Der pensionierte New Yorker Polizist hatte nach dem 11. September 2001 monatelang mit den Folgen des Terroranschlags zu tun gehabt. Er hatte mit Hinterbliebenen gesprochen und auf der Trümmerdeponie den Schutt nach Habseligkeiten und Überresten der Opfer durchsucht.

Nach dem Schreck der ersten Stressattacke schwieg er noch monatelang; seine Vorgesetzten brauchten nicht zu wissen, dass es ihm Jahre nach dem Einsatz nicht gut ging. Dann musste er eines Tages zum Gericht in Manhattan, nicht weit von der Stelle, an der einst das World Trade Center stand - und er bekam einen Panikanfall.

Da beschloss er endlich, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, und meldete sich zu einem Programm der Stony Brook Universität auf Long Island. «Die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe», räumt er ein.
Die Fachleute des Behandlungs- und Betreuungsprogramms kümmerten sich bislang um 6'000 Einsatzkräfte. Polizisten, Feuerwehrleute, Bauarbeiter und andere Helfer der ersten Stunde, die an der Behandlung teilnehmen, berichteten vor der Kamera von ihren Erlebnissen.

Ein Dokumentarfilm ihrer Erinnerungen und ein Begleitbuch mit dem Titel «Wir hauen nicht ab» kommen zum zehnten Jahrestag der Anschläge heraus.

«Wir hauen nicht ab»

150 Aufnahmen sind es bis jetzt, 911 will der Leiter des Programms, Benjamin Luft, bis zum 11. September 2012 zusammen haben und sie später der Kongressbibliothek zukommen lassen. «Ein grosser Teil unserer Dokumentation hat mit Erinnerung zu tun, mit Gedenken und Nicht-Vergessen», sagt Luft.

«Vieles, was über die Helfer berichtet wurde, wurde von anderen berichtet. Wir wollten einfach hören, was diese Helfer selbst zu sagen haben.»

Der Titel des Begleitbuchs geht auf den Erlebnisbericht einer Polizistin über die Augenblicke nach dem Einschlag des einen Verkehrsflugzeugs im Nordturm des World Trade Center zurück. In dem Chaos vor dem Einsturz des Gebäudes, während verzweifelte Menschen aus gewaltiger Höhe in die Tiefe sprangen und unten aufschlugen, traf sie einen FBI-Agenten.

«Wir werden angegriffen. Sie werden sterben, wenn Sie hierbleiben», warnte er. Die Polizistin reagierte wie viele andere, die anders als sie nicht überlebten: «Wir hauen nicht ab», sagte sie.

Heute, zehn Jahre später, kommen immer noch neue Patienten in Lufts Behandlungszentrum. Häufig sind es Polizisten und Feuerwehrleute, die erst nach der Pensionierung merken, dass sie Hilfe brauchen. «Plötzlich sind sie aus dieser Berufssituation heraus, und diese Gefühle und Befindlichkeiten treten in den Vordergrund», sagt der Arzt.

«Für sie ist es die eigentliche Katastrophe, wenn sie ihre Arbeit nicht machen können, nicht richtig funktionieren, nicht Teil der Gemeinschaft sein, nicht in den Einsatz gehen können.»

Nach fünf Jahren ging nichts mehr

Eddie Burns war am Morgen des 11. September 2001 Streifenpolizist in Brooklyn. Er hatte frei und war mit seiner kleinen Tochter gerade unterwegs in ein Café, als er ein Flugzeug im Tiefflug auf die Türme zusteuern sah. Er sah den riesigen Feuerball, hörte den Alarm, brachte seine Tochter rasch unter und raste zum Ort der Katastrophe.

«Wir haben alles getan», erinnert er sich. «Suchen und bergen, evakuieren, Autos durchsuchen.» Es standen eine Menge Autos herum. Überlebende fanden sie nicht. «Die einzigen, denen wir helfen konnten, waren andere Rettungskräfte.»

Später durchsiebte er die Schuttdeponie nach Überresten. Fünf Jahre lang war er noch Polizist, bis er 2006 aus dem Dienst ausschied. «Diese letzten fünf Jahre waren die längsten Jahre meines Lebens», sagt er. «Ich war so deprimiert und unglücklich.»

Heute lebt der 44-Jährige mit seiner Familie auf Long Island. Er sei nach Stony Brook gegangen, «weil ich im Grunde Angst um mein Leben hatte. Ich wusste nicht, welchen Giftstoffen ich an Ground Zero ausgesetzt war.» Er hatte Probleme mit den Nebenhöhlen und zeigte Symptome Posttraumatischer Belastungsstörung.

«Jetzt geht es mir viel besser», berichtet er. «Wir hatten jemanden, an den wir uns wenden und irgendwie aussprechen konnten, unsere Erfahrungen mit jemandem teilen konnten.» (sda)