Interview

Einziger Schweizer im coronafreien Mikronesien: «Hier kommt keiner mehr rein»

Traditionelle Häuser auf Yap. Auch zu sehen: Das runde Steingeld. Hierher hat es das Coronavirus noch nicht geschafft.

Traditionelle Häuser auf Yap. Auch zu sehen: Das runde Steingeld. Hierher hat es das Coronavirus noch nicht geschafft.

Die Föderierten Staaten von Mikronesien gehören zu den ganz wenigen Ländern, in denen das Coronavirus (noch) nicht ausgebrochen ist. Wir sprachen mit Fredy Gull, dem einzigen Schweizer im Inselstaat. Das Coronavirus hat auch sein Leben verändert.

19 Staaten haben bisher noch keinen Corona-Fall bei der WHO gemeldet (Stand: 11.4.). Es sind diese:

Jemen, Kiribati, Komoren, Lesotho, Macau, Marshallinseln, Mikronesien (Föderierte Staaten von Mikronesien), Nauru, Nordkorea, Palau, Samoa, Solomonen, Tadschikistan, Tonga, Turkmenistan, Tuvalu, Vanuatu, Westsahara (Territorium).

Zu sehen sind nur wenige der 19 Staaten, da es sich bei vielen um kleine Inselstaaten handelt.

Zu sehen sind nur wenige der 19 Staaten, da es sich bei vielen um kleine Inselstaaten handelt.

Bei einigen der erwähnten Ländern darf man ein Fragezeichen dahinter setzen und die Richtigkeit der Angaben anzweifeln. Kleine Inselstaaten irgendwo im (Süd-)Pazifik haben dagegen gute Chancen, wirklich (noch) coronafrei zu sein. So zum Beispiel die Föderierten Staaten von Mikronesien. Oder noch genauer: Yap, einer der vier Inselstaaten des Landes.

Hier liegt Yap und das rund 800 Kilometer entfernte Guam.

Hier liegt Yap und das rund 800 Kilometer entfernte Guam.

Auf der Insel, die rund so gross wie Manhattan ist (zirka 18 km lang und maximal 3 km breit) und auf der rund 11'000 Einwohner leben, ist kein Corona-Fall bekannt. Einer der 11'000 Einwohner ist Fredy Gull. Wir porträtierten den Schweizer vor gut 18 Monaten. Fredy lebt noch immer auf der Insel. Im Interview berichtet er über das Leben in einem (noch) coronafreien Land.

Fredy Gull, unser letztes Gespräch ist rund anderthalb Jahre her. Die Ultra-Kurzform davon: Du lebst seit 2001 auf Yap, arbeitest für ein Hotel und braust dort Bier. Hat sich da in der Zwischenzeit etwas geändert?
Fredy Gull:
Nein, das trifft noch immer zu. Es wäre Hochsaison jetzt, wir haben das schönste Wetter. Es regnet sehr wenig, vieles ist schon dürr und braun. Aber etwas ist doch sehr anders: Es ist jeder Tag wie ein Sonntag.

Wie meinst du das?
Die Schulen sind geschlossen, viele Ämter sind aktuell zu, andere arbeiten nur noch sporadisch, unser Hotel ist geschlossen, es hat keine Touristen, es gibt keine Flüge – auch innerhalb der Föderierten Staaten Mikronesiens –, Social Distancing ist empfohlen.

Fredy Gull in seiner Brauerei auf Yap.

Fredy Gull in seiner Brauerei auf Yap.

Aber ihr habt keinen Coronafall auf Yap oder in ganz Mikronesien.
Ich habe keine genauen Daten und kann nur für Yap sprechen. Der WHO meldeten wir keinen Fall. Das ist schon beruhigend zu wissen. Hier in Yap bin ich sicher, dass wir keinen Fall haben, da habe ich eine sehr gute Quelle. Es wäre schön, wenn wir ungeschoren davon kämen.

Wie konnte das auf Yap verhindert werden?
Schon Ende Februar konnte niemand mehr ins Land, der aus einem betroffenen Land kam oder in den Wochen zuvor durch eines reiste. Seit Anfang März müssen alle, die einreisen, für 14 Tage vom Flughafen aus direkt in Quarantäne. Aktuell kommt gar niemand mehr rein, nicht einmal Einheimische.

Auf Yap wirkt aktuell jeder Tag wie ein Sonntag, obwohl das Virus die Insel noch nicht erreicht hat.

