «Dschungel» trügerisch. «Die Spannung ist gross, die Gewalt nimmt zu», meint Ludovic Hochard von der Polizeigewerkschaft Unsa. «Die Staulage macht das Lager zu einem Pulverfass. Das sorgt für Konflikte zwischen den ethnischen Gruppen und mit der albanischen und kurdischen Schleppermafia.» Diese profitiert von der Nachfrage und erhöht ihre Tarife. Die Polizei kommt längst nicht mehr nach bei ihrer Bekämpfung. «Eine Schlepperbande zu überführen, erfordert mehrere Monate», erklärt Hochard. «Ihre Nachfolger brauchen hingegen nur ein paar Tage, um an ihre Stelle zu treten.»

Bis 8000 Euro für die Überfahrt

Derzeit koste ein garantierter Sprung über den Kanal – zum Beispiel mit einem gekauften Lastwagenchauffeur – 5000 bis 8000 Euro, meint der Experte. Bezahlen müssen die Flüchtlinge meist schon im Ursprungsland. Viele in Calais sind aber mittellos und können sich nur auf ihre Muskelkraft verlassen, indem sie über vier Meter hohe Zäune klettern und auf anfahrende Laster hechten.

Zahi, der seinen Unterarm in einem brandneuen Gips des hiesigen Unispitals trägt, will trotzdem nicht von seiner England-Idee ablassen. «Dort habe ich Verwandte, dort finde ich Arbeit», sagt der junge Ägypter in gebrochenem Englisch, aber mit unverwüstlichem Optimismus. Wie viele seiner Weggefährten im Eldorado jenseits des Kanals angekommen sind, weiss er nicht. Das weiss niemand. Die Migranten werden nicht einmal registriert. Wie viele sind gescheitert, wie viele umgekommen? Zahi zuckt die Schultern, ähnlich wie der Zollpolizist Hochard. Seit Juni haben die Behörden offiziell neun tote Migranten gezählt. Ein Flüchtling starb, als er den Kanal durchschwimmen wollte. Wie viele andere es wohl durch die Wellen versucht haben?

Die Frage stellt sich auch Marie, eine zierliche ältere Lehrerin aus einem Nachbarort von Calais. Sie gibt einigen Sudanesen im «Dschungel» Französisch-Unterricht. Das Schulzimmer, schwer zu finden in dem Dschungel-Labyrinth, besteht aus einem Holzgerüst mit wasserdichtem Überzug. Dazu ein paar Tischchen im Sandboden. «Wie in Afrika», lacht Marie, die einmal in Burkina Faso unterrichtet hatte und sich in dem nicht ungefährlichen Slum unbeschwert bewegt, obwohl sie hier die einzige weisse Frau weit und breit ist.

«England ist nicht besser»

Auch Mayedin und Anoua lachen zu der Bemerkung. Viel mehr Französisch verstehen die rund 20-jährigen Schüler aber nicht. Am einzigen Wandbehang prangen Buchstaben – B für Bonjour, L für Liberté, N für Nord und Non. Norden und Nein reimt sich hier: Als hätten die Sudanesen erkannt, dass in Calais Endstation sein könnte, haben sie selber die Initiative ergriffen, um Französisch zu lernen. Sie haben umgedacht und wollen in Frankreich bleiben, hier ein Asylgesuch stellen.

Der Secours Catholique verschaffte den jungen Moslems die Mittel für die Schulhütte und die Lehrerin. Marie erzählt den Jungs, sie habe bereits drei Afghanen die Sprache Voltaires beigebracht. Heute machten sie in Nordfrankreich eine Ausbildung als Elektriker; einer wolle sich demnächst selbstständig machen und nach Paris ziehen. «England ist nicht besser», schliesst Marie ihren Exkurs ab. Und zum Journalisten gewandt: «Wir müssen den Ankommenden unbedingt klar machen, dass hier kein Weiterkommen mehr ist. Und den europäischen Regierungen, dass sie ihre Asylpolitik endlich aufeinander abstimmen. Sonst nimmt dieser Menschenstau hier noch ein böses Ende.»

Wasser, Strom und Toiletten

Die französische Regierung hat die Gefahr auch erkannt. Sie finanziert ein Auffanglager für Frauen und Kinder am Rande des Dünenlagers. «Ärzte ohne Grenzen» hat inmitten der Zelte eine improvisierte Klinik eingerichtet, und die Stadt Calais hat nach einer Wasser- soeben auch eine Stromleitung gezogen und eine Toiletten-Reihe errichtet. 30 Wasserstellen ändern natürlich kaum etwas an der Misere von 4000 Bewohnern. Langsam erhält der «Dschungel» aber eine Infrastruktur wie eine brasilianische Favela. Beim Gang durch das Gassengewirr sieht man Eritreer eine Holzbaracke bauen, während ein Syrer zwischen einem Freiluft-Coiffeur und mannshohem Gebüsch einen Budenstand aus Konserven-Büchsen einrichtet. Ein Zelt mit grünem Eingang ist die Moschee, eines mit einem Holzkreuz die Kirche. Auch Quartiertreffpunkte bilden sich; das grösste Zelt heisst «Afghanistan».

Der Kontrast zum Stadtzentrum von Calais könnte nicht grösser sein: Dort, in der verarmten Hafenstadt (Arbeitslosigkeit: 17 Prozent), sind die Migranten aus dem Stadtbild verschwunden. Vor einem Jahr noch prägten sie das Stadtbild, was Gegendemonstrationen von Rechtsextremen («Werfen wir sie raus») provozierte.