International

Ein «Abwesender» ist der grösste Profiteur des Iowa-Debakels

Statt in Iowa war Mike Bloomberg am Montag in Kalifornien unterwegs, wo es viele Delegiertenstimmen zu holen gibt.

Statt in Iowa war Mike Bloomberg am Montag in Kalifornien unterwegs, wo es viele Delegiertenstimmen zu holen gibt.

Das Auszähl-Chaos in Iowa ist ein Desaster für die Demokraten. Für einen Kandidaten aber ging die Rechnung auf: Michael Bloomberg hat Iowa ausgelassen und will nun Vollgas geben.

Wenn die US-Demokraten beweisen wollten, dass sie es nicht können, dann ist es ihnen in Iowa grandios gelungen. Mit dem Chaos bei der Auszählung aufgrund einer fehlerhaften App haben sie einen monströsen Fehlstart ins Wahljahr 2020 hingelegt. Nun liegen Pete Buttigieg und Bernie Sanders klar vorne, aber über der Legitimität des Ergebnisses liegt der Schatten des Zweifels.

Freuen kann sich Präsident Donald Trump, den die Demokraten aus dem Amt jagen wollen. Er rieb ihnen das Debakel genüsslich unter die Nase. Er ist jedoch nicht der einzige Profiteur. «Ein demokratischer Präsidentschaftskandidat ging als Sieger aus dem Iowa-Chaos hervor, bevor die Ergebnisse bekannt wurden – obwohl er nie einen Fuss in den Staat gesetzt hat», schrieb Politico.

Die App des Anstosses, die für das Chaos in Iowa verantwortlich ist.

Die App des Anstosses, die für das Chaos in Iowa verantwortlich ist.

Gemeint ist Michael «Mike» Bloomberg, der ehemalige Bürgermeister von New York. Er stieg erst im letzten November und damit ziemlich spät ins Rennen ein. Die ersten vier Vorwahlen im Februar lässt Bloomberg aus. Er konzentriert sich auf den Super Tuesday am 3. März in 15 Bundesstaaten und Territorien. Politbeobachter beurteilten diese Strategie als riskant.

Kein «Iowa Bounce»?

Nun kann sich Bloomberg zurücklehnen, denn nach dem Resultate-Chaos scheint es fraglich, ob Buttigieg oder Sanders vom «Iowa Bounce» profitieren können. Gemeint ist der Schub, den der Sieger in Iowa für den weiteren Verlauf des Vorwahl-Marathons in der Regel erhält. Vorteilhaft für Bloomberg ist auch der Absturz von Joe Biden, der ebenfalls die moderate Wählerschaft umwirbt.

Der Medienunternehmer fackelte jedenfalls nicht lange. Am Dienstag wies Bloomberg sein Wahlkampfteam an, die Ausgaben für Fernsehwerbung zu verdoppeln und die Zahl der Mitarbeiter auf über 2000 aufzustocken, berichtete die «New York Times». Dabei handelt es sich nicht um Peanuts. Bloomberg hat laut Politico schon mehr als 315 Millionen Dollar für Werbung ausgegeben.

Sein Vermögen wird auf 60 Milliarden Dollar geschätzt. Da kann er locker ein paar 100 Millionen aus dem Ärmel schütteln. Bloomberg war der einzige Demokrat, der Trump bei den superteuren Super-Bowl-Spots Paroli geboten hat. Im Vorfeld der «State of the Union»-Rede am Dienstag platzierte er einen Anti-Trump-Clip auf MSNBC, Fox News, CNN und Youtube.

Der Anti-Trump-Clip zur State of the Union

Seine Vorwahl-Strategie zielt auf die grossen Staaten, in denen viele Delegiertenstimmen für den Parteikonvent im Juli zu holen sind. So wird am Super Tuesday unter anderem in Kalifornien und Texas gewählt, den Nummern Eins und Zwei im Bevölkerungs-Ranking. «Es ist viel effizienter, in die grossen Staaten und in die Swing States zu gehen», sagte Bloomberg der «New York Times».