Auf Yap wirkt aktuell jeder Tag wie ein Sonntag, obwohl das Virus die Insel noch nicht erreicht hat.

Ihr habt also total dicht gemacht. Was wäre denn, wenn sich das Virus doch einschleichen könnte?
Auf Yap sind wir nicht ausgerüstet für so etwas. Unser Spital ist dafür nicht bereit. Als im letzten Jahr das Dengue-Fieber ausbrach, hat man gut gearbeitet, aber Corona ist eine Schuhnummer grösser.

Du arbeitest für ein Hotel. Da fehlen aktuell die Touristen.
Das ist so. Niemand ist hier. Das Hotel hat bis auf Weiteres geschlossen. Das war ein Schock zu Beginn. Oder ist es noch immer. Aber aktuell scheint es, dass es die richtige Entscheidung war. Ich schaue jeden Tag vorbei und gehe in die Brauerei, um zu überprüfen, dass nichts Unerwünschtes passiert ist. Zudem helfe ich bei der Hydroplantage, wo wir Salat angepflanzt haben.

Der Salat wäre normalerweise für das Hotel gedacht. Was geschieht jetzt damit?
Der wächst natürlich weiter. (lacht). Da wir ihn nicht verwenden können, verkaufen wir ihn an Private.

Und Bier brauen macht aktuell wohl auch nicht mehr viel Sinn.
Ich habe noch 1000 Liter an Reserve. Brauen muss ich aktuell also nicht. Da habe ich noch eine kleine Anekdote: Wir schickten unser Bier dieses Jahr nach Lyon an einen internationalen Wettbewerb. Leider konnte dieser wegen Corona (noch) nicht durchgeführt werden. Ich arbeite sowieso gerade freiwillig. Lohn gibt es keinen, wir Hotelangestellten haben vorübergehend frei.

Das Sozialsystem dürfte nicht auf dem Schweizer Niveau sein. Mit anderen Worten: Wer nicht arbeitet, verdient nichts.
Für die meisten ist das so. Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube, Beamte erhalten weiterhin ihren Lohn. Für mich kann ich sagen: Ich komme über die Runden. Und es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, dass das Virus hier nicht rumlungert.

Yap ist aktuell total isoliert.

Yap ist aktuell total isoliert.

Wie wird die Bevölkerung informiert?
Grundsätzlich über das Radio. Ich werde von Freunden informiert, da ich kein Radio höre. Das Leben ist soweit normal, wir können uns frei bewegen, sind halt einfach total isoliert. Aber eben: Es fühlt sich an wie jeden Tag Sonntag.

Wie sieht es denn mit der Versorgung aus?
Es kommt einmal im Monat ein Schiff mit Lebensmitteln. Ich glaube nicht, dass wir einmal hungern müssten. Dazu gibt es einmal die Woche einen Flug: Nur Cargo und Post, keine Passagiere.

Woher kommt das Flugzeug?
Das ist das einzige, was uns hier etwas Sorgen betreffend dem Einschleppen des Virus bereitet. Es kommt aus Guam. Dort liegt ja der amerikanische Flugzeugträger mit Corona-Infizierten an Bord. Auf Guam gibt es auch schon Fälle (Anm. d. Red.: Gemäss der WHO 128, Stand 10.4.). Das Spital dort ist für so einen Ausbruch auch nicht vorbereitet. Wenn sich das Virus dort verbreitet, könnte es vielleicht auch einen Weg auf ein Schiff und schliesslich auf Yap finden.

Die Hauptinseln Mikronesiens werden beliefert. Aber wie sieht es mit den vielen kleineren Inseln aus?
Ich denke, die haben alle auch mitbekommen, dass es das Coronavirus gibt. Allerdings hat die Pacific Missionary Aviation (PMA), welche normalerweise für Verbindungen zu Luft und Wasser sorgt, ihre Flüge eingestellt. Die Flugzeuge stehen jetzt auch in Guam. Aber die wenigen Einwohner auf den kleinen Inseln sind nicht von Lieferungen abhängig.

Wann glaubst du, dass die Massnahmen gelockert werden?
Das kann ich nicht sagen. Wir werden es sehen. Ich hoffe, dass sie noch bestehen bleiben, so können wir das Virus von der Insel fern halten. Aber ewig wird das nicht so weitergehen.

Wie geht es mit dir weiter. Hast du an eine Rückkehr in die Schweiz gedacht?
Nein, das ist keine Option. Ich habe nichts mehr in der Schweiz. Ich bleibe hier bis ans Ende meiner Tage.

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