Mit überschwänglichen Lobhudeleien ist der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman alias «MBS» am Freitag in Abu Dhabi, dem engsten Verbündeten Saudi Arabiens, empfangen worden. Das arabische Emirat am Persischen Golf ist die erste von fünf Stationen auf einer zehntägigen Auslandreise, deren Höhepunkt (das hoffen zumindest die Saudis) der Auftritt des 33-jährigen Kronprinzen am G-20-Gipfeltreffen in Buenos Aires kommende Woche sein wird.

Der Königssohn ist durch seine mutmassliche Verwicklung in die Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi politisch angeschlagen. Seine Südamerika-Reise ist entsprechend riskant. Es ist nicht auszuschliessen, dass einige der Staats- und Regierungschefs dem saudischen Gast mit äusserster Zurückhaltung begegnen oder ihn gar wie einen Aussätzigen behandeln könnten.

Angst vor Palastrevolte

Der Druck auf bin Salman steigt. Erst am Donnerstag hatten türkische Medien von einem angeblich von der CIA mitgeschnittenen Telefonat berichtet, in dem der Kronprinz den Auftrag gegeben haben soll, Jamal Khashoggi «so schnell wie möglich zum Schweigen zu bringen».

Streicheleinheiten kann der vom deutschen Geheimdienst als impulsiv und rachsüchtig beschriebene Königssohn vermutlich nur von US-Präsident Donald Trump erwarten. Trump weigert sich bisher, dem Kronprinzen die Leviten zu lesen, weil er seine Waffendeals mit dem saudischen Königreich nicht aufs Spiel setzen will.

In Riad war und ist man sich der Gefahren, die mit dem Argentinien-Trip des unberechenbaren Herrschers verbunden sind, durchaus bewusst. Hätte man, wie in Hamburg 2017, lediglich einen Minister an den G-20-Gipfel geschickt, wäre dies aber als ein Indiz dafür gewertet worden, dass der Kronprinz nicht mehr fest im Sattel sitzt und in Krisenzeiten Auslandreisen meidet, weil er sich voreiner der in der arabischen Welt gar nicht so seltenen Palastrevolution fürchtet.

Onkel als möglicher Rivale

Diesen Eindruck will MBS unbedingt vermeiden. Mit seiner Teilnahme am G-20-Gipfel möchte er der ganzen Welt demonstrieren, dass er den Mordfall Khashoggi für abgeschlossen betrachtet und wieder zur Tagesordnung übergehen möchte. Dass das fast die ganze Welt komplett anders sieht, hat das Königshaus noch immer nicht begriffen. Das Land wird nie wieder so sein wie vor dem Mord an dem saudischen Journalisten, glaubt Frank Gardener, Saudi- Arabien-Experte der BBC. Das Ansehen des Königssohns sei derart stark beschädigt, dass seine Macht früher oder später beschnitten werde.

MBS werde zwar Kronprinz bleiben, nimmt Gardener an, könnte aber gezwungen werden, sein Amt als Verteidigungsminister aufzugeben. Über eine Neuverteilung der Macht dürfte während der Abwesenheit von MBS auch der Familienrat, in dem alle wichtigen Zweige des Herrscherhauses Saud vertreten sind, beraten. Das Gremium müsste im Falle eines plötzlichen Todes von König Salman, der bei seinen Auftritten in den letzten Tagen stark angeschlagen wirkte, auch den neuen Monarchen, nach jetzigem Stand also MBS, absegnen. Palastinsider in Riad halten dies zum gegenwärtigen Zeitpunkt für fraglich.

Als Herausforderer von MBS gilt der jüngere Bruder von König Salman, Ahmad Bin Abdulaziz. Dem 76-Jährigen fehlt jedoch die politische Durchschlagskraft, um sich gegen MBS zu behaupten.

In Dubai, Bahrain, Kairo und Tunis wird man den eines politischen Auftragsmordes verdächtigten Saudi in den kommenden Tagen als «Anker der Stabilität» feiern. Das grosse Erwachen dürfte für MBS erst in Argentinien kommen.