Radiomoderator Khalifa Ali Dscharah rückt seine Sonnenbrille zurecht, lehnt sich entspannt zurück und atmet Freiheit. «Ich hatte nicht mehr daran geglaubt, dass ich meinen Morgenkaffee eines Tages wieder ohne Angst trinken könnte», sagt Dscharah.

Fast drei Jahrzehnte seines Lebens verbrachte der Widerstandskämpfer auf der Flucht vor Muammar Gaddafi quer durch Europa und den Nahen Osten, bis ihn die Häscher des Diktators schliesslich im Nordirak zu fassen bekamen. Vier Jahre schlief er in einer eineinhalb mal zwei Meter engen Zelle im berüchtigten Gefängnis Abu Salim in Tripolis auf dem nackten Betonboden. Er überstand Elektroschocks und Schläge. Er verlor seinen Bruder bei einem Attentat. Und dann, exakt vor einem Jahr, erreichte ihn die Nachricht von Gaddafis Tod. Aus der lang ersehnten Freiheit war Wirklichkeit geworden. «Den 20. Oktober 2011 werde ich nie vergessen. Ganz Tripolis lag sich in den Armen. Ich habe getanzt wie ein kleines Kind», sagt Dscharah.

Seit den frühen 1980er-Jahren arbeitete Dscharah als Agent für die Oppositionsbewegung Nationale Front zur Rettung Libyens. Er wirbt Mitstreiter für den Widerstand gegen Gaddafi an, organisiert Treffen von Gleichgesinnten. Als das Regime in sich zusammenbricht, ist er dennoch nicht darauf vorbereitet. Die spontanen Demonstrationen gegen das Folterregime des Obersten im Februar 2011, inspiriert durch die Revolution im Nachbarland Tunesien, hatte er nicht vorhergesehen. Auch nicht, dass Gaddafis Willkürherrschaft so wenig sichtbare Spuren hinterlassen würde, zumindest in Tripolis.

«Thank you USA»

Alles, was von den 42 Jahren des Gaddafi-Regimes in der Hauptstadt übrig geblieben ist, sind sechs Hektar Schutt und Asche: Die Ruinen von Gaddafis einst imposanter Festung Bab al-Azizia, durch Nato-Bomben dem Erdboden gleichgemacht. «Thank you USA» steht auf den Überresten einer ehemaligen Kaserne – ein in der arabischen Welt wohl einzigartiges Graffiti. Zwischen den Trümmern haben sich ein paar Flüchtlingsfamilien einquartiert. Ab und zu kommen Neugierige vorbei, um einen Blick in das kilometerlange Tunnelnetzwerk unter der Festung zu werfen. «Früher traute sich niemand auch nur in die Nähe von Bab al-Azizia», erinnert sich ein Taxifahrer. «Die Wachposten schossen auf jeden, der nicht genügend Abstand hielt.»

Die Angst und das Chaos haben Tripolis verlassen. Die ersten Monate nach dem Sturz des Regimes waren noch Milizeinheiten aus dem Osten des Landes und den Nafusa-Bergen in der Metropole patrouilliert, in der rund ein Drittel der gesamten libyschen Bevölkerung lebt. Inzwischen haben sich die ehemaligen Rebellen in ihre Heimatorte zurückgezogen – sehr zur Erleichterung der Bewohner von Tripolis. Mittlerweile sind die Einkaufsstrassen der Mittelmeerstadt wieder bis in die frühen Morgenstunden belebt. Beim Klang von Maschinengewehrsalven zuckt niemand mehr zusammen: Die Tripolitaner entleeren ihre Magazine aus dem Bürgerkrieg nun bei Hochzeitsfeiern in Form von Freudenschüssen. Die Wirtschaft des Landes brummt dank der Ölexporte, die bereits wieder das Vorkriegsniveau erreicht haben. «Schon jetzt geht es uns besser als vor der Revolution», frohlockt ein Strassenhändler. «In ein paar Jahren sind wir reicher als Dubai.»

