Wenn Frankreich wieder einmal an sich zweifelt, denkt es gerne an Napoleon Bonaparte (1769–1821) – derzeit fast täglich. Gestern eröffnete das Musée du Luxembourg in Paris eine Ausstellung zur kaiserlichen Ex-Gattin Joséphine, die wegen Kinderlosigkeit den Laufpass erhalten hatte und die kaiserlichen Gemächer so schnell verlassen musste wie im Januar First Lady Valérie Trierweiler den Élysée-Palast.

Am Sonntag stellten Hunderte von Nostalgikern die Schlacht von Craonne nach, einen der letzten Siege Napoleons im Jahr 1814 gegen die Preussen. Sogar das Desaster des Russland-Feldzuges verwandelte Ex-Präsident Valéry Giscard d’Estaing 2010 in einen Roman mit dem bezeichnenden Titel «Der Sieg der Grossen Armee». Darin wird der korsische Generalissimus als Bezwinger der russischen Armee und Friedensstifter in Europa dargestellt.

Vor diesem Hintergrund wird die Polemik verständlich, die in Paris der Essay eines ehemaligen Spitzenpolitikers ausgelöst hat: «Das napoleonische Übel» («Le mal napoléonien») von Lionel Jospin demontiert methodisch den Mythos, der sich in Frankreich nach wie vor um den ersten und grössten französischen Kaiser rankt.

«Ich untersuche, ob die 15 blitzenden Jahre vom Ersten Konsul zum Kaiser Frankreichs genützt haben, und ob sie für Frankreich fruchtbar waren», schreibt der sozialistische Ex-Premier (1997–2002). «Angesichts des Grabens zwischen den erklärten Ambitionen, den eingesetzten Mitteln, den verlangten Opfern und der erzielten Resultate lautet die Antwort: Nein.»

Es ist diese Fragestellung und das schlichte, aber kategorische «Nein», die in Frankreich für Aufregung sorgen. Jospin weist kühl und faktengetreu nach, dass Napoleon nicht einmal jene Punkte für sich in Anspruch nehmen kann, die ihm von seinen Anhängern zugutegehalten werden: Der Kaiser habe die Errungenschaften der Französischen Revolution nicht etwa fortgesetzt und nach Europa verbreitet. Vielmehr habe er eine Diktatur mit Pressezensur eingerichtet, «befreite» Völker unterjocht und anderthalb Millionen Soldaten geopfert.

Selbst der zivilisatorische Anspruch des napoleonischen Code Civil falle in sich zusammen, da Bonaparte gleichzeitig die von der Revolution abgeschaffte Sklaverei wieder eingeführt habe.

Solche Erkenntnisse sind für Historiker keine Sensation – für französische Ohren aber fast ein Tabubruch. Die Bonapartisten springen auf: Jospin sei ein «Bourgeois, der die britische Propaganda jener Zeit distanzlos übernimmt» und «nicht versteht, dass man für das Vaterland sterben kann», meint etwa der konservative Chronist Eric Zemmour.

Selbst der Mainstream-Politologe Alain Duhamel gibt in der linken «Libération» mangels Sachargumenten zu bedenken, Napoleon habe die Franzosen wenigstens «zum Träumen gebracht».

Direkter Weg zu Vichy-Frankreich

Mit einem Einwand hat Duhamel allerdings recht: Jospin weist nicht einsichtig nach, warum der Autokrat Charles de Gaulle von jedem «Bonapartismus» freizusprechen ist. Laut Jospin führt der Weg von Napoleon eher zu Marschall Pétain und zu Vichy-Frankreich im Zweiten Weltkrieg und weiter zu den heutigen Populisten.

Der Ex-Premier, der sich nach seiner gescheiterten Präsidentschaftskandidatur von 2002 aus der Tagespolitik zurückzog, nennt keine Namen. Aber es wird offensichtlich, dass er Politiker wie Nicolas Sarkozy oder Jean-Luc Mélenchon meint, die sich heute dank der Massenmedien in der gleichen Postur des «homme de providence» (Mann der Vorsehung) gefallen.

Zum Thema Chefkult und Autoritarismus hätte Jospin auch erwähnen können, dass nicht wenige Pariser Politiker – wie etwa die Rechtsextremistin Marine Le Pen – eine eigentliche Faszination für den russischen Präsidenten Wladimir Putin hegen. Aber das hätte vielleicht den französischen Rahmen des Essays gesprengt.