Natürlich ist sich Nancy Pelosi klar darüber, dass sie eine der unbeliebtesten Politikerinnen Amerikas ist – mit Zustimmungswerten, die selten die 30-Prozent-Grenze überschreiten, wie nationale Meinungsumfragen zeigen. Der Abgeordneten aus San Francisco (Kalifornien), die seit 2003 an der Spitze der demokratischen Fraktion im Repräsentantenhaus steht und höchstwahrscheinlich ab dem 3. Januar 2019 wieder als Präsidentin («Madam Speaker») der grossen Kammer amtieren wird, ist dies aber herzlich egal. Denn sie weiss: Das Zerrbild, das ihre Gegner von der 1940 geborenen Politikerin zeichnen, hat mit der Realität wenig gemein.

Sie ist keine Revolutionärin, die Amerika in eine linke Diktatur à la Venezuela verwandeln will, wie dies Präsident Donald Trump vor der Parlamentswahl behauptet hatte. Nancy Pelosi ist vielmehr eine Politikerin der alten Schule, die weiss, wie man Allianzen schmiedet, Geld sammelt, Stimmen zählt und Gesetzesentwürfe verabschiedet.

«Little Nancy», die Patriotin

Ihr Handwerk lernte Pelosi in einem kleinen Eckhaus im Stadtviertel «Little Italy» in Baltimore (Maryland). Dort herrschte ihr Vater, Thomas D’Alesandro, über eine Familie mit sechs Kindern, während er zuerst als Lokalparlamentarier, dann als Abgeordneter im nationalen Repräsentantenhaus (1939 bis 1947) und schliesslich zwölf Jahre lang als Stadtpräsident der (damals noch florierenden) Industriemetropole amtierte. «Old Tommy» wurde er genannt, und «Little Nancy» war oft an seiner Seite vorzufinden, wenn D’Alesandro Hof hielt, Jobs verteilte und Strategiedebatten hielt.

«Wir waren tiefgläubige Katholiken, sehr patriotisch, ausserordentlich stolz auf unsere italienischen Wurzeln und loyale Demokraten», pflegt Pelosi über ihre Familie zu sagen. Und bereits als Kleinkind habe sie gelernt, dass der grosse Unterschied zwischen den beiden Grossparteien die Frage der «ökonomischen Fairness» sei. Will heissen: Die Republikaner kümmerten sich nicht um die wirtschaftlichen Sorgen der kleinen Leute.

Nun gibt es Politiker, die sagen: Pelosi habe diese Lektion schon lange vergessen. Heute sei die 78-Jährige eine «Limousine liberal», eine Politikerin, die linke Werte predige, aber gleichzeitig dem Kapitalismus fröne und mit dem Privatjet durchs Land fliege. Ihr Gatte Paul Pelosi, mit dem sie seit 1963 verheiratet ist, hat als Immobilienspekulant Millionen Dollar verdient.

Auch sagen ihre Kritiker, Pelosi vertrete schon lange nicht mehr die Werte, die einst im D’Alesandro-Haushalt hochgehalten wurden. Sie verweisen auf die Umwälzung im Gesundheitswesen (Obamacare), die während ihrer ersten Amtszeit als «Madam Speaker» von 2007 bis 2011 durch das Parlament genehmigt wurde. Oder auf die Finanzmarktreform, die dem Bankensektor Fesseln angelegt und letztlich dem «kleinen Mann» geschadet habe.

Fundament für Obama gelegt

Pelosi allerdings zeigt sich unbeeindruckt von dieser Kritik. Sie verweist darauf, dass sie sich ideologisch nicht verbiegen lasse, aber problemlos mit Republikanern zusammenarbeiten könne. Dies habe sie 2007 bis 2009 unter Beweis gestellt, als sie während der letzten zwei Jahre von Präsident George W. Bush das Repräsentantenhaus präsidierte. Politbeobachter sagen, Pelosi habe damals das Fundament dafür gelegt, dass ihr Parteikollege Barack Obama 2008 zum Präsidenten gewählt wurde. Ironie des Schicksals: Weil Obama 2010 höchst unbeliebt war, verloren die Demokraten bei der nationalen Parlamentswahl ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus.

Einen ähnlichen Kurs wird Pelosi auch im kommenden Jahr steuern. Zum einen wird sie darauf bestehen, dass das Repräsentantenhaus im amerikanischen Politsystem kein verlängerter Arm der Exekutive ist – sondern eine unabhängige Parlamentskammer, die explizit den Auftrag besitze, der Regierung von Präsident Trump auf die Finger zu schauen. Zum andern will sie Rücksicht auf diejenigen Fraktionsmitglieder nehmen, die aus konservativen Landesteilen stammen und in zwei Jahren wiedergewählt werden wollen.

Pelosi ist überzeugt, dass sie diesen Balanceakt meistern kann. Und die Republikaner haben sich damit abgefunden, dass sie Pelosi nicht so schnell loswerden.