Frankreich

Die schrecklich nette Familie Le Pen

Marine und Jean-Marie Le Pen: «Ich will nicht, dass sie bei den Präsidentschaftswahlen gewinnt», sagt der Vater über die Tochter. Robert Pratta / Reuters

Marine und Jean-Marie Le Pen: «Ich will nicht, dass sie bei den Präsidentschaftswahlen gewinnt», sagt der Vater über die Tochter. Robert Pratta / Reuters

Mit der Entmachtung des Front-National-Gründers Jean-Marie Le Pen ist die Familienfehde offen ausgebrochen.

Das schmerzt. Vor allem, wenn man an die guten alten Zeiten zurückdenkt: Damals, in der Familienvilla in Saint-Cloud, einem Anwesen ausserhalb von Paris, das jedem Mafiapaten gut anstehen würde, bezeichnete klein Marine ihren Vater noch voll Bewunderung und Liebe als den «Mann meines Lebens». Jetzt herrscht zwischen den beiden nur noch Hass.

Die Tochter will ihren Erzeuger um sein Lebenswerk bringen: Auf Betreiben von Marine Le Pen hat das Politbüro des rechtsradikalen Front National (FN) mit 40 gegen 4 Stimmen beschlossen, dass Jean-Marie Le Pen als Ehrenpräsident «suspendiert» wird. In etwa drei Monaten soll ein ausserordentlicher Kongress den Parteigründer seines Amtes entheben. Ab sofort darf er nicht mehr im Namen der Partei sprechen.

Also spricht er im eigenen Namen. Er werde sich natürlich nicht aus der Politik zurückziehen, erklärte Le Pen, als er den FN-Sitz in der schwarzen Limousine, aber als Verlierer verliess. «Dafür müsste man mich schon umbringen», lachte er. «Aber empfiehlt nicht Freud, seinen Vater umzubringen?»

Vater- oder eher Tochtermord?

Es war, wie immer bei dem 86-Jährigen, ein höhnisches Lachen. Den Anstoss zum Vatermord hatte er selber gegeben, als er die Salonfähigkeits-Strategie seiner Tochter mit einem bösen Gaskammerspruch hintertrieb. Obwohl er ihr die Parteigeschicke 2011 noch selber abgetreten hatte. Ist das jetzt nicht eher Tochtermord? In der Dynastie der französischen Rechten schliesst das eine das andere nicht aus. «Ich schäme mich, dass sie meinen Namen trägt», sagte Le Pen gestern Dienstag am Radio zu seiner jüngsten Tochter. «Ich wünsche, dass sie meinen Namen so schnell wie möglich verliert. Sie kann ja ihren Partner heiraten. Ich will nicht, dass sich die Präsidentin des Front National noch Le Pen nennt.»

Ja, solche Worte müssen schmerzen. Jean-Marie und Marine wirken beide angegriffen, abgekämpft. Kein Wunder. Am 1. Mai, als der FN wie jedes Jahr die französische Volksheldin Jeanne d’Arc zelebrierte, hatte die Tochter ihrem Vater bereits Redeverbot erteilt. Bevor sie aber selbst das Wort ergreifen konnte, trat der greise Dynastiechef in einem knallroten Parka wie der Leibhaftige auf die Redebühne und liess sich von Tausenden von Parteianhängern feiern, obwohl er sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte. Marine Le Pen musste tatenlos zusehen, wie ihr Vater ihr die Schau stahl und sie lächerlich machte.

Schläge und Gegenschläge, Winkelzüge und Racheakte gehören zu den Le Pens wie ihr Ausländerhass. Am liebsten hassen sie sich selber. Marines Mutter, Pierrette Le Pen, liess sich 1987 im Streit von Jean-Marie Le Pen scheiden. Um ihrem Ex-Gatten eins auszuwischen, posierte sie im Zimmermädchen-Look halbnackt im «Playboy». Marine, die in ihrem Vater damals noch den Mann ihres Lebens sah, beschimpfte ihre Maman darauf als «Müllhalde»; diese gab später zurück, Marine sei doch nur ein «Klon» ihres Vaters.

