«Ob wir die Krise spüren? Sehen Sie sich doch in dieser Markthalle um: Es sind kaum Leute da.» Luigi Fiore, 20-jährig, führt zusammen mit seinen Eltern einen Obst- und Gemüsestand im Mercato Rionale (Quartiermarkt) an der Via Catania und zeigt mit der Hand in Richtung Nachbarstände. Diese quellen – genauso wie der Stand der Fiores – nur so über von frischem Gemüse aus Latium, Orangen und Clementinen aus Sizilien, Äpfeln aus Südtirol und Artischocken aus Sardinien. Es ist 9.30 Uhr, die traditionelle Einkaufszeit der Römer Hausfrauen. Trotzdem wirkt die grosse, schmucklose Halle aus der Mussolini-Zeit wie verwaist.

«Monti war eine Katastrophe für uns», sagt der Obstverkäufer Luigi. Der Notstands-Premier habe letztlich bloss die Steuern erhöht und nichts gegen die Krise unternommen. Resultat: «Die Leute kommen mit ihrem Lohn nicht mehr bis zum Ende des Monats.» Das spüre man natürlich auch hier, in der Markthalle. Luigi verrät etwas verlegen, dass er Silvio Berlusconi wählen werde – dieser habe versprochen, die von Monti erhobene Immobiliensteuer wieder zurückzubezahlen und vier Millionen neue Arbeitsplätze zu schaffen. Luigi gibt zwar zu, dass er sich keineswegs sicher sei, ob Berlusconi diese Versprechen halten werde. «Aber wenn es einer schafft, dann er.»

Die Markthalle befindet sich im Römer Nomentano-Quartier, das sich vom Bahnhof Termini in Richtung Nordosten der Stadt ausbreitet. Geprägt ist der Stadtteil von der prächtigen, von Platanen gesäumten antiken Via Nomentana, von hohen Wohnhäusern aus den frühen 1920er- Jahren, von viel Kleingewerbe und zahlreichen Villen. Auch Teile der Sapienza-Universität und etliche Ministerien und Botschaften liegen in diesem Viertel. Roma-Nomentano ist alles andere als eine arme, heruntergekommene Gegend – und trotzdem ist die Krise auch hier allgegenwärtig.

Kauf eines Mantels wird hinausgeschoben

Auch bei Rudolpho Citone, der wenige Strassen vom Mercato Rionale entfernt seit 32 Jahren ein Herrenausstatter-Geschäft führt. Der 73-Jährige weiss nicht, wie lange er sich noch über Wasser halten kann: «Wir sind an einem Punkt angelangt, an welchem uns die Krise in der Existenz bedroht. Hunderte von Läden haben im letzten Jahr in Rom schon geschlossen», sagt Citone.

Die Lage sei wirklich dramatisch, gerade in seinem Bereich: Die Leute würden den Kauf eines neuen Mantels oder einer Jacke hinausschieben – «oder sie kaufen die Billigware der Chinesen, obwohl die Qualität schlecht ist und die Textilien voller giftiger Chemikalien sind». Er könne es seinen Kunden nicht einmal übelnehmen: «Wenn sie wegen der Krise kein Geld mehr haben, müssen sie eben Prioritäten setzen.»

Der Römer Geschäftsinhaber wäre als einstiger Wähler der Democrazia Cristiana (DC) eigentlich dazu prädestiniert, für Mario Monti zu stimmen. Aber auch er ist vom «Professore» enttäuscht: «Meiner Meinung nach hat er nur den Banken und dem Finanzsektor geholfen. Uns hat er nicht unterstützt, im Gegenteil: Die Steuern sind erhöht worden, und trotz der Milliarden, mit welchen die EZB den Bankensektor überschüttet hat, erhalten wir ‹Kleinen› keinen Kredit.» Dabei seien doch gerade die kleinen und mittleren Betriebe das Rückgrat der italienischen Wirtschaft. Auch für die Jungen habe Monti kaum etwas gemacht: «Dass jeder Dritte von ihnen inzwischen keine Arbeit hat, ist eine Schande.» Citone wird in einer Woche vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben nicht ins Wahllokal gehen: «Ich vertraue gar keinem mehr: weder Monti noch Bersani und schon gar nicht Berlusconi.»

Etwas weiter stadtauswärts, in der Nähe der frühchristlichen Kirche Sant’Agnese und ihrer Katakomben, wohnt Manuela Colusso. Die 68-jährige Rentnerin und ehemalige Oberstufen-Lehrerin mag über Monti nicht den Stab brechen: «Als er sein Amt antrat, stand er doch mit dem Rücken zur Wand. Was sollte er denn machen? Die Löhne nicht mehr ausbezahlen?»

Es herrscht Resignation

Auch Signora Colusso hat Opfer bringen müssen: Für ihre Eigentumswohnung bezahlt sie nun plötzlich 1500 Euro Immobiliensteuer im Jahr – bei einer Monatsrente von 1480 Euro. Letztere ist zu allem Überfluss im Rahmen der Sparmassnahmen auch noch auf der aktuellen Höhe eingefroren worden – und das bei einer Jahresteuerung von rund 3 Prozent. «Die Rentenreform von Sozialministerin Elsa Fornero war nicht gerecht.» Nun kommen auf die Rentnerin wegen eines Rohrbruchs im Keller des Mehrfamilienhauses Sanierungskosten von rund 2000 Euro zu – woher sie dieses Geld nehmen soll, weiss sie nicht. Bisher konnte sie es immerhin noch vermeiden, mit dem geerbten Goldschmuck zu einem «Compro Oro», einem Goldaufkäufer, zu gehen.

Rentnerin Colusso, die ihr Leben lang links gewählt hat, wird auch diesmal ihren Gewohnheiten treu bleiben und den Partito Democratico von Pier Luigi Bersani wählen – auch wenn sie von ihm keine Wunder erwartet. Etwas mehr Gerechtigkeit bei der Verteilung der Opfer würde ihr schon reichen.

Eine Woche vor den Parlamentswahlen, die vor allem im Ausland als Schicksalsentscheid für Italien angesehen werden, herrscht im einst so heiteren Römer Nordquartier und im übrigen Land Resignation. Egal, mit wem man sich unterhält: Wenn man fragt, ob sich die Leute von den Wahlen eine Wende zum Besseren erhoffen, lautet die Antwort «no». Zum Schluss schauen wir bei Giulio De Lucia vorbei. Der 40-Jährige betreibt in der Nähe der Piazza Bologna, des zentralen, grossen Platzes in Roma-Nomentano, zusammen mit seinem Jugendfreund Gianni einen Coiffeursalon.

Die «Parrucchieri»gelten dank ihrem engen Kundenkontakt gemeinhin als eine Art Orakel bei anstehenden Wahlen: Sie bekommen wie kaum jemand anders die Stimmung der Leute mit. Also Giulio: Woher weht der Wind? «Es gibt ein Patt, das Land wird unregierbar, und in spätestens einem Jahr werden wir erneut wählen», erklärt Giulio. Er wird zur Unregierbarkeit sein Scherflein beitragen und dem Komiker Beppe Grillo die Stimme geben: «Er ist der Einzige, der wirklich ausserhalb der Politik steht und damit auch der Einzige, der für mich wählbar ist. Der ganze Rest gehört der alten, korrupten Kaste an.»

Coiffeur Giulio ist einer der wenigen im Quartier, die kaum etwas von der Krise spüren – «Haare müssen immer geschnitten werden.»