JFK-Serie

Ein schwer kranker Präsident namens Kennedy

Eines der ganz seltenen Bilder, das Präsident John F. Kennedy an Krücken zeigt (1. Juni 1961).

Eines der ganz seltenen Bilder, das Präsident John F. Kennedy an Krücken zeigt (1. Juni 1961).

Hinter der Fassade des gebräunten Sonnyboys verbarg sich ein fragiler Mensch mit täglichen Schmerzen.

Vor 50 Jahren freute sich Amerika auf den Beginn einer neuen Ära. Im Januar 1961 waren viele Amerikaner geradezu elektrisiert vor Vorfreude auf die Regierung von John F. Kennedy. Der neue Präsident war erst 43 Jahre alt, er hatte eine hübsche Frau und war eben gerade zum zweiten Mal Vater geworden. Eine junge Familie würde nun ins Weisse Haus einziehen – Amerika hatte endlich seine eigenen Royals!

Im ersten vom TV-Zeitalter gekennzeichneten Wahlkampf hatte Kennedy sein unbestrittenes Charisma ausgespielt. Geschickt trat er als Kriegsheld und Intellektueller in Erscheinung und verzauberte damit Amerika und die Welt. Sein Aufstieg zum mächtigsten Mann der Welt liest sich denn auch wie ein Hollywoodmärchen: Als John F. Kennedy am 20. Januar 1961 mit der Hand auf der alten Familienbibel der Fitzgeralds seinen Amtseid ablegte, fusionierten zwei der mächtigsten Politclans Amerikas.

Kriegsheld? Intellektueller?

100 Jahre zuvor hatten die Kennedys und Fitzgeralds Irland verlassen und sich in Boston niedergelassen. Beide Clans stiegen zu prominenten Familien auf. 1914 heiratete Joseph Kennedy Rose Fitzgerald, die Tochter von «Honey Fitz», des legendären Bürgermeisters von Boston und Abgeordneten in Washington.

John Fitzgerald («Jack») kam am 29. Mai 1917 im Bostoner Vorort Brookline auf die Welt. Der Vater erzog seine Kinder zu Gewinnern. Verlieren war keine Option; Schmerzen und Schwäche durften nicht gezeigt werden. Kennedys Abschlussarbeit an der Harvard-Universität von 1940 behandelte die Britische Appeasement-Politik gegenüber Hitler.

Die Studie wurde unter dem Titel «Warum England schlief» ein Bestseller. Im Zweiten Weltkrieg wurde Kennedys Patrouillen-Torpedoboot PT 109 im August 1943 von einem japanischen Zerstörer gerammt und explodierte. Kennedy rettete sich und seine Mannschaft – die Heldengeschichte erschien im «New Yorker» und später im «Reader’s Digest». 1957 gewann Kennedy für sein Buch «Zivilcourage» den Pulitzerpreis.

Doch hinter der Fassade des stets gebräunten Strahlemanns verbarg sich ein kranker Präsident, der seit seiner Kindheit an schweren Krankheiten litt. Sein Bruder habe die Hälfte seiner Erdentagen unter schweren Schmerzen gelitten, sagte sein Bruder Bobby später im Rückblick.

Lem Billings scherzte schon während der gemeinsamen Studentenzeit, eine künftige Biografie seines Freundes sollte lauten: «JFK: Eine Medizingeschichte».

Bis vor wenigen Jahren hielt die Familie die Dokumente, die genaueren Aufschluss über die Krankheiten Kennedys geben könnten, unter striktestem Verschluss. Erst 2002, 39 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod, erhielt der Historiker Robert Dallek exklusiven Zugang zu den Krankenakten.

Kennedys Gesundheitszustand war demnach noch viel schlechter als früher vermutet. Er litt während seiner Amtszeit an Lebensmittelallergien, schweren Durchfällen, hohem Fieber, Koliken, Schlaflosigkeit und Prostatabeschwerden. Nur die tägliche Einnahme von bis zu zwölf Medikamenten wie Hydrokortison, Testosteron und Antidepressiva ermöglichte ihm ein halbwegs erträgliches Leben.

