Die Idee liegt als detaillierter Plan im Massstab 1:10 vor. Seit 32 Jahren schon. Den Plan entwickelte Architekt Hansruedi Bolliger bei einem langen Spaziergang durch den Wald im Kopf. Es ist der Plan zu einer Notunterkunft, die aus der Luft in unzugängliche Katastrophengebiete abgeworfen werden kann. Zum Beispiel nach einem Erdbeben, wie im Januar in Haiti. Oder nach einer Flutkatastrophe, wie im August in Pakistan, die nach Schätzungen der UNO 5 Millionen Menschen obdachlos machte. Früher nannte Hansruedi Bolliger seine Idee «Anti-Bomb», weil das Haus wie eine Bombe vom Himmel fällt, aber im Gegensatz zu dieser nicht zerstört, sondern aufbaut. Heute nennt er sein Projekt Lebensretterhaus.

Toilette und Dusche vom Himmel

Das Lebensretterhaus besteht aus zwei 3 Meter langen und 1,2 Meter breiten und einen Millimeter dicken Zylindern aus Stahl. Im inneren Zylinder sind eine Dusche und eine Trockentoilette eingebaut. Der äussere enthält eine Küche mit einem Holz- und einem Solarherd. Zudem ist ein Tank für 600 Liter Wasser untergebracht.

Das Ganze wiegt rund 150 Kilogramm und soll, so die Idee, an einem robusten Fallschirm zur Erde segeln. Nach der Landung könne der Fallschirm in ein Zelt umfunktioniert werden, das rund zehn Menschen Platz biete, erläutert Hansruedi Bolliger, der seit drei Jahren in Uetendorf bei Thun wohnt und nun im Bahnhofbuffet Thun seine Pläne ausbreitet. Das Zeltdach kann später mit Stangen hochgestellt werden; so entsteht ein Trichterdach, zum Einfangen des Regenwassers, das direkt in den Wassertank weitergeleitet wird. Für die erste Zeit nach der Katastrophe enthält das Haus vom Himmel auch ein paar Kanister mit Wasser.

Erster Preis an Unesco-Wettbewerb

Der Entwurf erhielt 1987 von der Unesco und der Union International des Architects in einem Wettbewerb zum Jahr der Obdachlosen den ersten Preis. Das Lebensretterhaus ist bis heute nicht realisiert. Es gibt nicht einmal einen Prototyp, weil das Geld dazu fehlte. Dabei hatte Bolliger prominente Politiker angeschrieben. Zum Beispiel den ehemaligen Präsidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow. Den ehemaligen Präsidenten der USA, Jimmy Carter, hat er sogar dreimal getroffen. Sie lobten ihn für seine Erfindung. Engagiert hat sich bisher keiner. «Das hat mich schon frustriert», gibt der heute 76-Jährige zu. Trotzdem hat er nie aufgegeben. Die Verwirklichung eines Hauses für die Ärmsten dieser Welt hat sich der gläubige Christ zu seiner Lebensaufgabe gemacht.

Jetzt hat er einen neuen Anlauf genommen und bei alt Bundesrat Joseph Deiss eine Petition eingereicht, auf dass dieser sich als UNO-Präsident für das Lebensretterhaus einsetze. Auch andere hohe Politikerinnen und Politiker wies er in einem Brief auf seine Erfindung hin. Alle schrieben ihm höflich zurück. Aussenministerin Micheline Calmy-Rey wünschte ihm Erfolg. Noch-Bundesrat Moritz Leuenberger dankte ihm für das Angebot, das Ehrenpatronat für das Lebensretterhaus zu übernehmen, lehnte aber ab. Und alt Bundesrat Christoph Blocher findet die Idee ebenfalls «sehr interessant». Bolliger freute sich über die Antworten. Gespannt wartet er nun auf jene von US-Präsident Barack Obama.

Kritiker sagen, das Haus sei zu schwer, werde den Abwurf nicht heil überstehen. Zudem sei es zu teuer, zu luxuriös ausgestattet – eine Dusche und eine Toilette brauche es nicht. Für Bolliger ist das Haus aber nicht nur eine kurzfristige Notunterkunft, sondern eine nachhaltige Hilfe. Er stellt sich vor, dass die Menschen in den Krisengebieten im Laufe der Zeit um Kochherd, Dusche und Toilette ein Haus bauen. «Ich gönne den Menschen den Kultursprung zu Toilette und Dusche», sagt Bolliger. Für ihn ist diese Grundausstattung ein Menschenrecht.

Das Haus soll 50000 Franken kosten

Nun will er den Kritikern beweisen, dass sein Haus funktioniert. Ende September hat er die Herstellung eines Prototyps in Auftrag gegeben. Dieser werde – inklusive Fallschirm – rund 50 000 Franken kosten, schätzt der Architekt. Woher er das Geld hat, möchte er nicht sagen. Die Herstellungskosten seien zwar hoch, könnten aber bei einer Massenproduktion gesenkt werden. «Das Lebensretterhaus», betont er, «funktioniert nur als globales Projekt.»

Der Architekt hofft, dass der Prototyp bis Ende Oktober fertig ist. Denn: Die Luftwaffe der Schweizer Armee ist «grundsätzlich interessiert» am Abwurftest, wie ihm Major Oliver Okle im Auftrag des Flugwaffenkommandanten Markus Gygax Mitte September in einem Mail mitteilte. Das erste Lebensretterhaus wird vermutlich über dem Schiessplatz Elm im Glarnerland abgeworfen werden.

Christoph Lang, designierter Präsident des neu gegründeten Vereins «Lebensretterhaus», zweifelt nicht daran, dass das Haus den Abwurf heil übersteht. Das Militär werfe schliesslich ganze Panzer mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug, sagt der Biologe, der selbst in Entwicklungsländern tätig ist und die Verwirklichung von Bolligers Vision «aus Humanität» unterstützt. Man müsse aber noch abklären, ob das Haus in seiner Grösse den vorgegebenen Normen im Flugtransport entspreche.

Unterdessen interessieren sich laut Lang auch Wissenschafter der ETH Zürich und der Hochschule Luzern für da Projekt.

Weihnachtsgeschenk für Pakistan?

Hansruedi Bolliger ist wieder zuversichtlicher als auch schon, dass er den Einsatz des Lebensretterhauses noch erleben darf. Er hofft sogar, dass die ersten Häuser schon Ende Jahr über Pakistan abgeworfen werden können, «sozusagen als Weihnachtsgeschenk vom Himmel», sagt Bolliger. Noch hat er aber niemanden, der die Häuser für Pakistan finanziert.