Optisch ist die Veränderung marginal: Dunkler Anzug, grau melierte Haare, ein schlankes, markantes Gesicht. Jens Stoltenberg, der 55-jährige neue Generalsekretär der Nato, gilt als ebenso gut aussehend wie sein Vorgänger, Anders Fogh Rasmussen. Der Norweger Stoltenberg gilt in seiner Heimat als «Mann der Mädchen», was ihm im Internet den Titel des «bestaussehenden Staatschefs der Welt» eintrug.

Was die Zukunft der Nato betrifft, stehen die beiden für gänzlich unterschiedliche Ausrichtungen. Rasmussen gilt Kritikern als Hitzkopf – einer, der Russland unnötig provoziert habe. Noch 2010 sagte der konservative Freisinnige: «Die Ukraine und Georgien werden der Nato angehören.» Er baute zwar auch enge Verbindungen zu Russland auf und bezeichnete das Land als Partner der Nato, doch die Strategie schlug fehl. In Moskau wird Rasmussen als Kriegstreiber verunglimpft.

Der Sozialdemokrat Stoltenberg hingegen ist ein persönlicher Freund des russischen Ministerpräsidenten Dmitrij Medwedew und spricht fliessend Serbisch. Dem Sohn eines Politikerpaars eilt der Ruf eines Tausendsassas voraus. Als er von 2008 bis 2013 die norwegische Regierung anführte, legte er einen Grenzstreit mit Russland bei, der die beiden Länder 40 Jahre lang gegeneinander aufgebracht hatte. Die Arktisanrainer teilten die Barentssee unter sich auf, und die staatliche norwegische Statoil sucht nun mit der russischen Rosneft gemeinsam nach Erdgas – EU-Sanktionen hin oder her.

Nachdem die 28 Nato-Länder Stoltenberg im vergangenen März einstimmig zum künftigen Generalsekretär gewählt hatten, waren russische Fachleute überrascht – und zwar freudig. Stoltenberg sei «nicht die schlechteste Variante», schrieb das renommierte Blatt «Kommersant». Kein Wunder: Konservative Amerikaner misstrauen Stoltenberg. Als Chef der Jungsozialisten hatte er einst verlangt, das Gründungsland Norwegen müsse aus der Nato austreten. Im Teenageralter warf er Steine gegen die US-Botschaft, um gegen den Krieg des wichtigsten Nato-Landes in Vietnam zu protestieren.

Das seien Jugendsünden, sagen Stoltenbergs Anhänger. Kritiker lassen das nicht gelten: In Stoltenbergs Regierungszeit zog sich der norwegische Pensionskassenfonds aus drei grossen amerikanischen Rüstungsfirmen zurück, weil diese zur Herstellung von Atomwaffen beitragen. Und als amtierender Minister habe Stoltenberg 1995 an einer Velo-Demonstration von Oslo nach Paris teilgenommen, um gegen französische Atomwaffentests zu protestieren. Auf Stoltenbergs Website prangt auch aktuell das Zitat: «Es ist einfacher, den amerikanischen Traum in Norwegen zu leben als in den USA.» So einer, sagen amerikanische Kritiker, sei nicht der Richtige, um Russland gemeinsam mit den USA die Stirn zu bieten.

Hervorragender Vermittler

Anderer Meinung ist die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. Sie hält Stoltenberg für den richtigen Mann an der Spitze eines Militärbündnisses. Er hat internationale Politikerfahrung – zuletzt war er Sondergesandter der UNO für den Klimawandel – und er ist ein Vermittler erster Güte. «Geduld braucht mehr Stärke als Wut», schrieb er vor drei Jahren in einem Buch.

Das war im selben Jahr, als der Premierminister seine Führungsqualitäten unter Beweis stellen musste. Der Rechtsextremist Breivik hatte bei einem Amoklauf 77 Menschen getötet, die meisten von ihnen jugendliche Teilnehmer eines Lagers auf der Insel Utøya. Stoltenberg erwies sich als besonnener Landesvater: Sein Land werde auf den Terror mit «mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit reagieren, aber nie mit Naivität».

Dieses Motto scheint der Norweger auch im Umgang mit Russland hochzuhalten. Immer suchte er das Gespräch. Aber er hat auch die Rüstungsausgaben seines Landes um die Hälfte erhöht – bemerkenswert für einen Sozialdemokraten und einstigen Friedensdemonstranten. Im vergangenen Jahr gab Norwegen mehr als doppelt so viel für seine Verteidigung aus als noch 2000 und fast dreimal mehr als die Schweiz. Stoltenberg scheut sich auch nicht, klare Worte zu wählen, wenn sie angebracht sind. «Russlands Vorgehen verletzt internationales Recht und entspricht einer Machtpolitik, die in die Vergangenheit gehört», sagte er über die Ukraine-Krise. «Wir werden nicht in einer Welt leben, in welcher der Stärkste gewinnt.»