Kein Gestank, keine Fliegen. Andreas Kechagias – Anfang 50, Bart, Pferdeschwanz – trottet stolz durch einen seiner riesigen, peinlich sauberen Schweineställe. Vergnügt quieken die Ferkel, die Mutterschweine liegen zum Säugen auf dem Boden, ein hochmodernes Heiz- und Kühlsystem sorgt für die optimale Lufttemperatur. «Unsere Schweineproduktionsstätte ist die modernste in ganz Europa», sagt Kechagias mit fester Stimme.

18'000 Schweine, davon rund 1000 Mutterschweine, 3000 Tonnen Schweinefleischproduktion pro Jahr – alles für den griechischen Markt: Die Firma der Gebrüder Andreas und Serafim Kechagias in Kokkini, gut eine halbe Autostunde westlich der 4-Millionen-Metropole Athen, zählt zu den ganz grossen Schweinefleischherstellern im Grossraum Attika.

Es ist Tag drei der Kapitalkontrollen im krisengeschüttelten Griechenland. Nur höchstens 60 Euro spucken die Geldautomaten aus. In Hellas gilt sein Montag: Es ist ein Leben ohne Banken.

Ob Soja, Mais oder Strom: Täglich brauche er rund 20'000 Euro, um die wichtigsten Ausgaben zu decken, sagt Andreas Kechagias. Bisher lief das üblicherweise per Check. Doch das war vor den Kapitalkontrollen. «Nur Bares zählt. Das funktioniert so: Ich zahle bar, ich werde bar bezahlt. So geht das schon seit Montag», offenbart er.

Nichts los auf dem Fleischmarkt

Einer der Kunden, die Kechagias bar bezahlen, ist Georgios Masialas. Es ist 7.40 Uhr und in der «Varvakeio-Agora», dem Athener Fleischmarkt in der zentralen «Athinas»-Strasse, merkt man rasch: Die Fleischverkäufer in ihren weissen Arbeitskitteln sind an diesem lauen Morgen nicht so laut wie sonst. Ohne Umschweife erklären sie den Grund. Es sei halt wenig los, der Umsatz sei zu dieser Zeit mit Ach und Krach etwa halb so hoch wie sonst, klagen sie unisono an ihren üppig bestückten Ständen.

Auch Georgios Masialas ist schon früh auf den Beinen. Der 64-Jährige schlürft aus einer Tasse griechischen Mokka. «Ich fürchte mich nur vor einem Bürgerkrieg. Nur davor», sagt er lapidar. Den Leuten gehe es zwar schon seit dem Ausbruch der Griechenland-Krise im Herbst 2008 immer schlechter. Was nun passiere, treffe die meisten aber unvorbereitet, sagt er.

Und ihn? «Na ja, es geht.» Er verkaufe hier nur griechisches Fleisch. Beste Ware. «Ich bestelle acht Tonnen pro Woche. Meine Lieferanten habe ich bisher immer per Überweisungen bezahlt, umgehend nach der Lieferung. Gut 20'000 Euro die Woche. Doch nun sind die Banken zu», sagt er. Und was tut er jetzt? Auch er sagt: «Ich bezahle meine Lieferanten nun nur in bar. Das Bargeld habe ich direkt von meinen Kunden. So bin ich immer flüssig. In Koffern bringe ich das Geld den Produzenten wie der Firma Kechagias. Wir machen das jetzt eben alles ohne Banken. So einfach ist das.» Drastisch erhöhte Diebstahlgefahr inklusive. Doch Masialas hat keine andere Wahl.

Wie er am Sonntag beim Referendum über die Spar- und Reformvorschläge von Griechenlands öffentlichen Gläubigern EU, Europäische Zentralbank und Internationaler Währungsfonds stimmen wird? Masialas lapidar: «Wahrscheinlich Ja.» Weshalb? «So kann es einfach nicht mehr weitergehen.»

Hochbetrieb im Supermarkt

Das sehen nicht alle Griechinnen und Griechen so. Im Supermarkt an der Ecke im dicht besiedelten Athener Stadtteil Kato Patissia herrscht Hochbetrieb. Mütter schieben Einkaufswagen zu den Kassen, turmhoch aufgeschichtet mit Lebensmitteln, als ob Ostern und Weihnachten in einem vor der Tür stünden. Die Regale mit den Nudeln sind fast leer. Maria Papoutsakis (35) wirft gleich zehn Packungen just von jenem Lebensmittel in den Korb, das in diesen turbulenten Tagen beim Gros der Griechen einen reissenden Absatz findet: Makkaroni.

«Die Situation ist schwierig, aber Griechenland stirbt nicht! Alles wird gut gehen», sagt sie mit einem Lächeln. Bares brauche sie nicht am Geldautomaten zu besorgen. Zum Glück. So spart Maria Papoutsakis Tag für Tag viel Zeit. «Ich habe mein Konto schon früh leergeräumt. Das Bargeld habe ich zu Hause», gesteht Maria. Wie viel ist es? «Nicht viel, etwa 1000 Euro. Aber wir sind sparsam.» Mit «wir» meint Maria Papoutsakis ihren Ehemann Dimitris (39), Elektriker, und ihre beiden Kinder, den 12-jährigen Michalis und die 10-jährige Flora. Dimitris ist der Brotbringer, Maria Papoutsakis die Hausfrau. Ihr Haushaltseinkommen: magere 1000 Euro im Monat. In Athen kommt eine vierköpfige Familie damit kaum über die Runden.

Drohender Staatsbankrott hin, jüngste Kapitalkontrollen her: Wovor sie wirklich Angst hat? «Dass meine Kinder hungern!», sagt sie prompt. Dennoch: Premier Alexis Tsipras, Europas Enfant terrible, findet Maria Papoutsakis gut. «Bei ihm habe ich das Gefühl, er wird etwas Gutes tun! Er ist ganz anders als die anderen.»

Zurück zur Drachme?

Wie sie am stimmen wird, weiss Maria Papoutsakis schon jetzt: «Oxi» («Nein»). Will heissen: «Nein» zu einer Fortsetzung des rigorosen Sparkurses in Athen. Für die einen mag es der Horror sein, aber eine Rückkehr zur Drachme fände Maria Papoutsakis gar nicht schlimm. «Wir müssen wieder auf eigenen Beinen stehen. Zwei, drei Jahre lang wird es uns schlecht gehen. Aber dann geht es schon wieder aufwärts.»