Eines der grössten Referenden im Vereinigten Königreich ist vorbei, mit einem niederschmetternden Resultat – die Briten haben entschieden, aus der Europäischen Union auszutreten. Für mich als Schweizer Immigrantin in Brighton, eine der liberalsten Städte in England, ist das ein grosser Schock.

Wie man sich vorstellen kann, war der Brexit in den Wochen vor dem Referendum das Thema Nummer 1 – sei es in den Medien, in Gesprächen mit den Freunden oder auf Social Media. In meinem Umfeld, einschliesslich der Stammkundschaft in den beiden Pubs, in denen ich arbeite, kenne ich nur eine einzige Person die «Leave» gestimmt hat.

Umso grösser war die Enttäuschung und Frustration, als wir am Freitagmorgen das Resultat gehört haben. Meinen die das wirklich ernst, die Briten? Die erste Person, die ich an diesem Morgen antreffe, ist mein Boss Chris. «I’m truly sorry Lucia. I apologise for my country. I’m still speechless, no one has thought this would actually happen.» Und so reagieren die meisten meiner Freunde und Bekannten. Als ich zur Arbeit gehe, nimmt mich mein Mitarbeiter in den Arm und redet schon davon, nach Australien auszuwandern – und er ist nicht der einzige.

Ich erfahre, dass anscheinend schon viele Briten mit irischer Herkunft einen Pass angefordert haben, um immer noch von den Vorteilen der EU Gebrauch machen zu können. Es ist ein Tag langer Umarmungen, Kopfschütteln und trauriger Gesichter.

Normalerweise vermeide ich politische Themen bei der Arbeit, da man nie so genau weiss, wie die andere Person tickt, und das kann manchmal auch unschön enden. Ein Tag nach dem Referendum ist es aber sinnlos, dem Thema ausweichen zu wollen. Im Verlauf des Tages bei der Arbeit im Pub höre ich viele verschiedene Reaktionen. Vor allem Leute, die mich nicht kennen und die meine politische Einstellung vielleicht nicht ganz teilen, verstehen oft nicht, warum mich das Resultat so berührt.

«But why do you care, you’re Swiss?!», wirft mir ein Mann Mitte 30 an den Kopf. Seitdem das «Leave»-Camp die Schweiz und Norwegen als perfektes Beispiel für ein Leben ausserhalb der EU missbraucht hat, fällt es vielen schwer zu sehen, dass auch uns dieser Entscheid stark betrifft, da wir stets mit der EU am Verhandeln sind.

Von Schock bis Freude: So reagieren Briten in der Schweiz auf Brexit.

Von Schock bis Freude: So reagieren Briten in der Schweiz auf Brexit.

Es folgt eine lange Diskussion über die Beziehungen der Schweiz mit der EU und die Frustration über die EU-Bürokratie. Nach viel Geduld breche ich das Gespräch ab, da es klar wird, dass zu viele Pints geflossen sind und sich halb betrunkene Briten nicht gern eingestehen, dass die 25-jährige Schweizer Bartenderin mit einem Bachelorabschluss in Politologie vielleicht doch nicht ganz so unrecht hat.

Und der ganze Tag ist durchzogen mit solchen Begegnungen. Auf der einen Seite bediene ich Gäste, mit denen ich entweder traurige Blicke tausche oder mir meinen Frust von der Seele reden kann. Auf der anderen Seite bediene ich Gäste, die oft den Satz mit «I voted ‹Remain›, but...», beginnen, und ich weiss, dass ich mich einmal mehr wappnen muss, um meinen Standpunkt zu verteidigen.

Einem Gast erkläre ich, dass das Resultat vielmehr bedeutet als nur den Austritt aus der EU. Ich erwähne den Anstieg der populistischen Rechten und die zunehmende Macht für Nigel Farage, die dieser Schritt symbolisiert. Seine Antwort ist sehr ernüchternd: «Wow, das ist aber gerade ein bisschen sehr tiefgründig, so genau habe ich über das noch nie nachgedacht.» Unglücklicherweise macht es auch nicht den Anschein, als ob er das jemals tun wird.

Am Ende des Tages ist meine Frustration sogar noch grösser als am Anfang, da ich realisiert habe, dass viele Leute immer noch nicht begreifen, was eigentlich passiert ist. Und schliesslich ist das ja auch verständlich, denn niemand weiss, was genau passieren wird.

Die «Leave»-Campaign hat keinen «plan of action» in petto. Trotzdem aber fällt es vielen Leuten schwer zu sehen, was das für ihr Leben bedeutet. «Why should you be sad?» , fragt mich ein Gast, «not much is gonna change anyway.» Hast du die letzten drei Monate verschlafen und nie die Zeitung aufgeschlagen oder die BBC-App geöffnet, frage ich mich.

Ich höre von «Leave»-Wählern, die die Wahllokale anriefen und ihre Stimme ändern wollten, da Nigel Farage schon im ersten Interview seine Versprechen wieder zurückgenommen hat. Ich höre auch von sogenannten Protestwählern, die selbst nie gedacht haben, dass das Referendum angenommen wird.

Es ist eine schwierige Zeit für alle, die an Zusammenarbeit glauben. Nigel Farage mag es einen «Independence Day» für das Vereinigte Königreich nennen, doch viele sehen es als einen Tag, an dem Hass und Angst vor dem «unknown other» gewonnen hat. Als Baslerin weiss ich nicht, was genau das für mich bedeuten wird. Die Ungewissheit ist gross. Ich habe mich hier immer wohl gefühlt, aber dieses Resultat lässt mich stärker über einen Job irgendwo anders nachdenken.