Als die «Horkyze Slize» vor zwei Wochen wieder einmal in Prag aufspielten, war fast alles wie damals im Jahre 1993. Zwei Monate lang war die populäre slowakische Punkrockband zuvor durch die tschechische Provinz getingelt und wieder war der Auftritt in der Weltstadt Prag die Krönung.

Sänger «Kuko» ist alt geworden, doch rockt er in der Sporthalle noch immer seine humorvoll-vulgären Texte auf Slowakisch, was in Prag nicht jeder versteht, die älteren Fans allerdings schon. Denn die beiden Sprachen klingen zwar ziemlich verschieden, doch man versteht sich. Nur die Jüngeren haben Sprachprobleme, vor allem in Tschechien, weniger in der Slowakei.

Schliesslich hat man fast 70 Jahre zusammen im selben Staat verbracht. Zuerst 1918–39 und dann ab 1945 wieder. Erst 1993, vier Jahre nach der Samtenen Revolution, die Freiheit vom Kommunismus brachte, ging man schliesslich wieder getrennte Wege. Es war zufällig im Gründungsjahr von «Horkyze Slize» aus Nitra, der zweitgrössten slowakischen Stadt.

Dort hatte man damals andere Sorgen. Viele Slowaken wollten zwar einen unabhängigen Staat mit einer eigenen Hauptstadt, Bratislava, doch war den meisten klar, dass Tschechien viel reicher ist als die gebirgige Slowakei, die nur zur Donau hin flach und industriell wird.

Schweigende Mehrheit hat verloren

Doch der damalige nationalpopulistische slowakische Ministerpräsident, Vladimir Meciar, hatte es den Slowaken versprochen. Und sein tschechischer Amtskollege, der liberale Vaclav Klaus, bot für diese Scheidung durchaus Hand. Das war nicht selbstverständlich. Nur 750 Kilometer südlich, in Bosnien, tobte ein blutiger Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien.

Ein Referendum gab es nicht. Heute heisst es sowohl in Prag wie Bratislava, die schweigende Mehrheit der Bevölkerung beider Teilstaaten hätte damals verloren. Dennoch trauern heute laut Umfragen der Konföderation CSFR nur wenige nach. Sie wird von dem meisten zu sehr mit der vorangegangenen sozialistischen CSSR assoziiert, dem von der Prager KP gelenkten Zwangsverband. Zwar wurde auch dort das föderative Element gepflegt, doch vor allem auf dem Papier. Und so beschlossen Meciar und Klaus 1992 in einer Villa bei Brno (dt. Brünn) ganz alleine kurzerhand die Trennung in der Silvesternacht 1992/93.

Gab es am Anfang noch manche Gehässigkeiten, vor allem bei den nun plötzlich eingeführten teils pingeligen Grenzkontrollen, so wuchsen die beiden Staaten spätestens nach dem EU-Beitritt von 2004 wieder nah zusammen. Heute führt der erste Staatsbesuch traditionellerweise immer in den Schwesterstaat und erst dann nach Brüssel. Der Gründervater der CSFR, Freiheitsheld Vaclav Havel, hatte sich damit bei den Slowaken noch gehörig in die Nesseln gesetzt, als er 1990 Berlin vor Bratislava besucht hatte. Dies bezahlte er in der Folge in der Slowakei mit für ihn ungewohnten Eierwürfen.

War am Anfang nach dem EU-Beitritt in Prag noch zu hören, die landwirtschaftliche Slowakei verlangsame die Entwicklung von ganz Mittelosteuropa, so hat die Einführung des Euro ab 2009 dies zusammen mit dem slowakischen Wirtschaftsaufschwung gehörig geändert. Heute stellt sich eher Tschechien konservativ. Prag will die Tschechische Krone nicht gegen den Euro umtauschen und führt dafür vor allem wirtschaftliche Gründe an. Vor allem will Prag aber nicht für Griechenland geradestehen, etwas, was in Bratislava als Selbstverständlichkeit betrachtet wird.

Dennoch stehen beide Länder sich auch politisch wieder näher, seit in Tschechien die populistische ANO-Partei des Milliardärs Andrei Babis die Parlamentswahlen vom Oktober gewonnen hat. Die Partei weist einige Ähnlichkeiten mit der linkspopulistischen SMER-Partei des slowakischen Ministerpräsidenten Robert Fico auf.

Slowake an der Macht in Tschechien

Der künftige tschechische Premierminister Babis übrigens ist eigentlich ein Slowake, woraus ihm im Wahlkampf kein Strick gedreht wurde. Allerdings hatte er dafür seine slowakischen Formulierungen im Tschechischen ausgemerzt. Statt einer Art Mischsprache, so heisst es in Prag, würde er heute nur noch Slowakisch klingen, wenn er sich in Fernsehdiskussionen total aufrege.

Ein bisschen triezt man sich also doch noch zwischen Tschechen und Slowaken. Die Slowaken gelten in Prag als etwas provinziell, die Tschechen in Bratislava als etwas hochnäsig. Geblieben ist allerdings nur eine wirkliche Feindschaft, und zwar jene zwischen den Eishockeyfans der beiden Nationalteams.