«Am 6. Februar schreiben wir Geschichte», twitterte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Immerhin wartet die ehemalige jugoslawische Teilrepublik Mazedonien seit 12 Jahren auf Beitrittsverhandlungen mit dem nordatlantischen Verteidigungsbündnis. Zur feierlichen Unterzeichnung des Beitrittsprotokolls wird Verteidigungsminister Nikola Dimitrov in Brüssel erwartet. Den Weg freigemacht hat das sogenannte Prespa-Abkommen vom Vorjahr, in dem Griechenland und Mazedonien den 27 Jahre währenden Nachbarschaftskonflikt beigelegt und sich auf den neuen Staatsnamen Nordmazedonien geeinigt haben.

Ehe der kleine Balkanstaat, etwa halb so gross wie die Schweiz und zwei Millionen Einwohner, voraussichtlich 2020 als 30. Mitglied aufgenommen werden kann, müssen noch alle Nato-Mitgliedsstaaten zustimmen. Das dürfte glattgehen: Denn die strategische Bedeutung Nordmazedoniens reicht weit über seine Grösse hinaus. Seit Russland und China immer stärkeres geopolitisches und wirtschaftliches Interesse an der Balkanregion zeigen, kann sich Europa die Hinhaltepolitik in puncto Süderweiterung immer weniger leisten, will es weiterhin in der Region mitreden. Vor allem die USA haben zuletzt viel Druck auf Europa ausgeübt.

Vorwürfe aus Moskau

Russland warf der Nato mehrfach vor, Nordmazedonien «gewaltsam einverleiben» zu wollen. Im Gegenzug bezichtigten die USA den Kreml, das Prespa-Abkommen zu torpedieren. Moskau unterstützt die oppositionellen Nationalisten, die gegen die Aussöhnung mit Griechenland und den Nato-Beitritt sind, seit Jahren. Die nationalistische Partei VRMO-DPMNE, die 2016 nach zehnjähriger Machtausübung abgewählt worden war, will jetzt mit der Forderung nach Neuwahlen den Beitrittsprozess unterlaufen. Was auch im Sinne Russlands wäre.

Worauf der sozialdemokratische Premier Zoran Zaev freilich nicht eingeht. Doch muss er mit weiteren Protesten der Strasse rechnen. Zaev glaubt allerdings die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich: Laut offiziellen Angaben begrüssen 80 Prozent der Mazedonier den Nato-Beitritt. Kürzlich sagte Zaev vor Journalisten in Wien, sein Land sei darauf «gänzlich vorbereitet». Er erwarte, dass im kommenden Juni auch mit der EU-Kommission die Beitrittsverhandlungen beginnen können.

Mit Slowenien (2004), Kroatien (2009), Montenegro (2017) und bald auch Nordmazedonien gehören vier von ehemals sechs jugoslawischen Teilrepubliken zum westlichen Verteidigungssystem. Russlands Präsident Wladimir Putin hat zunehmend aggressiv auf die Nato-Südosterweiterung reagiert. Es begann im Oktober 2016 mit einem vom russischen Geheimdienst mit serbischer Mithilfe gesteuerten Putschversuch gegen die Führung Montenegros, um dessen Nato-Beitritt zu vereiteln. Moskau ging dabei die kleine Bergrepublik an der Südadria als potenzieller militärischer Stützpunkt gegenüber dem Nato-Land Italien verloren. Hingegen sicherte sich die Nato mit der letzten Lücke Montenegro die Kontrolle über die gesamte ostadriatische Küste. Gleichwohl dürfte sich das geopolitische Gezerre um den Balkan weiter verschärfen. Für Russland bleibt immerhin Serbien als starker Verbündeter. Ohne die strategisch wichtigste Regionalmacht ist ein nachhaltiger Frieden auf dem Balkan wohl nicht denkbar.

Kaum überlebensfähig

Der heisseste Zankapfel zwischen West und Ost ist Kosovo, dessen nach dem Krieg 1998/99 mit Nato-Hilfe errungene Eigenstaatlichkeit Serbien nach wie vor nicht akzeptiert und dabei von Russland auf internationalem Parkett (UNO-Sicherheitsrat) unterstützt wird. Eine Lösung zeichnet sich nicht ab. Völlig ungewiss bleibt das Schicksal der geteilten Vielvölkerrepublik Bosnien-Herzegowina, die zwischen West und Ost zerrissen zu werden droht. Der serbische Teilstaat Republika Srpska will aus dem Gesamtstaat austreten und würde damit wohl mit Serbien zur Beute Russlands. Demnach wäre die zwischen muslimischen Bosniaken und katholischen Christen (Kroaten) geteilte Föderation als eigener Staat wohl kaum überlebensfähig.