«Ein Symbol» – das Wort ist heute überstrapaziert. Das mag so sein, aber wenn das Wort überhaupt je am Platz ist, dann bei den Bildern, die Abraham Zapruder am 22. November 1963 auf 8-Millimeter-Film bannte.

Der 58-jährige Inhaber einer Damenbekleidungsfabrik wurde ohne eigenes Zutun einer der wichtigsten Dokumentaristen des 20. Jahrhunderts. Und das, indem er einfach auf einem Betonsockel stand in der Dealey Plaza, als Präsident Kennedys Autokolonne vorbeifuhr. Zapruders 26 Sekunden Amateurfilm sind unter den berühmtesten und unzweifelhaft meistuntersuchten Filmen der Fotogeschichte. Über sie wurden Bücher geschrieben, Dissertationen verfasst, Filme gedreht, Stücke geschrieben, Dokufilme gedreht, der Film wurde zum Kunstwerk und zuletzt zur Parodie. Eine der meistbekannten Episoden der Sitcom «Seinfeld» ist die Parodie der Szene, wie Oliver Stone in seinem Hollywood-Blockbuster «JFK» 1991 den Zapruder-Film vorführt.

Wie ein Rorschach-Test

Allen Untersuchungen des Films zum Trotz hat er dennoch nie eine schlüssige Darstellung geliefert, was um 12.30 Uhr in der Dealey Plaza wirklich passierte. Stattdessen funktionierte der Film wie ein Rorschach-Test, Anlass zu endlosen Interpretationen, Spekulationen und Entzifferungsversuchen. Nicht zwei Untersuchungsgremien – und es gab mehrere offizielle staatliche Prüfungen – kamen zum gleichen Ergebnis. Auch die vielen Untersuchungen verschiedener grosser Medienorganisationen der USA schafften das nicht.

Wie ist so etwas möglich, wenn man annimmt, dass die tödlichen Schüsse nur auf eine Art und Weise abgefeuert werden konnten?

Das Verstehen beginnt, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der Zapruder-Film von Beginn an eine so mächtige Wirkung auf die Vorstellungskraft hatte, dass man sich das Attentat gar nicht mehr anders vorstellen konnte. Für jedermann, der nicht auf der Dealey Plaza war – und dort waren nur etwa 400 Zuschauer – komprimierte sich das Attentat zu dieser einen und einzigen Darstellung, wie der Kritiker Richard Woodward einst schrieb. So sehr, dass Kennedys Tod ohne die Zapruder-Bilder nicht mehr vorstellbar schien.

Wenn Lee Harvey Oswald, der Hauptverdächtige, sich einem Gericht in Dallas hätte stellen müssen – damals war Präsidentenmord noch kein Verbrechen, das der Bundesgesetzgebung unterstand –, dann wäre der Zapruder-Film ohne Zweifel wichtig geblieben, aber nicht mehr so wichtig. Nehmen wir an, dass der Polit-Soziopath Oswald die Verantwortung für seine Tat übernommen hätte, dann hätte er die Schuss-Szene aus seiner Warte geschildert, und diese Schilderung hätte sich über das gelegt, was Zapruder gefilmt hatte. Der Film wäre zu einer Art optischen Untermauerung geworden.

(Quelle: Youtube.com)

Das Atttentat auf John F. Kennedy

Es kam nicht dazu, Oswald wurde am Sonntag drauf im Keller des Polizeihauptquartiers erschossen, und der Zapruder-Film erlangte ein Monopol – überwältigender als Oswalds Sicht vom Fenster des fünften Stocks des Texas School Book Depository. Die unglückliche, nicht gewollte Folge war, dass jede nächste Untersuchung sich auf den Film stützen musste. Drei Schüsse wurden in Dallas abgefeuert und alle drei – nimmt man an –, sind auf dem Film, auch wenn Zapruder vor der Warren Commission freimütig zugab, er hätte nur zwei gehört.

Als die Warren Commission das Attentat im Mai 1964 nachstellte, realisierte sie, dass der Oberkörper des Präsidenten einige Sekunden in Oswalds Blickfeld geriet, bevor Zapruder seine Kamera startete. Zu dieser Zeit wurde diese Beobachtung nicht genügend ernst genommen. Alle US-Marines – und Oswald gehörte zu ihnen – werden ausgebildet, auf den Körper zu zielen. In der Absicht, den Präsidenten des USA zu töten, hätte Oswald wohl bei der ersten Gelegenheit gefeuert. Er hätte keinen Augenblick länger als nötig gezögert, schon gar nicht für einen Amateurfilmer, von dem er nicht einmal wusste, dass er existierte.

Elf Sekunden zum Feuern

Wenn wir uns einmal befreien von der Auffassung, dass Zapruder das ganze Attentat gefilmt hat – oder dass der Film das ganze Attentat darstellt –, können wir jetzt einsehen, dass Oswalds Waffenhandhabung für einen trainierten Marine kein grosses Kunststück war, auch wenn Oswald kein Meisterschütze war. Er hatte mindestens elf Sekunden, um seinen italienischen Karabiner drei Mal abzufeuern.

Weil es der Warren Commission nicht gelang – ganz zu schweigen den Untersuchungen, die ihr folgten –, eine einzige, schlüssige und überzeugende Erklärung der Schüsse zu liefern, war eine der wichtigsten Gründe dafür, dass der Warren Report innert zweier Jahre, nachdem er publiziert wurde, unter heftige Kritik geriet. Der 50. Jahrestag ist die Gelegenheit, den kollektiven Zwang zu brechen, den der Zapruder Film über die allgemeine Vorstellung hatte. Wenn das gelingt, verliert der Film kaum an Symbolkraft. Aber es würde den Film an seinen angestammten Platz stellen: als ein Element der Beweismittel, und er muss nicht Oswalds Perspektive aus dem fünften Stock ersetzen.

Gleichzeitig würde ein korrektes Verständnis des Zapruder-Films den Warren Report in ein besseres Licht rücken. Seine fundamentalen Schlussfolgerungen würden überzeugender. Aber grundsätzlich müssen wir sie ohnehin nicht infrage stellen.

Max Holland ist Journalist in Washington, DC, und Autor von u.a. Leak: Why Mark Felt Became Deep Throat (2012) und The Kennedy Assassination Tapes (2004). 2011 war er der wissenschaftliche Hauptberater der TV-Dokumentation «JFK: The Lost Bullet» über das Kennedy-Attentat.