Im Supermarkt bleiben die Regale leer, in Apotheken fehlen Medikamente. Stundenlanges Anstehen um ein paar Liter Benzin – so sieht in Simbabwe der «Neuanfang» aus. Damit hatte beim Sturz des Diktators vor einem Jahr niemand gerechnet.

«Ich verspreche, dem Inhaber auf Verlangen zwei Dollar auszuzahlen» – dieser Satz bestimmt derzeit die Leben von 17 Millionen Simbabwern. Gedruckt steht er auf der offiziellen Währung des südafrikanischen Landes: Schuldscheinen. Vor einem Jahr begann in Simbabwe mit dem Sturz von Diktator Robert Mugabe eine neue politische Zeitrechnung. Die Probleme sind geblieben.

«In Simbabwe bejubeln immer noch viele den versprochenen Neuanfang, jedoch verlieren sie kein Wort darüber, dass die gesamte Mugabe-Infrastruktur nach seinem Abgang bestehen blieb», sagt Justice Malala, einer der angesehensten Politologen im südlichen Afrika. Simbabwe steht nach 37 Jahren Mugabe-Diktatur am Scheideweg. Vor genau einem Jahr waren durch die Strassen der Hauptstadt Harare die Panzer gerollt. Innerhalb einer Woche zwang die Armee Mugabe zum Rücktritt und erklärte die Regierungszeit des autoritären Greises für beendet. Zugleich sollte der Machtwechsel einen Schlussstrich ziehen unter Menschenrechtsvergehen und wirtschaftlichen Stillstand. Die Arbeitslosigkeit in der verarmten Nation schwankt zwischen 80 und 90 Prozent.

Simbabwe: Erster Auftritt von Robert Mugabe nach Militär-Putsch

Erster Auftritt von Robert Mugabe nach Militär-Putsch

Video vom November 2017.

Die Probleme liegen tiefer

Im Juli fanden Präsidentschaftswahlen erstmalig ohne Mugabe statt; dessen umstrittener Nachfolger Emmerson Mnangagwa wurde zum Sieger erklärt. Der Politiker mit Spitznamen «Krokodil» versprach der Nation einen «Neuanfang». Doch kaum vier Monate danach befindet sich Simbabwe fest im Griff einer Wirtschaftskrise. Im Oktober schlossen mehrere Fastfood-Restaurants und Supermärkte ihre Tore, da mit jeder Öffnungsstunde wirtschaftlicher Verlust drohte. Die Simbabwer fühlten sich an die Hyperinflation von 2008 zurückerinnert. Nach dem Kollaps des Simbabwe-Dollars wurde der US-Dollar zum offiziellen Zahlungsmittel. Sein Wechselgeld an der Supermarktkasse durfte man damals selbst auswählen: Einen Lutscher, eine Handvoll Kaugummis oder einen handgeschriebenen Schuldschein über ein paar Cent. Auch jetzt ist die Situation gezeichnet von einem Mangel an harter Währung.

Eigentlich sollten Schuldscheine («Bond notes») und elektronisches Geld den US-Dollar im Kurs 1:1 ersetzen. Trauen will dieser Währung aber niemand recht. Am Schwarzmarkt erhält man für einen US-Dollar bis zu zehn «Bond notes». Das führte zu teilweise irrwitzigen Preisen im Supermarkt: Knapp 100 US-Dollar für einen Sack Hundefutter oder 55 Dollar für einen Kilo Billigkäse. Krankenhausärzte und Lehrer gingen jetzt auf die Strasse: Sie verlangten von der Regierung, mit «richtigem Geld» bezahlt zu werden.

Steven Gruzd ist Experte für Regierungsführung am Südafrikanischen Institut für Internationale Angelegenheiten (SAIIA). Ihm zufolge sei die Hoffnung auf einen Simbabwischen Frühling voreilig gewesen: «Nachdem das Volk den Fall eines Autokraten ausreichend gefeiert hat, erkennt es, dass die Probleme tief in Struktur und System sitzen. Sie gehen weit über eine Einzelperson hinaus.»

Noch ein weiter Weg

Auch was Menschenrechte und freie Meinungsäusserung angeht, sorgte Mnangagwa in seinem ersten Amtsjahr für Stirnrunzeln. Nach den Wahlen, die laut Opposition von Betrug bestimmt waren, brachen in Harare Proteste aus. Dabei töteten Soldaten unbewaffnete Demonstranten. Zumindest setzte der Neopräsident eine Untersuchungskommission ein, die herausfinden soll, wie es zu dem Blutbad kam. Es sind diese Signale, die viele Simbabwer und internationale Beobachter hoffen lassen. So versucht die Regierung derzeit etwa auch, 40 Millionen US-Dollar aufzutreiben; damit sollen weisse Farmer entschädigt werden, die von Mugabes Regime von ihrem Land vertrieben wurden.

Doch Regierungskritiker bleiben skeptisch. Für Aufsehen sorgte vor kurzem der Oppositionsführer Nelson Chamisa mit der Behauptung, nur knapp einer Entführung durch den Geheimdienst entkommen zu sein. Auch Politologe Gruzd sieht in Simbabwe ein Bild wie in vielen anderen Staaten Subsahara-Afrikas, in denen eine repressive, korrupte Elite die nächste ablöst: «Nicht selten ist es ein Parteigenosse, der an die Macht kommt und sich derselben Gesetze und Praktiken bedient wie der alte Herrscher. Gute Regierungsführung hat in Afrika noch einen weiten Weg vor sich.»