Coronakrise

Diese unglaubliche Story zeigt, wie verzweifelt die USA Masken brauchen

Heissbegehrt: Die N95 Maske filtert bis zu 95% der Coronaviren aus der Luft. (Bild: EPA)

Heissbegehrt: Die N95 Maske filtert bis zu 95% der Coronaviren aus der Luft. (Bild: EPA)

Die Beschaffung medizinischer Güter ist überall auf der Welt längst zu einem Spiessrutenlauf geworden. Doch in den USA hat die Lage eine ganz andere Dimension. Der Beschaffungsdruck zwingt die Regierung sogar zu fragwürdigen Deals.

Die US-Regierung hat das IT-Unternehmen Federal Gouvernment Experts LCC (FGE) damit beauftragt, medizinische Ausrüstung für den Kampf gegen die Coronavirus-Epidemie zu beschaffen. Das Problem: Das Unternehmen hat keinerlei Erfahrung in diesem Business und trotzdem steht es jetzt vor dieser Herkulesaufgabe. Nun dokumentierte der ProPublica-Journalist J. David McSwane die hollywoodreife Reise durch den Untergrund aus Auftragnehmern und Zwischenhändlern, die versuchen, das verzweifelte Bedürfnis der USA nach Masken zu decken.

McSwane hat dafür mit Robert Stewart gesprochen, dem Chef von FGE. Der Clou: Stewarts Unternehmen hat keinerlei Erfahrung im Ankauf von medizinischen Gütern und kann auch keine Lieferketten vorweisen. Ebenfalls besitzt es kaum Kredite, um die benötigten Masken zu beschaffen. Dennoch bekam das Unternehmen den Zuschlag der US-Regierung.

Insgesamt muss Stewart 6 Millionen Masken beschaffen. Dafür erhält er 5,75 Dollar pro Maske, was etwa einem Aufschlag von 350 Prozent über dem marktüblichen Preis entspricht.

Masken, oder doch nicht?

Der Bericht des Journalisten stellt folgende Fragen:

«Ich wollte wissen, wie das Unternehmen des 34 Jahre alten Stewarts, welches erst zwei Jahre zuvor gegründet wurde, einen Auftrag dieser Grösse erhalten konnte. Und, noch wichtiger, kann er diesen auch erfüllen?»

Stewart behauptete nämlich, er lagere 6 Millionen N95-Atemschutzmasken in Los Angeles. Ein nicht identifizierter Absender hätte ihm per Handy ein Video der Masken geschickt. Also flogen Stewart und der Journalist zusammen mit Stewarts' Privatjet nach Los Angeles.

«Wir waren schon auf halber Strecke, als Stewart die Nachricht erreichte, dass die 6 Millionen Masken aus Los Angeles an einen anderen Interessenten verkauft wurden. Stewart habe das Geld nicht schnell genug aufgetrieben. Stewart hätte die Masken einen Tag später beim U.S. Department of Veterans Affairs abliefern sollen. Nun stand er aber ohne Masken da.»

«Ich fragte ihn, warum wir nach Chicago flogen, wenn der Masken-Deal noch nicht im Trockenen war. ‹Es war eine Art Vertrauenssache›, sagte dieser.»

«Sie tun, was getan werden muss»

Gemäss Stewart sei er wegen seiner Verbindung zum Spekulant Troy King in dieser Lage gelandet. King habe ihn mit dem unbekannten Zwischenhändler in Verbindung gebracht. Dieser hätte dann den Kontakt mit 3M, dem Hersteller der N95-Masken herstellen sollen. King habe ausserdem versprochen, die Finanzierung zu arrangieren, damit FGE den Deal ohne Eigenkapital erledigen könne.

Wie viel King als Maklergebühr verlangte, war noch nicht besprochen worden. Ein Angebot eines anderen Maklers, welches FGE vorlag, verlangte eine Gebühr von 5 Cent pro Maske – total rechnet sich das auf etwa 300'000 Dollar.

«Wenn Sie ein armes Kind aus Alabama sind», sagte Stewart, «tun Sie, was Sie tun müssen, um die Arbeit zu erledigen.»

Doch die Geschichte, die Stuart dem Journalisten auftischte, hatte diverse Löcher. Er behauptete etwa, er habe mit einer Arbeiterin aus der Corona-Task-Force Kontakt gehabt. Als McSwane diese aber ausfindig machen wollte, kannte den Namen bei der Task-Force niemand und es gab auch keine Unterlagen zu einer solchen Person.

