Wenigstens im Ausland wirkt der Macron-Effekt weiter. Laut der amerikanischen Zeitschrift «Fortune» ist der französische Staatschef die weltweit einflussreichste Persönlichkeit unter 40 Jahren, direkt vor Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Bis zu seinem nächsten Geburtstag am 21. Dezember darf der 39-Jährige diesen internationalen Status noch vier Monate lang geniessen.

In Frankreich selbst ist Emmanuel Macron nach seinen ersten 100 Tagen im Élysée-Palast bereits auf dem Boden der Realität gelandet. 62 Prozent der Franzosen sind laut Umfrage unzufrieden mit ihm. Die Zustimmungsquote liegt nur noch bei 36 Prozent. Bloss Jacques Chirac (1995–2007 im Amt) war nach seinem Einzug ins Élysée schneller unpopulär geworden. Sogar wenig beliebte Vorgänger wie François Hollande oder Nicolas Sarkozy hatten sich nach Ablauf ihrer 100-tägigen Schonfrist besser gehalten im Amt als Macron.

Erstaunlich ist dessen schrumpfende Quote nur bis zu einem gewissen Grad. Nachdem ihm während des aufreibenden Präsidentschaftswahlkampfes immer wieder das Glück hold gewesen war, war ein Rückschlag zu erwarten gewesen. Trotzdem erstaunt Macrons Popularitätseinbruch gerade ausserhalb der Landesgrenzen. In Frankreich, wo die wirtschaftliche Stimmung nach wie vor gedrückt ist, ist die Verwunderung weniger gross.

Kein Aufschwung in Sicht

Die leichte Besserung am Konjunkturhimmel ist noch nicht bis zu den Franzosen durchgedrungen: Viele Wirte klagten auch im Hochsommer über ausbleibende Kunden, die Industriellen über fehlende Aufträge; und die Millionen von «Chômeurs» (Arbeitslosen) finden so wenig wie bisher einen Job. Macrons Strukturreformen wie etwa die Liberalisierung des Arbeitsrechts werden – wenn überhaupt – frühestens 2019 oder gar 2020 Früchte tragen. Für konjunkturelle Ankurbelungsmassnahmen hat der französische Präsident aber kaum Spielraum: Der Rechnungshof hat kürzlich eruiert, dass Hollande ein bedeutend tieferes Loch in der Staatskasse hinterlassen hat, als er angegeben hatte.

Analysiert man die Umfragewerte Macrons etwas genauer, zeigt sich rasch, dass dem Mittepolitiker heute der Wind gleich von zwei Seiten hart ins Gesicht weht. Die Linke, allen voran Jean-Luc Mélenchons «Unbeugsame», sowie die militante Gewerkschaft CGT misstrauen dem technokratischen Ex-Banker mehr denn je. Für September organisieren sie harten Widerstand gegen das neue Arbeitsrecht. Der Unternehmerverband Medef findet seinerseits immer mehr Haare in Macrons zusammengemixter Wirtschaftssuppe und kritisiert neuerdings seine «negativen Massnahmen» fiskalischer Art.

Damit zeigt sich erstmals ein Effekt, der in dem politisch so polarisierten Frankreich eigentlich auch nicht überraschen kann: Nachdem Macron mit seiner zentristischen Bewegung «en Marche» bis zur Wahl breitflächig abgesahnt hatte und tief in die Wählerschaften der Sozialisten oder der Bürgerlichen eingedrungen war, wird nun klar, wie labil seine Zentrumsposition ist.

Er ist eben kein Barack Obama

In der Wirtschaftszeitung «Les Echos» macht der Journalist Constant Méheut einen wichtigen Unterschied zwischen dem französischen Präsidenten und dem früheren US-Präsidenten Barack Obama aus. Obama konnte sich nach dem Erfolg seiner Wahlbewegung «Obama for America» auf die eingespielte Demokratische Partei abstützen, als er im Weissen Haus angelangt war. Macron bekundet hingegen viel Mühe, die spontane Internetformation seiner Wahlzeit in eine schlagkräftige Partei namens «La République en marche» zu verwandeln.

Zudem scheint er im Amt doch nicht ganz an das Geschick oder zumindest die Eleganz eines Barack Obama heranzukommen. Mit der Desavouierung des – danach zurückgetretenen – Armeechefs Pierre de Villiers legte Macron eine autoritäre Haltung an den Tag, die zweifellos auf seine jugendliche Unerfahrenheit oder gar Unsicherheit zurückzuführen ist. Wahre Autorität sieht anders aus. Auch schliesst sie, wie Macrons innenpolitische Leitfigur Charles de Gaulle vorgemacht hatte, Volksnähe nicht aus. Macron gibt sich hingegen unnahbar. Am Nationalfeiertag weigerte er sich, seine Landsleute mit dem traditionellen Präsidialinterview in die Sommerferien zu entlassen. Schlimmer noch: Er tat dies mit dem abgehobenen Argument, seine Gedanken seien «zu komplex» für das TV-Publikum.

In der Folge versuchte sich Macron wieder «populaire (volksnah) zu geben, indem er die Sängerin Rihanna empfing, im Meltingpot Marseille Ferien macht oder Publikumsrenner wie die Salzburger Festspiele besucht. Das alles riecht nach schwerfälligem Politmarketing, als wäre Macron die natürliche Siegerpose abhandengekommen.

Beinharte Arbeit

Noch ist das politische Schicksal des jungen Präsidenten nicht besiegelt. Bringt er die Arbeitsmarktreform im Herbst auf einigermassen akzeptable Weise durch, wird er in der Lage bleiben, weitere politische Kastanien aus dem Feuer zu holen und seine fünfjährige Amtszeit erfolgreich abzuschliessen. Aber die Aura eines Shootingstars, dem alles etwas leichter fällt, hat er bereits verloren. Die restlichen 1700 Tage seiner Amtszeit werden kein «Gang über Wasser» mehr sein, wie es anfangs hiess, sondern harte Arbeit. Beinharte Arbeit.