Er redete sich in Rage. Er beschimpfte den Moderator und Israel. Schliesslich stand Recep Tayyip Erdogan mitten in der Podiumsdiskussion auf und stürmte von der Bühne. Das war auf dem Weltwirtschaftsforum 2009 in Davos, und es ging um den Gaza-Krieg.

Acht Jahre liegt dieser Vorfall zurück. Erdogans Anhänger erinnern noch immer daran wie an eine gewonnene Schlacht. Seine Gegner in der Türkei schämen sich für ihren Präsidenten.

Nun rechnen viele mit einem weiteren Davos-Moment. Am Dienstag trifft Erdogan seinen amerikanischen Amtskollegen Donald Trump in Washington. Die Begegnung sollte einen Neuanfang in den türkisch-amerikanischen Beziehungen einleiten. Doch danach sieht es nicht mehr aus.

Zwar haben sich Erdogan und Trump mehrfach ihre gegenseitige Wertschätzung versichert. Die beiden teilen einen autoritären Regierungsstil, die Verachtung gegenüber Journalisten und einer unabhängigen Justiz. In Ankara wurde der Wechsel von Barack Obama zu Trump euphorisch begrüsst. Der US-Amerikaner wiederum war der erste westliche Staatschef, der Erdogan zu seinem knappen Sieg beim Verfassungsreferendum am 16. April gratulierte.

Die USA wollen keine Rücksicht mehr auf die Türkei nehmen

In den vergangenen Tagen und Wochen aber ist das Verhältnis deutlich abgekühlt. Mehr noch: Der Krieg in Syrien hat die beiden Nato-Partner entzweit.

Schliesslich verfolgen die USA und die Türkei in dem Bürgerkriegsland entgegengesetzte Interessen. Die Amerikaner wollen um jeden Preis den sogenannten «Islamischen Staat» (IS) besiegen. Trump braucht, nicht zuletzt nach der umstrittenen Entlassung von FBI-Chef James Comey, dringend einen PR-Erfolg. Er setzt im Krieg gegen den IS in erster Linie auf die YPG, den syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK.

Ankara jedoch betrachtet die PKK/YPG als Terrororganisation. Türkisches Militär und die Rebellengruppe bekämpfen sich seit Jahrzehnten. Die YPG soll, laut Aussagen türkischer Politiker, an Attentaten in der Türkei beteiligt gewesen sein.

Die türkische Regierung versucht mit aller Macht, die USA zu überreden, bei dem geplanten Sturm auf die IS-Hochburg Rakka auf Truppen der Freien Syrischen Armee (FSA) und türkische Spezialeinheiten statt auf Kurden zurückzugreifen. Hochrangige Beamte aus der Türkei, darunter Geheimdienstchef Hakan Fidan, sprachen deshalb gerade erst in Washington vor.

Die US-Regierung aber scheint mehr denn je davon überzeugt, dass die YPG als einzige Kraft dazu in der Lage ist, Rakka vom IS zu befreien. Trumps Vorgänger Obama hatte die Operation aus Rücksicht auf die Türkei über Monate hinweg immer wieder verschoben. Nun sind die USA offensichtlich nicht länger gewillt zu warten.

Möglicher Deal in Washington

Das amerikanische Verteidigungsministerium gab vergangene Woche bekannt, schwere Waffen an die YPG zu liefern. Ankara betrachtet dies als eine Art Kriegserklärung und sorgt sich, dass die Waffen später gegen die Türkei eingesetzt werden könnten. Premier Binali Yildirim drohte den USA mit Konsequenzen.

Erdogan selbst hielt sich mit Attacken gegen die Amerikaner zurück. Er glaubt offenbar nach wie vor, Trump im persönlichen Gespräch für eine Kursänderung gewinnen zu können. Beobachter halten es jedoch für mehr oder weniger ausgeschlossen, dass die USA in Syrien von den Kurden abrücken. Zu weit sind die Pläne fortgeschritten.

Es ist denkbar, dass sich Erdogan und Trump auf einen Deal verständigen, wonach Ankara eine Beteiligung der YPG an der Rakka-Operation hinnimmt und die USA im Gegenzug einen Angriff der Türkei gegen die PKK im Nordirak unterstützen.

Das türkische Militär hat Ende April bereits Stellungen der Kurden-Organisation in der Region Sindschar bombardiert. Ankara fürchtet, dass die PKK in Sindschar eine zweite Präsenz neben ihrem Hauptquartier in den Kandil-Bergen errichtet. Ein türkisch-amerikanischer Vorstoss in Sindschar würde den USA nicht nur ein Glaubwürdigkeitsproblem verschaffen, sondern auch die irakische Zentralregierung in Bagdad befremden, die die Intervention als Invasion verstehen dürfte.

Erdogan läuft Gefahr, Washington mit leeren Händen zu verlassen. Er könnte in diesem Fall eine offene Konfrontation mit den USA suchen. Sein Berater Ilnur Cevik hat bereits indirekt damit gedroht, die Türkei könnte US-Truppen in Syrien bombardieren. Der Krieg in Syrien würde dadurch noch unberechenbarer.