Die Präsidentschaft erkaufen

Als seine Kontrahenten am Montag in Iowa um die letzten Wählerstimmen buhlten, war er folglich in Kalifornien unterwegs. Dort begann an diesem Tag das Early Voting. Am Dienstag folgte ein Auftritt in Detroit, bei dem er über das Iowa-Schlamassel spottete («Dort soll gestern etwas passiert sein. Oder auch nicht. Keine Ahnung.»). Den Abend verbrachte er gemäss Politico in Pennsylvania.

Bis zur Nomination muss Mike Bloomberg einige Hürden nehmen, denn seine Kandidatur ist umstritten. Vielen stösst die Tatsache sauer auf, dass er sich die Präsidentschaft mit seinem immensen Vermögen faktisch erkaufen will. Und von der Tatsache profitiert, dass der Oberste Gerichtshof solche Praktiken als Ausdruck der freien Meinungsäusserung geschützt hat.

«Mehr Geld von den Reichen wie mir»

Bloomberg wird deswegen vor allem von links scharf kritisiert. Er konterte am letzten Samstag mit der Forderung nach einem gerechteren, progressiveren Steuersystem, «das von reichen Amerikanern wie mir mehr Geld einfordert». In zehn Jahren sollen so rund fünf Billionen Dollar für den Ausbau der Krankenversicherung und eine bessere Infrastruktur eingenommen werden.

«Milliardäre sollten keine Wahlen kaufen»: Protest während Bloombergs Auftritt am Montag in Compton/Kalifornien.

«Milliardäre sollten keine Wahlen kaufen»: Protest während Bloombergs Auftritt am Montag in Compton/Kalifornien.

Umstritten sind auch Bloombergs politische «Seitensprünge». Er war ursprünglich ein Demokrat, trat bei seiner Wahl zum New Yorker Bürgermeister 2001 aber als Republikaner an, weil er bei diesen keine Konkurrenten hatte. Später war er parteilos, erst 2018 kehrte er zu den Demokraten zurück. Ausserdem hat er wie Pete Buttigieg ein Problem bei Schwarzen und Latinos.

Verfassungswidrige Polizei-Methode

Der Grund ist die während seiner Zeit als Stadtpräsident praktizierte Methode des «Stop and frisk», die als verfassungswidrig eingestuft wurde. Kurz vor der Bekanntgabe seiner Kandidatur entschuldigte sich Bloomberg in einer afroamerikanischen Kirche in Brooklyn: «Viel zu viele unschuldige Menschen wurden dabei gestoppt, die Mehrheit davon Schwarze und Latinos.»

Gleichzeitig bemüht er sich um die Unterstützung von schwarzen Politikern, vorab Oberhäuptern anderer grosser Städte. Und das nicht ohne Erfolg. Mit Muriel Bowser (Washington) und London Breed (San Francisco) haben sich die beiden prominentesten schwarzen Stadtpräsidentinnen des Landes für ihn ausgesprochen, nicht zuletzt wegen seines Einsatzes für schärfere Waffengesetze.

Nächste Woche wird Mike Bloomberg 78, womit er altersmässig zwischen Bernie Sanders und Joe Biden liegt und somit alles andere als taufrisch ist. Das Ende der Trump-Präsidentschaft hat für ihn oberste Priorität. Er kündigte an, seine Finanzkraft bis zu den Wahlen im November auch dann einzusetzen, wenn die Demokraten Sanders oder Elizabeth Warren nominieren sollten.

Donald Trump nimmt den Rivalen aus seiner Heimatstadt jedenfalls nicht auf die leichte Schulter, er verspottet den mit ca. 1,70 Metern eher kurz geratenen Ex-Bürgermeister als «Mini Mike». Dieser bleibt ihm nichts schuldig. Als der Sender CBS Bloomberg am Montag fragte, ob die Menschen am Kampf zweier Milliardäre interessiert seien, antwortete er: «Zwei Milliardäre? Wer ist der andere?»

Meistgesehen

Artboard 1