«Die zarte Natur des Geschäfts – ein Makler, den Stewart nicht kannte und der von einem Verkäufer kaufte, den er nicht kannte und der von jemandem finanziert wurde, den er nicht kannte – schien ein tiefgreifendes und teures Vertrauensspiel zu sein. Nach wie vor war Stewart davon überzeugt, ein gutes Geschäft zu machen.»

Stewart wollte handeln, nachdem er in einem Bericht gesehen habe, wie eine Krankenschwester aus einer Plastikfolie ihre eigene Gesichtsmaske herstellte. Als ehemaliger Luftwaffenoffizier fühle er sich gezwungen, zu helfen.

«Das Ziel ist es hier nicht, reich zu werden», sagte er. FGE hätte das Glück, etwa 10 Cent pro Maske einstecken zu können. Das mache insgesamt etwa 600'000 Dollar aus.

«Trotzdem flogen wir in einem verschwenderisch teuren Jet herum, während kommerzielle Flüge zu etwa einem Hundertstel der Kosten verfügbar waren.»

Stewart gab 22'000 Dollar für das Privatflugzeug aus, um zu beweisen, dass er ein seriöser Regierungsunternehmer sei. «Es kommt auf mich und meine Glaubwürdigkeit an», sagte er.

«Stewart zog eine verblasste Bibel aus seiner Tasche und sprach über Wunder. Seine Chance, sich in diesem Geschäft zu beweisen, sei ein kleines Wunder. ‹Vergabe eines Auftrags über 34,5 Millionen Dollar an ein kleines Unternehmen ohne Erfahrung in diesem Business›, überlegte er. ‹Warum würde das irgendjemand tun?›»

Mangel an Masken treibt Regierung zu fragwürdigen Deals

Das ist eine gute Frage. Seit Wochen fehlten dem Department of Veteran Affairs die Masken. Das Department versicherte aber stets, es gäbe keine Lieferschwierigkeiten. Trotzdem waren Ärzte und Krankenschwestern gemäss Buzzfeed angewiesen worden, nur eine Maske pro Schicht zu verwenden.

, sagt Ken Curley. Der Listenpreis für die N95-Masken, welche die Coronaviren aus der Luft filtern, beträgt 1,27 Dollar. Nach Versand- und Gemeinkosten sollte der Endpreis realistischerweise bei etwa 2 Dollar pro Maske liegen. Dies ist die Einschätzung des Unternehmers Ken Curley, welcher mit lokalen Regierungen zusammenarbeitet und versucht, Masken ausserhalb des aufstrebenden Schwarzmarktes zu beschaffen. Er bezeichnet den FGE-Deal als klaren Fall von Preisverfälschung. «Jeder, der den Listenpreis so massiv übersteigt, zockt ab. Und sie wissen das», sagt Curley.

Gemäss Curley ist es wichtig, nur einen einzigen Vermittler zwischen Händler und Regierungsbehörde zu haben. Sergio Fernández de Córdova, Vorsitzender einer gemeinnützigen Medienorganisation in New York, arbeitet mit Curley zusammen. Da die Regierungsbehörden verzweifelt versuchen, an Masken zu kommen, geben sie grosse Aufträge an unbekannte Unternehmen. Beim Deal mit FGE hätte die Regierung den hohen Preis selbst festgelegt. «Sie genehmigen es», sagte Córdova. «Deshalb sehen die Leute kein Problem darin.»

3M hat in mindestens fünf Bundesstaaten Klage gegen Personen eingereicht, die ihre Atemschutzmasken mit obszönen Aufschlägen verkaufen. Das Justizministerium war auch hinter zwei mutmasslichen Betrügern her, die verhaftet wurden, weil sie chinesische Versionen der N95-Masken verkauft hatten, die sie eigentlich gar nicht besassen.

«Stewart hatte über diese Fälle gelesen und auch von der Einschätzung Curleys gehört, was ihn eindeutig beunruhigte. ‹Ich versuche nur, meiner Verpflichtung nachzukommen und nicht ins Gefängnis zu gehen›, sagte er.»

Wie im Zirkus

McSwane und Stewart machten einen Zwischenstopp in Columbus, um etliche Familienmitglieder, Freunde und Mitarbeiter aufzugabeln. Diese erwarteten Stewart bereits, um ihm zu gratulieren und Bilder zu schiessen. Stewart hatte ihnen N95-Masken versprochen. Doch es gab keine.

«Trotz des Experts im Firmennamen schien an dieser Operation nichts Experte zu sein. Stewart sagte, sein Anwalt habe den Flug verpasst, weil er verschlafen habe. Stewart baute seine Firma, genau wie den Deal, während des Fluges auf.»