Gaddafis Mentalität noch nicht weg

Geschätzte 70 Milliarden Barrel Erdöl: An Geld mangelt es der neuen Interimsregierung nicht. Wichtig wird sein, dass die Rohstoffeinnahmen nicht wieder in den Taschen korrupter Regierungsbeamter landen, sagt Junis Ali, Herausgeber der Zeitung «Tripoli News». «Gaddafi ist weg, seine Mentalität noch nicht», warnt er. Der Diktator habe dem Land keinerlei staatliche Strukturen hinterlassen, auf denen man aufbauen könne. Korruptionsbekämpfung sei über Jahrzehnte hinweg ein Fremdwort gewesen. «Libyen ist frei. Und nun?», fragt Ali. Eine Garantie, dass der Übergang zu einer Zivilgesellschaft gelingt, gebe es nicht.

Als positiv wertet er, dass im ersten vom Volk gewählten Parlament Libyens zahlreiche Politiker sitzen, die zuvor im Ausland Karriere gemacht haben. Diese Personen hätten das nötige Know-how, um das Land voranzubringen.

Noch allerdings fehlt es an Stabilität in der neuen Regierung. Der derzeitige Ministerpräsident Ali Seidan ist erst eine Woche im Amt und hat noch kein Kabinett zusammengestellt. Seinem Vorgänger hatten die Abgeordneten nach nur wenigen Wochen das Vertrauen wieder entzogen. Ob das Experiment Demokratie langfristig Erfolg in dem Wüstenstaat haben wird, muss sich erst noch zeigen. Ein Hindernis ist der Einfluss der Stämme, der sich mit einem politischen Parteiensystem nur schwer in Einklang bringen lässt. In den grossen Städten, wo Libyer aus allen Landesregionen dicht auf dicht leben, spielt die Stammeszugehörigkeit zwar nur eine untergeordnete Rolle. Ausserhalb der Metropolen hingegen identifizieren sich die meisten Libyer in erster Linie noch immer über ihren Clan.

Dass sich an dieser Mentalität in Kürze etwas ändern wird, hält Junis Ali für ausgeschlossen. «Die Regierung muss Brückenköpfe für die Demokratie bauen», sagt er. Tripolis oder auch die östliche Küstenstadt Bengasi könnten solche Zentren mit Ausstrahlungskraft auf die übrigen Regionen bilden. Noch auf Jahrzehnte hinaus jedoch werden Stammesdenken und Parteiensystem nebeneinander existieren, prognostiziert Ali.

Die andere grosse Unbekannte im neuen Libyen sind die Islamisten. Unter Gaddafi sassen Tausende von ihnen im Gefängnis oder hatten sich ins Ausland abgesetzt. Während der Umstürze im vergangenen Jahr spielten sie allerdings eine tragende Rolle, viele kämpften an vorderster Front. Nun versuchen sie, ihre neue Stärke in politisches Kapital umzumünzen.

Splittergruppen sehen Gewalt als Mittel

Die Partei der Muslimbruderschaft schnitt bei den Wahlen zum Parlament am zweitstärksten ab. Besonders im Osten des Landes haben die Islamisten viele Anhänger. Einige Splittergruppen sehen Gewalt als legitimes Mittel zum Erreichen ihrer Ziele an, wie der tödliche Angriff auf den US-Botschafter am 11.September vor Augen führte.

Widerstandskämpfer Khalifa Ali Dscharah schätzt die Islamisten als grösste Gefahr für sein Land ein. «Sie haben das gleiche Verständnis von Freiheit wie Gaddafi. Wenn wir kein neues Saudi-Arabien werden wollen, müssen wir die Religion aus der Politik raushalten», sagt er. Andere sehen die Lage pragmatischer. Wenn die Islamisten in die neue Regierung integriert würden, verschwände ihr Zauber, glaubt beispielsweise Aschraf Ali, wie Dscharah ein Radiomoderator.

Dscharah und Ali arbeiten beide seit einem halben Jahr als Moderatoren bei Radio Tripolis – demselben Sender, über den Muammar Gaddafi die Revolutionäre als «Ratten» beschimpfte und seine Anhänger zum bewaffneten Kampf aufrief. Vor wenigen Jahren habe er sich noch nicht einmal getraut, mit engen Freunden über Politik zu sprechen, sagt Dscharah. Als er es in einem öffentlichen Café in Tripolis doch einmal tat, nahm ihn prompt Gaddafis Geheimdienst fest. Nun diskutiert er mit Hörern über Freiheit, Zivilstaat, Frauenrechte. «Die Revolution war erst der Anfang», sagt er. «Die wahre Arbeit beginnt jetzt.»