Über mehrere Tage hinweg erstreckten sich die Trauerfeierlichkeiten für John McCain, den amerikanischen Senator, republikanischen Präsidentschaftskandidaten und Kriegsveteranen, der im Alter von 81 Jahren gestorben ist. Die Würdigungen von Barack Obama, George W. Bush und Joe Biden sind Klick-Hits auf Youtube. Ihren Reden ist gemeinsam, dass sie eine Zeit beschwören, in der die US-Welt noch in Ordnung war, in der Republikaner mit Demokraten Kompromisse schmiedeten und in der Respekt und Anstand noch etwas galten. McCain, so die Redner, sei für diese Art von Politik gestanden. Obama beklagte, heute seien nicht mehr Brückenbauer, sondern Angstmacher gefragt.

McCain zog mit Tea-Party-Frau in die Präsidentschaftswahlen

Ist mit John McCain nicht nur ein Mensch, sondern auch ein Polit-Stil gestorben? Kein Redner nannte Donald Trump namentlich. Aber der Fall war klar. Das Magazin «New Yorker» schrieb, die McCain-Abdankung sei der bislang stärkste Akt des Widerstands gegen den US-Präsidenten gewesen, seit dieser Anfang 2016 sein Amt angetreten hat. Die Verklärung McCains und einer ganzen Ära hat mehr mit alternativen Fakten als mit der Realität zu tun.

Wer hat im Jahr 2008 schon wieder an der Seite des Musterpolitikers McCain für das Amt des Vizepräsidenten kandidiert? Sarah Palin von der Rechtsaussen-Gruppierung Tea-Party, die inhaltlich und stilistisch nicht weit von Trump entfernt ist (Palin war nicht an die Abdankung eingeladen worden – sonst wären die Heucheleien noch offensichtlicher gewesen). Und wie war das schon wieder mit Abdankungsredner George W. Bush, dem Präsidenten von 2001 bis 2009, der jetzt von den Trump-Gegnern zum «vernünftigen Republikaner» umgedeutet wird? Er mag als Persönlichkeit sympathischer als Trump gewesen sein, politisch aber polarisierte er ebenfalls enorm. Im Ausland – insbesondere im Nahen Osten und in Europa – war er ähnlich verhasst wie der amtierende US-Präsident.

Trump ist für alle, die ihn nicht gewählt haben, schuld an allem. Doch der 72-Jährige ist eher Ausdruck als Ursache der Polarisierung Amerikas. Diese begann vor viel längerer Zeit. Schon 1968, als es in mehreren US-Städten zu schweren Unruhen kam, sprach man davon; in jenem Jahr wurden Präsidentschaftskandidat Robert Kennedy und Bürgerrechtler Martin Luther King ermordet. Eine Kommission kam vor 50 Jahren zum Schluss: «Amerika entwickelt sich hin zu einem Land zweier Gesellschaften.»

Die Polarisierung ist auch kein amerikanisches Phänomen. Wir kennen es selbst in der harmoniebedürftigen Schweiz: Spätestens seit der Armeeabschaffungsinitiative (1989) und der EWR-Abstimmung (1992) und dem damit verbundenen Aufstieg der SVP ist der Polit-Stil auch hierzulande härter und aggressiver geworden.

Auch die Demokraten werden radikaler

Der meistzitierte und -bejubelte Satz an McCains Abdankung stammte von seiner Tochter Meghan und bezog sich auf Trumps Wahlkampfslogan «Make America Great Again». Sie meinte: «Wir müssen unser Land nicht wieder grossartig machen, denn das Amerika von John McCain war immer grossartig.» Eine trauernde Tochter darf das natürlich sagen, und sie ist ja auch keine Politikerin. Doch ihre Aussage verkennt, dass sehr viele Amerikaner nicht der Meinung sind, dass in ihrem Land alles grossartig war und ist. Trump ist auch hier Ausdruck, nicht Ursache des Befunds.

Die aktuellen Vorwahlen in den Bundesstaaten zeigen das Ausmass der Unzufriedenheit mit dem Amerika von John McCain und anderer Establishment-Politiker sehr deutlich. Aktuellstes Beispiel ist Florida, wo die Demokraten keinen gemässigten, sondern einen weit links politisierenden Kandidaten für das Amt des Gouverneurs portieren, der an den Sozialisten Bernie Sanders erinnert. Auch bei den Republikanern floppte der gemässigte Kandidat, stattdessen wurde der vermeintliche Aussenseiter, den Trump per Tweet empfahl, von der Basis zum Gouvernerskandidaten gekürt. In Florida wird es im November gewissermassen zu einem Sanders-gegen-Trump-Showdown kommen.

Dieser zunehmenden Polarisierung zur Linken und zur Rechten wird allein mit Sehnsuchtsbekundungen an eine verklärte Ära nicht beizukommen sein.

patrik.mueller@azmedien.ch