USA

«Dramatische Ausmasse»: Wirbelsturm «Harvey» trifft auch Schweizer ABB

Der Tropensturm hält Texas in Atem – der ABB-Konzern hat seine Anlagen in der Region vorerst geschlossen.

Der verheerende Tropensturm «Harvey» im US-Bundesstaat Texas trifft auch den Schweizer Technologiekonzern ABB und dessen Mitarbeiter. In einem internen Brief an seine Angestellten, der der AZ vorliegt, schreibt Konzernchef Ulrich Spiesshofer: «Unser Team in Houston, Texas, und seine Familien durchleben gerade eine der grössten Naturkatastrophen, die es je gegeben hat.» Die Überschwemmungen hätten «dramatische Ausmasse» angenommen. «Bereits jetzt ist klar, dass die Folgen beträchtlich sein werden.»

Das US-Krisenteam der ABB sei bereits in Alarmbereitschaft versetzt worden, als sich «Harvey» der Küste näherte. Für die vor Ort betroffenen Mitarbeiter hält der Konzern ein internes Hilfsprogramm bereit. «Jeder, der Unterstützung braucht», könne dieses nutzen, schreibt der ABB-Chef. Rund 600 Menschen beschäftigt der Konzern in der Region Houston. Den Kollegen stehe man «in dieser äusserst schwierigen Zeit» bei. «Dafür stehe ich ganz persönlich ein», so Spiesshofer.

Auf Anfrage teilt ABB mit, dass es bislang keine grösseren Schäden an eigenen Anlagen im südöstlichen Texas gegeben habe. Dennoch blieben sämtliche Standorte in der Region aus Sicherheitsgründen geschlossen.

Lage bleibt angespannt

In Houston hat sich derweil am Mittwoch erstmals seit voriger Woche wieder die Sonne gezeigt – und Augenzeugen berichteten, dass die Wasserstände in der seit letztem Samstag überfluteten Millionen-Metropole langsam am Sinken begriffen seien, zumindest in den meisten Vierteln. Immer noch befanden sich aber Hunderte oder Tausende von Menschen (so genau wusste dies niemand) in überschwemmten Häusern und warteten verzweifelt darauf, gerettet zu werden.

Die Bezirksverwaltung beschloss, im Kongresszentrum NRG Center eine weitere Notunterkunft zu eröffnen; ausserdem wurden in der Sportarena Toyota Center Menschen untergebracht, die in der überfüllten Notunterkunft in der städtischen Ausstellungshalle George R. Brown keinen Platz mehr fanden. Die bundesstaatliche Katastrophenschutzbehörde FEMA (Federal Emergency Management Agency) sprach von 30 000 Männern, Frauen und Kindern, die sich derzeit im Staat Texas in Notunterkünften aufhielten. Diese Zahl ändere sich aber ständig, sagte FEMA-Direktor Brock Long. Houstons Stadtpräsident Sylvester Turner verhängte eine nächtliche Ausgangssperre, weil sich die Nachrichten gehäuft hätten, dass Plünderer unterwegs seien. Und Polizeichef Art Acevedo rief die verunsicherte Bevölkerung dazu auf, noch nicht in die überfluteten Häuser zurückzukehren.

Der Tropensturm «Harvey», der seit Samstag an der Golfküste der USA für chaotische Zustände sorgt, bewegte sich derweil über die Städte Port Arthur (Texas), Beaumont (Texas) und Lake Charles (Louisiana) hinweg. Lokale Behörden berichteten, dass der Sturm für sintflutartige Niederschläge sorge – so war die Autobahn I-10 geschlossen, die wichtigste Verkehrsachse in diesem Teil von Texas und Louisiana. Der lokale Fernsehsender «KFDM» zeigte Bilder von Häusern, die unter Wasser standen, und überfluteten Strassenzügen. Innerhalb von 24 Stunden sollen in Beaumont Niederschlagsmengen gemessen worden sein, die 115 Zentimeter überstiegen. Dabei handle es sich aber bloss um einen provisorischen Wert – weil der Regenmesser seinen Geist aufgegeben habe.

Unbürokratische Hilfe

Unklar bleibt weiterhin, wie gross der ökonomische Schaden sein wird, der «Harvey» anrichten wird – und wie viele Menschen ihr Leben gelassen haben. (Vorläufige Zahlen gehen von 20 Toten aus.) Klar ist derzeit nur, dass die Wirtschaft in der Energiemetropole Houston immer noch weitgehend stillsteht. In Washington ist deshalb eine Diskussion darüber entbrannt, mit wie vielen Milliarden von Dollars der Wiederaufbau der betroffenen Küstenregion unterstützt werden soll. Republikaner und Demokraten aus Texas zeigten sich in ersten Stellungnahmen einig darüber, dass der betroffenen Bevölkerung rasch und unbürokratisch geholfen werden solle.

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