«Als wir in der Luft waren, sagte Stewart, er habe in Atlanta einen neuen Maskenlieferant gefunden, der schnell nach Chicago liefern könnte. Er sagte, sobald wir gelandet sind, würde er seine Leute im Hilton Resort ausserhalb von Chicago absetzen und dann würden er und ich mit einem Taxi zu einem staatlichen Distributionszentrum fahren und auf die Maskenlieferung warten, ‹auch wenn wir bis 3 Uhr Morgens warten müssen.›»

«Aber wir haben nie die Grenzen des riesigen und leeren Hilton verlassen. Stewart war in Kontakt mit King, welcher ihm nicht die nötigen Dokumente zusandte, damit er die neue Vereinbarung mit Veterans Affair unterzeichnen konnte. Kurz vor 14:00 Uhr hatte King das Beweisvideo gesendet. Das Handy-Video zeigte Hunderte von Boxen mit der Aufschrift 2M, aber es war unklar, was sich in den Boxen befand oder wo sie sich befanden.»

Dann ging das ganze Spiel weiter.

«Mehrere Freunde und Mitarbeiter trafen sich mit Stewart. Darunter Roosevelt Trey Daniels von Frontline Recovery, einer Firma für Notfälle. Daniels hat FGE mit King in Verbindung gebracht. Stewart und Daniels tätigten unzählige Telefonate – zu King, zu Speditionen, zu Frachtflugzeugbesitzern. ‹Hey Frank›, sagte Daniels. ‹Kennst du ein gutes Frachtunternehmen?› Und das führte zum nächsten Anruf und zum nächsten.»

Als ihnen dann klar wurde, dass sie die Frist nicht mehr einhalten könnten, wollte Stewart von der US-Regierung eine Verlängerung der Lieferfrist.

«Stewart entwarf einen formellen Verlängerungsantrag unter Berufung auf Bestimmungen des Bundesvertragsrechts. Im Laufe des Abends verwandelte sich die zunächst hektische Entschlossenheit, ein Wunder zu vollbringen, in Niedergeschlagenheit und dann in Beschuldigungen. King, die Bürokratie und er selbst seien Schuld. ‹Ich habe alles getan, was ich tun konnte›, sagte Stewart. ‹Ich habe jeden Gefallen eingelöst, den ich hatte.›»

Schlussendlich war der grosse Verlierer Stewart

Nach diesem Desaster flogen McSwane und Stewart wieder zurück nach Georgia. In der vergangenen Nacht habe Stewart die Verbindung zu King abgebrochen. Es gab nie eine Kontaktfrau zur Corona-Task-Force, und er glaube, es gab auch nie Masken. Nicht in Los Angeles und auch nicht in Georgia.

Auf Anfrage von ProPublica reagierte ein Sprecher von King mit der Aussage, «es waren nie Vereinbarungen getroffen worden, es gab keine Verträge und es ist kein Geld geflossen».

Stewart versuchte bis zum Ende, die US-Regierung davon zu überzeugen, dass er Masken besorgen kann. Aber diese hatte drei Tage später den Vertrag gekündigt. McSwane fragte einen Departements-Sprecher, warum all dies, die Verträge mit FGE und die ganzen Vermittler, überhaupt nötig seien. Könne die Regierung die Masken nicht einfach selbst einkaufen?

Die 3M ist ein wichtiger Hersteller der N95 Masken. (Bild: EPA)

Die 3M ist ein wichtiger Hersteller der N95 Masken. (Bild: EPA)

Die Bundesregierung warte auf ein Urteil der FEMA (Federal Emergency Management Agency), sagte die Sprechein Christina Noel. In den nächsten Monaten werden von 3M mehr als 166 Millionen Atemschutzgeräte hergestellt, von denen einige der US-Regierung zur Verfügung gestellt werden. In der Zwischenzeit stelle man Auftragnehmer ein, um nach zusätzlichen Masken zu suchen. «Um den Rest des Bedarfs an Atemschutzmasken zu decken, führt Veterans Affair zusätzliche Akquisitionsaktivitäten mit anderen Anbietern durch», sagte Noel.

Am Ende hatte das Department keine einzige zusätzliche N95-Maske aus seinem Vertrag mit Stewart. Doch es wurde auch kein Geld bezahlt, sagte Noel.

«Ich wollte das Beste für mein Land tun», sagte Stewart. «Das ist mir letztendlich nicht gelungen.»

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