Carles Puigdemont konnte ihr gerade noch entkommen. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion flüchtete der abgesetzte Präsident Kataloniens nach Brüssel. Was sie mit ihm gemacht hätte, konnte er am Donnerstag beobachten. Sie liess acht seiner Minister verhaften. Auch der katalanische Vizepräsident Oriol Junqueras sitzt nun in Untersuchungshaft.

Bereits vor drei Wochen unterzeichnete sie den Haftbefehl für die beiden Anführer der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung: Jordi Cuixart und Jordi Sànchez. In Katalonien demonstrieren Hunderttausende für die Freiheit der «politischen Gefangenen».

Carmen Lamela, Strafrichterin der Audiencia Nacional, treibt Bildredaktoren in den Wahnsinn. Sie bestimmt zurzeit die Schlagzeilen in Spanien, hochaufgelöste Bilder von ihr gibt es aber kaum. Im Gerichtssaal ist fotografieren verboten. Den öffentlichen Auftritt meidet sie. Der Katalonienkonflikt macht sie nun trotzdem weltberühmt.

Wie politisch ist die Richterin?

Wie tickt Carmen Lamela? Die katalanischen Nationalisten machen es sich einfach. Sie sehen in ihr den verlängerten Arm des Ministerpräsidenten Mariano Rajoy. Was er mit dem Vorschlaghammer nicht hinkriegt, erledige sie mit dem Holzhämmerchen. Sucht man in ihrer Biografie nach Politik, führt die Spur jedoch weg von der konservativen Regierungspartei Partido Popular und hin zur sozialdemokratischen PSOE.

Als deren Genosse José Luis Rodríguez Zapatero noch die Geschicke des Landes lenkte, arbeitete Lamela als Beraterin im Justizministerium. Personen aus ihrem Umfeld beschrieben sie gegenüber einer spanischen Zeitung als progressiv. Sie selbst sagt, es habe sich um einen technischen Posten ohne politische Implikationen gehandelt.

Mit dem Regierungswechsel Ende 2011 war auch Lamelas Zeit als Beraterin zu Ende. Sie arbeitete wieder als Richterin wie schon Ende der 80er-Jahre. Aus dieser Zeit kennt sie die abtrünnige Region Katalonien gut. Sie war Provinzrichterin in Barcelona und zuvor Bezirksrichterin in Badalona, einer Vorstadt der Katalanenmetropole.

Die 56-Jährige wird in einer Fachzeitschrift als unermüdlich und arbeitsam beschrieben. Das juristische Handwerk hat sie in Madrid gelernt. Sie schloss 1984 an der Universität Pontificia de Comillas mit Bestnoten ab. In die Hauptstadt kehrte sie nach dem Abstecher nach Katalonien zurück und amtete auch dort als Provinzrichterin. Zur Audiencia Nacional kam sie im Jahr 2014.

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Das Gericht ist am ehesten mit dem schweizerischen Bundesstrafgericht zu vergleichen. Es befasst sich mit besonderen Straftaten, welche durch nationale Gesetze verboten sind. Dazu gehören auch die Delikte, die nun den katalanischen Ministern vorgeworfen werden: Rebellion und Auflehnung gegen die Staatsgewalt.

Der abgesetzte katalanische Präsident Carles Puigdemont wäre nicht der erste Prominente, den Lamela hinter Gitter brächte. Erst im Mai dieses Jahres ordnete sie für Sandro Rosell, den ehemaligen Präsidenten des Fussballclubs Barcelona, Untersuchungshaft an. Ihm wird vorgeworfen, Schwarzgeld in der Höhe von 15 Millionen Euro gewaschen zu haben. Es geht um mutmassliche Schmiergeldzahlungen. Rosell wartet in Soto del Real im gleichen Gefängnis wie die beiden Jordis und der katalanische Vizepräsident Junqueras auf seinen Prozess.

Medaillen von der Guardia Civil

Bei spanischen Polizisten ist Richterin Lamela beliebt. Im September dieses Jahres erhielt sie eine Medaille für polizeiliche Verdienste vom Innenministerium. Sie trägt zudem das silberne Verdienstkreuz der Guardia Civil. Diese Polizeieinheit des Militärs wird an Demonstrationen der katalanischen Separatisten gerne als Besatzungsmacht beschimpft. Dass sich die Richterin von diesen Polizisten auszeichnen liess, erhöht ihre Glaubwürdigkeit in der Region auch nicht gerade.

Lamelas Aufgabe ist heikel. Sie muss im bisher wichtigsten politischen Prozess der noch jungen spanischen Demokratie Recht sprechen. Im Grunde gilt die Gewaltenteilung und sie muss nur Verfassung und Gesetze durchsetzen. Doch ihre Richtersprüche haben politische Konsequenzen. Ihre Entscheidung, gewählte Vertreter einer Regionalregierung in Untersuchungshaft zu setzen, stösst international auf Kritik. Sie sei ein Fehler und sollte von allen Demokraten verurteilt werden, twitterte etwa Nicola Sturgeon, die Premierministerin Schottlands, am Donnerstag.

Dabei kann niemand in Zweifel ziehen, dass die Verhafteten sich über Entscheide von spanischen Gerichten hinweggesetzt hatten, als sie Katalonien für unabhängig erklärten. Und dass keine Fluchgefahr bestehe, kann nach der wundersamen Reise des Carles Puigdemont nach Brüssel auch niemand mehr behaupten.

Dass es einer Reform der spanischen Verfassung aus dem Jahre 1978 bedarf, sehen mittlerweile auch Teile der konservativen Regierungspartei Partido Popular ein. Doch noch gilt die alte. Und diese setzt Carmen Lamela um, wie sie von Juristenkollegen in der Fachzeitschrift beschrieben wurde: arbeitsam, gewissenhaft und mit der Strenge einer Buchhalterin.