Pierrette Le Pen im «Playboy». ho

Pierrette Le Pen im «Playboy». ho

Die Nichte zeigte ihre Krallen

Marine und ihre ältere Schwester Yann, die im FN für die Organisation von Grossanlässen zuständig ist, geraten sich auch ständig und immer mehr in die Haare. Denn Yanns 24-jährige Tochter Marion Maréchal Le Pen tritt als Vertreterin der dritten Generation zunehmend in Erscheinung. Parteiintern ist sie sehr populär. Marine Le Pen ist gewarnt: Das «Küken» Marion zeigt bereits die Krallen und verficht einen ganz anderen, wirtschaftspolitisch liberaleren Kurs als ihre Tante, die sich sozial-protektionistisch gibt.

Seinen ältesten Spross, Marie-Caroline, hatte Le Pen schon 1997 verstossen. «Du bist nicht mehr meine Tochter», erklärte er ihr mit der gleichen Brutalität wie nun Marine. Später fügte er an: «In meinen Memoiren werde ich nicht von Marie-Caroline sprechen.» Deren Verbrechen war es gewesen, zum Parteiabweichler Bruno Mégret zu halten, der ähnliche Positionen vertrat wie heute Marine Le Pen.

Natürlich geht es um mehr als eine Familienfehde. Damit verbunden sind immer Fragen des politischen Kurses, der politischen Macht. Le Pen senior sah sich stets ausserhalb des «sozialkommunistischen» Systems, das er bekämpfte und mit seinen bewusst platzierten rassistischen Sprüchen provozierte. Sein bestes Resultat erzielte er bei den Präsidentschaftswahlen von 2002 mit 17,8 Prozent der Stimmen.

Marine Le Pen hat diese Stimmenzahl bei den letzten Europa- und Lokalwahlen nahezu verdoppelt, indem sie die Partei konsequent «entteufelte». Sie verurteilt die antisemitischen Sprüche ihres Vaters und schiesst sich wie die neue Generation der europäischen Rechten – Geert Wilders in den Niederlanden, Heinz-Christian Strache in Österreich – vor allem auf den Islam und die EU ein. Dabei verlangt sie mehr Schutzbarrieren und höhere Mindestlöhne als die Linke. Das sorgt für Widerstände bei der alten Parteigarde um Le Pen senior oder Marines Gegenspieler Bruno Gollnisch. Aber die FN-Chefin hat die Parteimehrheit hinter sich, und die ist es langsam leid, die Rolle der republikanischen Schmuddelkinder zu spielen: Sie will an die Macht.

Noch bewahrt die Partei ihr Flammenzeichen, doch die meisten Franzosen haben längst vergessen, dass es neofaschistischer Herkunft ist: Bei der Gründung des Front National 1972 nahm Le Pen den Movimento Sociale Italiano (MSI) zum Vorbild. Sollte es Marine Le Pen gelingen, ihren Vater ganz aus der Partei zu werfen, dürfte sie zweifellos versuchen, das Kürzel FN durch ihre persönliche Bewegung «Rassemblement Bleu Marine» (RBM) abzulösen. Damit will sie in den Präsidentschaftswahlkampf 2017 ziehen. Und im Unterschied zu ihrem Vater will Marine Le Pen wirklich ins Élysée. Jean-Marie Le Pen erklärte gestern allerdings unumwunden, er wünsche «im Moment nicht», dass seine Tochter bei den Präsidentschaftswahlen in zwei Jahren den Sieg davontrage. Zur Begründung meinte er, unmoralische Prinzipien wie Verrat und Treuebruch dürften in Frankreich nicht regieren.

Eine zerrissene Partei

Der «Menhir», wie ihn seine alternden Fans nennen, stellte eine Gerichtsklage gegen seinen Parteiausschluss in Aussicht. Das ist aber nicht einmal das Wesentliche. Vor allem werde Le Pen weitergeifern, um Marine in die Bredouille zu bringen, meint der Politologe Pascal Perrineau. Die Zeitung «Le Monde» sieht in den Äusserungen des Parteigründers gegen seine Tochter gar eine «Kriegserklärung» und schätzt, dass ihre präsidialen Ambitionen zumindest fürs Erste leiden werden. Die Frontisten bieten nun das gleiche Bild einer zerrissenen, sich zerfleischenden Partei, das sie bei den Konservativen und Sozialisten regelmässig verspotten. Auf ihrem Weg ins Élysée wird der Hauptgegner von Marine Le Pen nicht Nicolas Sarkozy heissen, auch nicht François Hollande, sondern Jean-Marie Le Pen. Er bleibt der Mann ihres Lebens.

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