Als Kind litt der schmächtige Jack an Asthma, Allergien und Infektionen. Das oft kranke Kind verbrachte viel Zeit im Bett und verschlang Bücher. Schulzeit und Studium waren geprägt von langen Spitalaufenthalten. Der «Intellektuelle» brachte nur mittelmässige Noten nach Hause und wurde nach Streichen sogar kurzzeitig aus dem Internat Choate in Connecticut verwiesen. Für seine Harvard-Abschlussarbeit versorgte ihn die US-Botschaft in London mit dem Quellenmaterial; bezahlte Schreibkräfte sorgten für die fristgerechte Einreichung.

In den 1940er-Jahren wurde die Addinsonsche Krankheit diagnostiziert. Diese Unterfunktion der Nebennierenrinde bewirkt eine Schwächung des Immunsystems. Kennedy wurde Kortison unter die Haut implantiert, zudem musste er täglich Kortisontabletten einnehmen. Kennedys Zustand verbesserte sich, aber er nahm sichtbar zu.

Im Oktober 1954 entschloss sich Kennedy, inzwischen Senator, zu einer wegen seines Nierenleidens lebensgefährlicher Rückenoperation. Beim Eingriff in einem New Yorker Spital fiel er ins Koma, seine Familie bangte um sein Leben und ein Priester stand bereit, um ihm die Sterbesakramente zu spenden.

Erst im Mai 1955 kehrte Kennedy ins politische Geschäft zurück. Bis Herbst 1957 lag er aber nochmals neunmal im Spital. Sein Buchprojekt «Zivilcourage» war eine Gruppenarbeit. Nur ein kleiner Teil des Manuskripts stammte aus Kennedys Feder. Sein späterer Redenschreiber Theodore Sorensen und andere führten die meisten Recherchen durch und schrieben auch ganze Teile.

Krücken und Schaukelstühle

Seine schweren Rückenprobleme versuchte Kennedy so gut wie möglich vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Als Präsident zensurierte er Bilder von ihm mit Krücken so gut wie möglich. Oft drückte er die Gehhilfen im letzten Moment einem Bediensteten in die Hand, bevor sich die Tür öffnete und er mit seinem berühmten Lächeln in den Raum trat.

Vor öffentlichen Auftritten erhielt er Novocain-Injektionen in den Rücken. Auch orthopädische Schuhe, Spezialmatratzen, harte Unterlagen, heisse Bäder und ein Korsett, das er auch bei seiner Ermordung in Dallas trug, sollten Linderung verschaffen. Seine Ärztin Janet Travell, eine Pionierin der modernen Schmerztherapie, empfahl ihm die wohltuende Wirkung von Schaukelstühlen.

Als die Krankheiten im Wahlkampf 1960 in der Presse Thema wurden, veröffentlichte sein Team eine Gegendarstellung: «Senator Kennedy hat keine Addinsonsche Krankheit. Er nimmt keine Medikamente. Er nimmt kein Kortison.» Seine Rückenprobleme wurden mit einer alten Verletzung vom Footballspielen erklärt, die während des Krieges im Südpazifik wieder aufgebrochen sei.

Tatsächlich litt Kennedy an Osteoporose. Seinen kleinen Sohn konnte er nur unter Schmerzen hochheben, und es war ihm oft nicht möglich, sich selbst Socken anzuziehen. Die schweren Krankheiten wurden jahrzehntelang vertuscht. Hätte die Öffentlichkeit 1960 seinen wahren Gesundheitszustand gekannt, wäre Kennedy wohl nie Präsident geworden.

Die «New York Times» stellte angesichts der neuesten Enthüllungen in einem Leitartikel die Frage, ob es Zeiten gegeben habe, in denen JFK nicht in der Lage war, seinen Amtsgeschäften nachzugehen.

Robert Dallek John F. Kennedy, ein unvollendetes Leben. DVA 2003. Fr. 74.–.

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