Polen

Die Schweizer Hilfe ist in Polen unvergessen

Skandale und Naturkatastrophen dominierten lange das Bild der Schweiz, das der polnische Durchschnittsleser vorgesetzt bekam. Doch die Frankenkredite haben alles geändert. Doch der gute Ruf wird von Differenzen durchzogen.

In den Jahren 2004 bis 2009 wurden rund 70 Prozent der Hypothekarkredite in Polen in Fremdwährungen aufgenommen, der Grossteil davon in Schweizer Franken. Wegen Kursschwankungen gerieten in der Folge viele Schuldner in die Bredouille, zumal der Schweizer Franken gegenüber dem polnischen Zloty zulegte. Inzwischen droht Tausenden der Entzug ihrer Immobilien.

Mit der Schweiz hat das zwar wenig zu tun, aber das Thema wird in Polen dennoch bei jedem Bundesratsbesuch von Neuem aufgeworfen. Es hat zudem vor allem das Interesse an der Schweiz geweckt – bis hin zu den Turbulenzen um die Besetzung des Nationalbankpräsidiums.

Mehr bilateraler Sprengstoff versteckt sich indes in der Einführung der Ventilklausel durch den Bundesrat im April. Knapp über 3000 Polen und Polinnen arbeiten in der Schweiz. Wenige im Vergleich zu den über 2 Millionen polnischen Gastarbeitern in der restlichen EU, doch Polen fühlte sich dennoch ungerecht behandelt.

Aussenminister Radoslaw Sikorski hatte damals die Ventilklausel als «diskriminierend und illegal» bezeichnet und den Polen geraten, nun keine Ferien mehr in der Schweiz zu machen. Bundesrat Ueli Maurer versuchte anlässlich seines kurzen Fussball-EM-Besuches in Warschau, die Wogen etwas zu glätten. Die Ventilklausel sei in der Schweiz aus innenpolitischen Gründen eingeführt worden, sagte er auf eine Nachfrage der Presse. «Dies ist keineswegs gegen Polen gerichtet», wandte er sich an die polnischen Medienvertreter. Die Schweiz weise eine ausländische Wohnbevölkerung von 23 Prozent auf, was unter den Schweizern ein «Unbehagen» hervorrufe, warb Maurer um Verständnis. Dies alles habe aber keinen Einfluss auf die gute Zusammenarbeit zwischen beiden Staaten.

Grosser Vertrauensvorschuss

Ein ungutes Gefühl bleibt dennoch. Im Falle von Deutschland, dessen Armee Polen 1939 überfallen und danach Millionen von Menschen umgebracht hatte, würde so etwas wie die Ventilklausel den Ruf des Landes nachhaltig schädigen. Der polnische Vertrauensvorschuss gegenüber der Schweiz ist jedoch gross. «Das historische Gedächtnis in Polen ist lang: Die Schweiz hat Polen weder angegriffen noch im Stich gelassen», sagt Maria Graczyk, Chefredaktorin der polnischen EU-Politik-Website euractiv.pl.

Der gute Ruf der Schweiz leitet sich vor allem aus der Freiheitstradition ab, für die die jahrhundertelang zwischen den Grossmächten aufgeteilten Polen besonders empfänglich sind. Auch die mannigfaltige, tatsächlich geleistete Schweizer Hilfe ist in Polen noch nicht vergessen. Vor allem galt die Schweiz Generationen von polnischen politischen Flüchtlingen als Asylland.

Jedes Schulkind in Polen weiss, dass der polnische Freiheitsheld des Aufstandes von 1794, Tadeusz Kosciuszko, im Jahre 1817 in Solothurn starb. Sein Grab ist auch heute noch eine Pilgerstätte für polnische Touristen in der Schweiz, genauso wie das Schloss Rapperswil, wo 1869 – bezeichnenderweise im Exil – auch mit Schweizer Spenden das erste polnische Nationalmuseum entstand.

Der erste Präsident des nach dem Ersten Weltkrieg wiedererstanden Polen, Gabriel Narutowicz, war zuvor nicht nur Professor an der ETH Zürich, er besass auch einen Schweizer Pass. Im Zweiten Weltkrieg überquerten schliesslich im Sommer 1940 12000 polnische Soldaten, die auf der Seite Frankreichs gegen Hitler gekämpft hatten, die Schweizer Grenze im Jura. Für die gemäss der Genfer Konvention internierten Soldaten wurden in der Folge neben obligatorischen Arbeitseinsätzen auch Hochschulkurse und andere Weiterbildungen organisiert. Auch nach der Ausrufung des Kriegsrechts durch General Wojciech Jaruzelski im Dezember 1981 blieben ein paar Solidarnosc-Gewerkschafter in der Schweiz. Das alles ist in Polen immer noch lebendig – und kann zum Glück durch die Ventilklausel nicht zunichtegemacht werden.

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