Papst Franziskus

Eigentlich hätte Papst Franziskus Chemielaborant werden sollen

PapstFranziskus. KEY

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Mit 21 Jahren zog es den jungen Bergolio zu den Jesuiten. Diese zählen zum progressivsten Flügel der katholischen Kirche. Der 76-jährige Jorge Mario Bergoglio ist der erste Nicht-Europäer und der erste Jesuit auf dem Papstthron.

Eigentlich hätte er Chemielaborant werden sollen. Dann überlegte es sich Jorge Mario Bergoglio noch einmal anders und ging mit 21 Jahren ins Seminar. Er fühlte sich zu den Jesuiten hingezogen, die gleichzeitig den progressivsten Flügel der katholischen Kirche verkörperten und den intellektuell brillantesten.

Dem Sohn eines italienischen Eisenbahnarbeiters und einer Hausfrau aus einem Vorort von Buenos Aires öffnete sich im Seminar von Villa Devoto eine neue Welt.

Gleichzeitig blieb er seinen volkstümlichen Wurzeln stets treu. Schon als er längst Bischof war, in den Neunzigerjahren, fuhr er noch mit der U-Bahn zur Arbeit oder diskutierte in den Arbeitervorstädten von Buenos Aires leidenschaftlich über Fussball.

Bergolio: Keine Eminenz

Mit «Eminenz» wollte der 76-Jährige nie angeredet werden, «Vater Bergoglio» war ihm lieber.

1969 erhielt er die Bischofsweihe. Es waren aufreibende Jahre für die Kirche Lateinamerikas, der Speerspitze der Befreiungstheologie und der Kirche an der Seite der Armen. Bergoglio ist kein Charismatiker, sondern machte eher in den Ordensstrukturen Karriere.

Bergolio: der «Philosophenpapst»

Die Lehre und die Publikation sind die Passion des «Philosophenpapstes». Schon 1973 wurde er zum Provincial, dem Leiter des Jesuitenordens in Argentinien ernannt. Den Posten hatte er bis 1979 inne – während der härtesten Phase der Repression der Militärdiktatur.

Seine Gegner werfen ihm vor, damals nicht energisch genug gegen die Verfolgung Andersdenkender eingetreten zu sein – nicht einmal, als auch Geistliche und Ordensschwestern niedergemetzelt wurden.

Vor einigen Jahren wurde er deshalb sogar vor Gericht zitiert. Er antwortete schriftlich. Papst Johannes Paul II., ein entschiedener Gegner der Befreiungstheologie, hielt grosse Stücke auf den langjährigen Vorsitzenden der argentinischen Bischofskonferenz und machte ihn 2001 zum Kardinal.

Bergolio: Der Konservative

Er gilt als konservativ in gesellschaftlichen Fragen wie Homosexuellenehe oder Abtreibung.

Mit der linken Regierung unter dem Präsidentenehepaar Nestor und Cristina Kirchner hat sich Bergoglio deshalb öfter angelegt – zuletzt wegen der Legalisierung der Homosexuellenehe im Jahr 2010. Dies sei ein Schachzug des Teufels, hatte er öffentlich kritisiert.

Präsidentin Cristina Kirchner erklärte ihn für einen Lobbyisten des Mittelalters und der Inquisition. Bekannte schätzen an Bergoglio seine Integrität, seine Fähigkeit zum Dialog und seinen einfachen Lebensstil. Er sei so aufrichtig, dass nicht einmal die Kirchners trotz intensiver Suche einen schwarzen Fleck in seinem Lebenslauf hätten finden können, sagte der Augustinerbruder Ricardo Corleto.

Der Kirchenexperte und Exjesuit Rubén Aguilar sieht in Bergoglio einen idealen Ausgleich zwischen dem erzkonservativen und dem liberaleren Flügel der Kirche. Wegen seines hohen Alters sei er sicherlich ein weiterer Übergangspapst mit der Aufgabe, die internen Probleme des Vatikan zu lösen.

Schon nach dem Tod Johannes Paul II. galt er als einer der Favoriten, nun wird er als erster Lateinamerikaner der Neuzeit das Oberhaupt der katholischen Kirche.

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