Es war schon Feierabend, die Büros am Sitz der Grünen Partei Frankreichs leerten sich. Da wurde die Angestellte des Abgeordneten Denis Baupin gebeten, noch schnell in sein Büro zu kommen; er habe ein Faxdokument für sie. Sie betrat das Büro. «Da sprang er mich wie ein Krake an», erzählte die Frau gestern Montag dem Radiosender France-Inter. «Er versuchte mit allen Mitteln, mich zu küssen. Ich musste kämpfen. Und natürlich gab es keinen Fax.»

Erschreckt, mit wirren Haaren sei sie aus dem Büro geflüchtet, erzählte die Frau, die aus Rücksicht auf ihre Privatleben anonym bleiben will. Anders die ehemalige Parteimanagerin Geneviève Zdrojewski: Sie erklärte gestern, Baupin habe sie in den Toiletten gegen eine Wand gedrückt, ihre Brüste gepackt und sie zu küssen versucht. Auch sie rettete sich, sprach aber vorerst mit niemandem darüber: «Das ist zu erniedrigend.»

«Fängt er schon wieder an»

Doch nun brechen immer mehr Frauen in Paris das Schweigen. Der grüne Spitzenpolitiker Denis Baupin war für sein aufdringliches Benehmen offenbar seit langem intern bekannt gewesen. Eine andere Frau berichtete, sie habe, als sie einem Parteikader davon erzählte, nur die seufzende Antwort erhalten: «Ach, fängt er schon wieder an!»

Dass alles aufflog, hat sich Baupin selber zuzuschreiben. Er machte in einer Kampagne gegen sexuelle Belästigung mit und liess sich dafür – neben anderen Männern – mit rot geschminkten Lippen abbilden. Elen Debost, grüne Vizebürgermeisterin der Stadt Le Mans, konnte da nicht länger schweigen. Auf France-Inter erzählte sie, sie habe von Baupin zahllose SMS eindeutigen Inhalts erhalten, etwa nach dem Motto: «Ich bin im Zug und möchte dich von hinten nehmen, während du in Stiefeln bist.»

Es ist das erste Mal, dass sich Französinnen als Opfer sexueller Belästigung selber outen – und auch die Täter benennen. Baupin bestreitet, dass er sich verbotener Handlungen strafbar gemacht habe. Bleibt der Umstand, dass mittlerweile mehr als zehn Frauen unabhängig voneinander ähnliche Szenen oder SMS-Texte geschildert haben. Deshalb ist Baupin auch bereits von seinem Amt als Vizepräsident der Nationalversammlung zurückgetreten.

Sein Fall hat eine ganze Lawine von Reaktionen ausgelöst. Doch die Debatte ist keineswegs neu. Nach der Sexaffäre des ehemaligen Währungsfondsdirektors Dominique Strauss-Kahn erklärten zum Beispiel französische Journalistinnen in einem Appell in der linken Zeitung «Libération», sie seien «kein Freiwild» und hätten genug von schlüpfrigen Angeboten gegen Informationsversprechen. Namen nannten sie damals jedoch nicht. Es gehe schliesslich um die Sache, nicht um Einzelfälle.

Jetzt schwindet diese Zurückhaltung. In dem Buch «Elysée Off» erzählen zwei Autoren, wie Finanzminister Michel Sapin am Weltwirtschaftsforum in Davos zu einer mitgereisten Journalistin, die gerade ihren Kugelschreiber vom Boden aufgelesen hatte, scherzhaft gesagt habe: «Oh, was zeigen Sie mir denn da?» Darauf habe er das Gummiband ihres Slips angehoben und schnalzen lassen.

17 Frauen erklären: «Es reicht»

Sapin, ein Schwergewicht der französischen Regierung, bestreitet jede sexistische Handlung, entschuldigt sich aber dafür, den freiliegenden Rücken der Frau berührt zu haben. Dieses «Stringgate», wie sich die Pariser Presse ausdrückt, und die Baupin-Affäre haben nun 17 ehemalige Ministerinnen bewogen, sich in einem Manifest kollektiv zu äussern.

«Wie alle Frauen, die in ein früher ausschliesslich männliches Milieu gelangt sind, haben wir Sexismus ertragen und dagegen kämpfen müssen», erklären zum Beispiel die Sozialistin Elisabeth Guigou, die Konservative Nathalie Kosciusko-Morizet, die Grüne Cécile Duflot oder die derzeitige Währungsfondschefin Christine Lagarde. «Wir werden nicht länger schweigen.»