Brasilien

Ein Land wehrt sich gegen die Fussball-WM

Ein Jahr vor der Fussball-WM brodelt es gewaltig im Gastgeberland – ein Grund sind die horrenden Kosten. Was beim Arabischen Frühling funktioniert hat, haben die Brasilianer nun für sich entdeckt.

 In Brasilien findet zurzeit der Konföderationen-Cup statt, quasi die Hauptprobe zur Fussball-Weltmeisterschaft in einem Jahr. Und ausgerechnet jetzt gehen Tausende auf die Strasse, um ihren Unmut kundzutun über all das, was im Land schiefläuft. Jahrelang hat es in Brasilien kaum Aufmärsche der Bevölkerung gegeben, was überraschend ist für ein Land, in dem die Kluft zwischen Arm und Reich enorm ist.

Studierende protestieren in Saúo Paulo

Proteste gegen Fussball-WM in Brasilien

Die grossen Sportveranstaltungen – neben der Fussball-WM werden in Rio de Janeiro auch die Olympischen Sommerspiele 2016 ausgetragen – bieten nun einen opportunen Moment, um auf die Strasse zu gehen. «Wir hoffen sehr, dass die Welt zu uns schaut und sieht, dass hinter den schönen, neuen Stadien ein Land ist, in dem es an allem mangelt», schreibt die Facebook-Gruppe «Bueiro Aberto» – eine der vielen Gruppierungen, die die Bevölkerung über die Sozialen Medien mobilisiert.

Was beim Arabischen Frühling funktioniert hat, haben die Brasilianer nun für sich entdeckt: Es ist hauptsächlich dem Internet zu verdanken, dass die aktuellen Proteste so massiv ausfallen. Lokale Medien sprechen von 200 000 Protestierenden am Montag in den grössten brasilianischen Städten. Man spricht von den grössten Kundgebungen seit 20 Jahren.

«Es fehlt an Geld für alles»

Ein Blick vor Ort in Brasiliens Millionenmetropole São Paulo: Dort protestieren vor allen Jugendliche der hohen Mittelschicht. Einige sind Studenten, doch man sieht auch ältere Erwachsene im Anzug, die direkt nach der Arbeit auf die Strasse gegangen sind. Schon im Bus auf dem Weg zum Versammlungsort machen die Jungen Musik, singen gemeinsam Verse wie: «Es fehlt an Geld für die Schulen, für alles – aber nicht für die WM.»

«Brasilien ist aufgewacht und wir sind hier, um unseren Teil zu leisten», sagt der 20-jährige Lucas. «Heute fühlen wir uns stark», sagt sein 19-jähriger Kollege Álvaro und fügt hinzu: «Ich verzichte auf die Fussball-WM. Das Geld soll in die Spitäler und die Schulen investiert werden.»

(Quelle: youtube/zolhof)

Demo in Brasilien

Als der Marsch losgeht, heben sie ihre Plakate in die Höhe. «Schraubt die Preise für den öffentlichen Verkehr herunter und schickt der Fifa die Rechnung», heisst es auf einem Plakat. Um die Aufmerksamkeit der internationalen Medien zu erlangen, werden vereinzelte Transparente auf Englisch geschrieben. «We want respect» heisst es auf einem Plakat, auf einem anderen wird an die aktuellen Kundgebungen in Istanbul erinnert: «Turkey, we are fighting together for a better world».

Zu den Protesten am Montag haben sich gemäss dem Umfrageinstitut Datafolha 65 000 Menschen versammelt. Die Kundgebung teilt sich in zwei Gruppen, während sechs Stunden durchlaufen sie die wichtigsten Verkehrsachsen der Stadt. Nachdem an den Protestmärschen von vergangener Woche die Polizei wegen ihres harten Eingreifens kritisiert wurde, verläuft diese Demonstration vorwiegend friedlich – anders als etwa in Rio de Janeiro, wo es Gewaltexzesse beider Seiten gab.

Stadien werden leer bleiben

Weshalb gehen die Brasilianer auf die Strasse? Brasilien, das in den letzten Jahren als Land der Zukunft galt und gar zur aufkommenden Weltmacht hochgejubelt wurde, ist in den letzten Monaten wieder auf den Boden der Realität zurückgekehrt. Die Wirtschaft stagniert und die Inflation ist gestiegen. Derweil bleiben die Probleme, die das Land schon immer plagten, ungelöst: Korruption, ein ineffizienter Staat und Gewalt auf den Strassen. Die Brasilianer spüren die steigenden Lebenskosten, die aber nicht einem höheren Lebensstandard entsprechen.

Begonnen haben die aktuellen Protestmärsche vergangene Woche wegen einer Erhöhung der Billettpreise im öffentlichen Verkehr. Doch seit dem Beginn des Konföderationen-Cups am Samstag wird nun vor jedem Spiel unweit der Stadien protestiert. Der Unmut der Brasilianer über die horrenden Kosten, die die WM verursacht, ist gross. Die Stadien müssen den Fifa-Normen angepasst werden – und das ist teuer: Gemäss lokalen Medien werden fast zwölf Milliarden Franken Staatsgelder in die Spiele investiert.

Dazu kommt: Einige der zwölf Stadien, die für die WM errichtet oder renoviert werden, drohen leer zu bleiben. Dies, weil diese in Regionen errichtet werden, die keine grosse Fussballtradition besitzen. Ein ähnliches Problem, das Südafrika seit der letzten WM plagt.

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