US-Präsident Donald Trump hat nach dem mutmasslichen Giftgasangriff im syrischen Douma die russische Regierung aufgefordert, sich auf Raketenangriffe in dem Bürgerkriegsland einzustellen. Moskau dürfe nicht länger «Partner eines mit Gas tötenden Tieres» sein. Gemeint ist der syrische Präsident Assad, der in den Augen von Trump für die Giftgasangriffe verantwortlich war. Eine geplante Untersuchung der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) will der Amerikaner offenbar nicht abwarten.

Aus russischer Sicht war die Chemiewaffenattacke eine «Inszenierung der Rebellen», um so den USA den Vorwand für eine Intervention in Syrien zu liefern. Moskau will in diesem Fall «sofort reagieren». Amerikanische Raketen würden über dem syrischen Hoheitsgebiet abgefangen. Schon bald könnte sich die Welt «an der Schwelle von sehr traurigen und ernsten Ereignissen wiederfinden», warnte der russische UNO-Botschafter Wassili Nebensja.

Welche Ziele verfolgen die Konfliktparteien in Syrien, zu denen neben den USA und Russland auch der Iran, Saudi-Arabien, Israel sowie die Türkei gehören? Welche «Erfolgsaussichten» im Falle einer offenbar unvermeidlichen Militäreskalation haben die Beteiligten?

Trump will Stärke demonstrieren

US-Präsident Donald Trump will in Syrien noch einmal «Stärke» zeigen, nachdem er erst vor zwei Wochen den Abzug der 2500 US-Soldaten aus dem Bürgerkriegsland angekündigt hatte. Die entsetzlichen Bilder aus Douma sind für den Amerikaner ein starkes Motiv zum Handeln. Für Trump ist nicht nur Assad der Schuldige. Auch Iran und Russland müssen aus seiner Sicht zur Rechenschaft gezogen werden. Der unberechenbare Chef im Weissen Haus möchte nicht als «Zauderer» oder «Schwächling», wie er seinen Amtsvorgänger Obama verunglimpfte, in die Geschichte eingehen.

Trump sollte sich allerdings im Klaren darüber sein, dass neuerliche Raketenangriffe gegen Syrien den Kriegsverlauf in dem Bürgerkriegsland nicht verändern werden. Den Stellvertreterkrieg um Syrien haben die USA nämlich längst verloren, ihr Kriegsziel, den Sturz des Assad-Regimes, auch nach mehr als sieben Kriegsjahren nicht erreicht. Trotzdem ist das Risiko einer militärischen Konfrontation mit Russland jetzt gewaltig. Seit Tagen warnen russische Regierungsmitglieder und Diplomaten davor, dass man auf amerikanische Militärschläge in jedem Fall reagieren wird. Drohungen, wie die des russischen UN-Botschafter Nebensja dürfen nicht auf die leichte Schulter genommen werden.

Für das Assad-Regime ist der jüngste «Sieg» in Ost-Ghuta, dem Ort des mutmasslichen Giftgasangriffs, der grösste militärische Erfolg seit der Rückeroberung von Aleppo im Dezember 2015. Die östlichen Vorstädte von Damaskus waren mit bis zu 30 Kilometer langen Tunneln, in denen sogar kleine Panzer fahren konnten, zu einer gewaltigen militärischen Festung ausgebaut worden: Ost-Ghuta sollte «das Sprungbrett» in die syrische Hauptstadt sein. Strategisches Ziel der islamistischen Rebellen war der «Regime Change» in Damaskus, der nach dem Verlust ihrer letzten grossen Bastion in Syrien so bald nicht mehr möglich ist.

Dass man sich in den USA und auch in Israel eine völlig andere Entwicklung gewünscht hätte, liegt auf der Hand: Mit Russland unterhält der jüdische Staat diplomatische Beziehungen, soll diverse «rote Linien» mit den Offizieren der Roten Armee gezogen haben. Den bis an den Fuss der Golanhöhen vorgerückten Iran betrachtet man dagegen als strategische Bedrohung.

Von US-Präsident Trump hat Israel das «grüne Licht» erhalten, in Syrien gegen den iranischen Erzfeind zu intervenieren. Neue Eskalationen sind damit vorprogrammiert. Das gilt auch für Nord-Syrien, wo die Türkei auf den Widerstand der USA stossen wird, falls sie weiterhin darauf besteht, ihre völkerrechtswidrige «Sicherheitszone» in den syrischen Kurdengebieten zu erweitern.