Noch weht keine rote Fahne auf der Kuppel der altehrwürdigen Sorbonne. Die Behörden haben das Hauptportal sicherheitshalber gesperrt; wer die Cour d’honneur (Ehrenhof) der 1257 gegründeten Uni dennoch betreten will, muss sich an einem kleinen Seiteneingang einer peinlich genauen Identitäts- und Taschenkontrolle durch Uniformierte unterziehen.

Die Absicht der Direktion ist klar: Die Geschichte soll sich nicht wiederholen. In wenigen Tagen werden es fünfzig Jahre her sein, dass Studenten wie Daniel Cohn-Bendit von der ausgelagerten Uni Nanterre kommend die Sorbonne im Stadtzentrum von Paris besetzten. Ab dem 3. Mai 1968 machten die Studenten hier das ganze Quartier Latin unsicher; am 10. Mai organisierten sie die «Nacht der Barrikaden», dann hielten sie der Polizei noch fast einen Monat stand. Noch im Juni, als die Sorbonne «gefallen» war, gelang es der Feuerwehr lange nicht, die rote Fahne der Revolte von der Kuppelspitze zu holen.

Jetzt erzählt ein Hauswart in der Rue de la Sorbonne, die CRS-Bereitschaftspolizei patrouilliere hier rund um die Uhr. «Die überwachen die strategischen Punkte des Quartier Latin seit Tagen sehr diskret, aber sehr genau, auch nachts.» In der Nacht auf Freitag versuchten einige Studenten, im Ehrenhof eine Vollversammlung abzuhalten. Die Polizei räumte die Universität darauf; die Direktion sperrte die Zugänge ganz ab.

Ein Dutzend Universitäten in Frankreich sind bereits von Studenten besetzt. So auch ein Annex der Sorbonne in der Rue de Tolbiac, südlich des Quartier Latin. Hier ist die Lage umgekehrt: Die Polizei kommt nicht mehr in die geisteswissenschaftliche Fakultät hinein. Die Besetzer haben den Eingang mit Tischen und Stühlen verbarrikadiert. Bei den Kaffeemaschinen kochen sie, im grössten Hörsaal N schlafen sie. An den Wänden hängen Sprüche wie: «Die Kapitalisten kosten zu viel.» Oder detaillierte Bauanleitungen für Molotowcocktails.

«Widerstand geht darüber hinaus»

Sorbonne-Direktor Georges Haddad verzichtet auf eine polizeiliche Räumung, um Schaden an Leib und Leben zu vermeiden. Der Protest richtet sich gegen das neue, unter Präsident Emmanuel Macron in Kraft gesetzte Einschreibeverfahren namens Parcoursup. Es verschärfe die Selektion, monieren linke Organisationen und Parteien. «Unser Widerstand geht aber darüber hinaus», meint Irène, eine 21-jährige Geschichtsstudentin. «Wir kämpfen auch gegen die ständig steigenden Studiengebühren. Sie führen wie in den USA, aber auf schleichende Art, zur Bildung von Eliteunis, die sich nur noch die Reichen leisten können», fügt die vermummte Besetzerin an. Dann lässt sie ihrer Wut freien Lauf: «Vor allem kämpfen wir gegen Macron und seine liberale Politik. Die ist rein geldbezogen und zerstört den Service public.»

Ähnlich tönt es im Hörsaal L. Dort präsentiert Soziologiestudent David gerade ein paar breitschultrige Gewerkschafter von Geodis, dem Logistikunternehmen der streikenden Staatsbahn SNCF. Der CGT-Vertreter Mouloud erzählt, dass ein Arbeiter im Werk Gennevilliers (nördlich von Paris) jeden Tag 80 Lastwagen entlade und bis zu 12 Tonnen Früchte und Gemüse herumschleppe. «Nicht einmal unser Dienstältester, seit 44 Jahren im Betrieb, hat jemals eine individuelle Gehaltserhöhung erhalten. Sein Rücken ist längst im Eimer.»

Wiederholt sich die Geschichte?

David informiert die dreissig Anwesenden, warum er Geodis eingeladen habe: «Wenn es gelingt, dieses Unternehmen zu blockieren, sind in wenigen Tagen sämtliche Supermärkte im Grossraum Paris leer. Das ist viel wirkungsvoller als Strassenblockaden.» In einer Pause erzählt ein Mann mit weissem Stoppelbart, wie sich die Studenten im Mai 1968 mit den Renault-Arbeitern solidarisiert hätten; zehn Millionen seien damals in den Generalstreik getreten und hätten der Regierung in Paris weitreichende Sozialgesetze abgerungen.

Könnte sich die Geschichte vielleicht doch wiederholen? Gaston, ein freundlicher Mützenträger, liest zwar gerade eine zerfledderte Ausgabe von Guy Debords 68er-Klassiker «Die Gesellschaft des Spektakels», antwortet aber eindeutig: «Machen wir uns nichts vor, Mai 68 ist gescheitert.» Gerade halb so alt wie jener glorreiche Maimonat, erklärt Gaston, der natürlich nicht Gaston heisst, sondern als guter Anarcho einen falschen Vornamen angibt: «Daniel Cohn-Bendit ist heute ein Freund Macrons. Wenn du ihm sagst, man müsse in Frankreich Feuer legen, wiegelt er ab, man könne doch nicht alles in Schutt und Asche legen. Ich finde, wir müssen uns zuerst einmal darauf konzentrieren, ein richtiges Feuer zu legen, bevor wir an das Nachher denken!»

Noch fliegen in Paris nicht einmal die Pflastersteine. Die Masse der Studenten denkt eher an die nahenden Prüfungen zum Semesterschluss. Nur ein Dutzend Unis im Land sind ganz oder teilweise blockiert. Die Folgen halten sich dank Internet in Grenzen: Die Rektoren halten Kurse und wenn möglich auch die Examen online ab. Vor allem scheint Frankreich generell nicht reif für die Revolte – sondern eher für Reformen Macronscher Art. Und doch hat der Präsident Grund zur Sorge. In immer mehr Berufskategorien mehren sich die Streiks. Premierminister Edouard Philippe meinte am Wochenende beruhigend, die Anliegen der Studenten und der Krankenschwestern seien so unterschiedlich wie die der Bahnarbeiter und der Air-France-Angestellten. Um anzufügen, er sehe keine «convergence» – ein Begriff, mit dem 1968 die zusammenfliessenden Kräfte des Generalstreiks umschrieben wurden.

Der Widerstand gegen Macrons resolute Reformpolitik wächst dennoch. Wenn der Funke auf alle Universitäten übergreifen und sich mit den – bis im Juni angesetzten – Protesten der Eisenbahner mischen sollte, käme der Staatschef im Élysée-Palast unter massiven Druck. Vielleicht denkt Macron schon an seinen illustren Vorgänger Charles de Gaulle: Der musste weniger als ein Jahr nach 1968 seinen Hut nehmen. Aber zum Glück für ihn wiederholt sich die Geschichte ja nie.