Edward Snowden

Ein Schulabbrecher legt sich mit Big Brother an

Edward Snowden: Er hat die NSA-Spioniererei öffentlich gemacht.

Edward Snowden: Er hat die NSA-Spioniererei öffentlich gemacht.

Er wurstelte sich durchs Leben, wurde mit Staatsgeheimnissen betraut und plaudert jetzt aus dem Nähkästchen. Die Geschichte des Edward Snowden liest sich wie ein Groschenroman.

Edward Snowden ist mit sich im Reinen. «Ich habe nichts falsch gemacht», sagte der 29-jährige Amerikaner am Wochenende in Hongkong in einem offenherzigen Videointerview mit der britischen Zeitung «The Guardian».

In das chinesische Autonomiegebiet hatte sich der ehemalige CIA-Agent zurückgezogen, kurz bevor er zuerst der «Washington Post» und dann dem «Guardian» in Grossbritannien die Grundlagen zu einem der geheimsten Überwachungsprogramme der amerikanischen Nachrichtendienste zusteckte - und US-Präsident Barack Obama, den studierten Verfassungsrechtler, in eine hochnotpeinliche Situation führte.

«Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der solche Dinge vorfallen», sagte Snowden. «Die Öffentlichkeit muss entscheiden, ob diese Überwachungsprogramme legal sind oder nicht.»

Und er machte klar, dass sich die Schnüffel-Behörde NSA (National Security Agency) seiner Meinung nach schon lange nicht mehr an geltende Gesetze hält und sich jeglicher Aufsicht der Politik entzieht.

Ermittlungen laufen schon

Mit seinem Geständnis zündete der unscheinbare Informatiker eine Bombe.

Das Justizministerium in Washington kündigte an, dass gegen Snowden Ermittlungen aufgenommen werden. Ihm droht in den USA schlimmstenfalls eine zehnjährige Gefängnisstrafe.

In den Medien werden Vergleiche zum Wikileaks-Informanten Bradley Manning gezogen, dem jungen Soldaten, dem derzeit der Prozess gemacht wird. Snowden selbst betont dagegen, seine Enthüllungen würden keine Menschenleben gefährden.

Bevor Snowden vor Gericht gestellt werden kann, müssen ihn die Amerikaner allerdings erst haben. Er sagte im Gespräch mit dem «Guardian», dass er nicht zufällig in Hongkong gelandet sei: Im autonomen Stadtstaat werde die Meinungsfreiheit hochgehalten.

Auch enthält der Auslieferungsvertrag zwischen Hongkong und den USA eine Ausnahmebestimmung für politische Flüchtlinge.

Der Whistleblower spekuliert deshalb bereits über eine mögliche Entführung durch CIA-Agenten.

Schliesslich halte der lokale Ableger des US-Auslandgeheimdienstes unweit seines Zufluchtsorts in Hongkong Hof, sagte er dem «Guardian».

So zog Snowden gestern denn auch aus seinem Hotel aus. Sein neuer Aufenthaltsort war zunächst nicht bekannt.

Wenig Chancen auf Asyl in Island

Sein eigentliches Wunschziel ist Island - dort hat Snowden jedoch vorerst keine Chance auf Asyl.

Die isländischen Behörden stellten gestern klar, dass Snowden erst in den Inselstaat im Nordatlantik kommen müsste, um dort persönlich seinen Antrag zu stellen.

Zugleich könnte sich Snowden aber mit einem Asylantrag in Hongkong zumindest vorübergehend gegen einen Auslieferungsantrag aus den USA wehren.

Bemerkenswert an Snowdens Biografie ist nicht nur das aktuelle Kapitel. Snowden hatte seine High-School-Ausbildung abgebrochen.

Ihm fehlt es damit an einem formellen Universitätsabschluss. Angeblich hatte er beim US-Nachrichtendienst NSA als Wachmann angeheuert, um dann rasch auf der Karriereleiter hochzuklettern.

In der Zeit nach dem 11. September 2001 bauten die USA ihren Sicherheitsapparat in gigantischem Umfang aus - dafür benötigten sie so viel Personal, dass sie offenbar schon einmal jemandem Staatsgeheimnisse anvertrauten, den sie nicht ganz und gar auf Herz und Nieren geprüft hatten.

Jedenfalls widerte Snowden die Geheimdienstarbeit bald einmal an. Ganz aus der Branche verabschieden wollte er sich allerdings nicht.

2009 heuerte er bei privaten Beratungsunternehmen an. Zuletzt beschäftigt war er bei Booz Allen Hamilton.

Die Firma ist durch US-Regierungsaufträge gross geworden. 99 Prozent des Umsatzes kommen vom Staat. Im letzten Jahr nahm die Firma 5,8 Milliarden Dollar ein.

Für Booz Allen Hamilton arbeiten rund 25 000 Menschen. Sie erledigen häufig die gleiche Arbeit wie die offiziellen Dienste; mehr als 483 000 Angestellte der privaten Zulieferer haben Zugriff auf streng geheime staatliche Daten.

Snowden war für Booz Allen Hamilton auf Hawai tätig - zuletzt für ein Jahressalär von 200 000 Dollar.

Dieses - und eine ahnungslose Freundin - hat Snowden nun zurückgelassen. «Ich bin bereit, all das zu opfern», erklärt er dem «Guardian».

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