Auf eine Weise ist es faszinierend, was die EU-Staats- und -Regierungschefs in Brüssel in den vergangenen drei Tagen aufgeführt haben. Es war wie eine Operation am offenen Herzen, ein Machtpoker, der auf verschiedenen Schauplätzen gleichzeitig abging. Beim Schnüren des Personalpakets müssen «viele Enden zusammengebracht werden», hat es Bundeskanzlerin Angela Merkel treffend ausgedrückt. Tatsächlich: Alles hängt mit allem zusammen.

Am Dienstag wurde der gordische Knoten durchschlagen. Nach einer 24-stündigen Kreativ-Pause einigte man sich auf ein Paket, bei dem die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen das Amt von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker übernehmen soll. Sie ist die erste Frau auf diesem Posten, der seit 50 Jahren wieder von Deutschland besetzt wird.

Es ist ein Coup für Merkel, das steht fest. Und was für einer: Einerseits musste sie von der Leyen gegen den Widerstand ihres SPD-Koalitionspartners durchbringen, weswegen sie sich sogar ihrer Stimme enthalten musste. Und zweitens hatte der französische Präsident Emmanuel Macron kurz zuvor ihren deutschen Parteifreund Manfred Weber noch brutal abgesägt. Ob es daran liegt, dass von der Leyen im Gegensatz zu Weber perfekt Französisch spricht? Oder daran, dass sie über die von Macron geforderte Regierungserfahrung verfügt? Matchentscheidend war auch, dass Frankreich mit IWF-Chefin Christine Lagarde das Präsidium der Europäischen Zentralbank (EZB) erhält (siehe Text unten). Macrons liberaler Kumpel Charles Michel, aktuell noch belgischer Premierminister, erbt zudem das Amt von Ratspräsident Donald Tusk. Der spanische Premierminister Pedro Sanchez kann seinen sozialdemokratischen Aussenminister Josep Borrell als EU-Aussenbeauftragten nach Brüssel schicken.

In Brüssel geboren

Die Ernennung von der Leyens zu «Mrs. Europa» kommt überraschend. Bis vor Kurzem hatte sie niemand wirklich auf dem Schirm. Aus Diplomatenkreisen heisst es, es soll Macron gewesen sein, der sie am Montag ins Spiel brachte, nachdem der niederländische Kompromisskandidat Frans Timmermans in einem Verhandlungsmarathon von über 18 Stunden am Widerstand osteuropäischer Länder scheiterte.

Von der Leyen mag zwar als deutsche Verteidigungsministerin relativ glücklos geblieben sein. Auf europäischem Parkett geniesst sie jedoch Respekt. Die 60-Jährige hat Europa auch gewissermassen schon in der Familie: Sie wurde in Brüssel als Tochter des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht geboren, der zu dieser Zeit Beamter bei der EU-Kommission war. Sie gilt als überzeugte Pro-Europäerin.

Verschiedentlich sprach sie in Interviews davon, dass das Ziel die Schaffung der «Vereinigten Staaten von Europa» sein müsse. Als Vorbild nannte sie in einem «Spiegel»-Interview einmal den föderalen Staatsaufbau der Schweiz oder Deutschlands. Als Verteidigungsministerin trat sie stark für europäische Rüstungsprojekte ein und sprach sich auch für die Bildung einer europäischen Armee aus. Von der Leyen ist Mitglied im Board des Weltwirtschaftsforums in Davos (WEF). In einem Gastbeitrag schrieb sie dort im Januar, Rechtsstaatlichkeit und die Menschenwürde seien die zentralen europäischen Werte, die es mit allen Mitteln zu verteidigen gelte: diplomatisch, wirtschaftlich, kulturell «und wenn nötig auch militärisch». Bei den Euroskeptikern dürften ob solcher Positionsbezüge die Warnlampen angehen.

Allerdings ist die «Operation von der Leyen» noch nicht abgeschlossen. Zur Wahl der Kommissionspräsidentin fehlt die Zustimmung aus dem EU-Parlament. Verschiedene sozialdemokratische Delegationen, darunter auch Stimmen der Deutschen, riefen bereits zum Widerstand auf. Dies, weil mit der Überraschungs-Kandidatin von der Leyen das System der Spitzenkandidaten beerdigt werde. Auch in der christdemokratischen EVP-Fraktion rumort es, weil Spitzenkandidat Manfred Weber abserviert wurde. Die Grünen machten ebenfalls klar, von der Leyen nicht wählen zu wollen. Ohne Sozialdemokraten und Grüne wäre von der Leyen aber auf die Stimmen der Euroskeptiker im EU-Parlament angewiesen. Unter diesen Umständen die Wahl anzunehmen, wird politisch schwierig sein. Abstimmungstermin ist der 16. Juli.