Grossbritannien

Die Schottischen versuchen sich erneut in der Unabhängigkeit

Publikation des "Weissbuches" in Schottland (Archiv)

Publikation des "Weissbuches" in Schottland (Archiv)

Der Krone treu bleiben, das Pfund behalten, aber eine eigene Streitmacht aufbauen und die Bodenschätze für sich behalten: Schottlands Regierungschef Alex Salmond hat ein 670 Seiten dickes «Weissbuch» über die Vorzüge einer schottischen Unabhängigkeit präsentiert.

Wenn die Bevölkerung nächsten September nach 300 Jahren für die Abspaltung von Grossbritannien stimme, dann werde er die Nordregion zu einer "gerechteren, demokratischeren und wohlhabenderen" Nation machen, versprach Salmond am Dienstag.

Der Auftritt des 58-Jährigen vor 200 britischen und internationalen Journalisten in Glasgow war wohl ein Glanzpunkt seiner Laufbahn: Die Unabhängigkeit Schottlands wäre für den Nationalisten die Krönung seines politischen Kampfes, die Verwirklichung seines Lebenstraums.

"Die Zukunft Schottlands liegt jetzt in Schottlands Händen", beschwor er. Doch noch ist das Volk skeptisch. Nicht viel mehr als ein Drittel der Schotten begeistert sich für seine Idee. Die regionale Opposition - und natürlich die Regierung in London - sind strikt dagegen.

Wirtschaftliche Argumente

In Salmonds "Weissbuch" mit dem Titel "Ihr Führer für ein unabhängiges Schottland" werden 650 Fragen von "echten Leuten" beantwortet. Es überwiegen die wirtschaftlichen Argumente. Das Land werde dann 90 Prozent der Einnahmen aus den riesigen Ölvorkommen vor seinen Küsten einstreichen, heisst es.

Die britischen Atom-U-Boote würden aus ihren Stützpunkten in Schottland vertrieben und müssten weiter südlich vor Anker gehen. Auch ergäben sich Spielräume für die Besteuerung und den Wohlfahrtsstaat, nationale Streitkräfte sollen aufgebaut und weltweit 90 Botschaften eröffnet werden.

Das beachtlich ausführliche Dokument beseitige "jeden Zweifel daran, dass wir die Unabhängigkeit bezahlen können", sagte Salmonds Stellvertreterin Nichola Sturgeon. Im "Weissbuch" selbst heisst es, ein "Nein" zur Unabhängigkeit verdamme Schottland zum Stillstand.

Gegner sehen "Hirngespinst"

Der frühere britische Finanzminister Alistair Darling fasst in einem Wort zusammen, wie die Kritiker Salmonds Projekt sehen: als "Hirngespinst". "Es wird mir doch niemand erzählen, alle guten Sachen bleiben nördlich der Grenze und alles Übel geht in den Süden", sagte er der BBC.

Danny Alexander, Chefsekretär des britischen Schatzamtes, warnte, auf den durchschnittlichen schottischen Steuerzahler kämen jährliche Mehrbelastungen von 1000 Pfund (1470 Franken) zu. Unabhängigkeitsgegner warnen überdies, der Weg zur eigenen Mitgliedschaft in NATO und EU könne nicht ganz unproblematisch werden.

Unabhängigkeit und Selbstbestimmung

Salmond und seine Schottische Nationalpartei (SNP) wollen von den Bedenken aber nichts wissen. Dass die Regionalregierung seit 1997 über Bildung und Erziehung, Gesundheitsfragen, Umwelt und Justiz schon selbst bestimmen kann, reicht ihnen nicht.

Dem Regierungschef geht es um Grundsätzliches: "Im Herzen der Debatte gibt es nur eine Frage und eine Wahl: Glauben wir, die in Schottland leben und arbeiten, dass wir die besten Menschen sind, um über Schottlands Zukunft zu entscheiden?"

Am 24. März 1707 wurde die Vereinigung Englands und Schottlands zu einem Königreich in den Acts of Union besiegelt. Am 24. März 2016 sollen die Schotten ihren ersten Unabhängigkeitstag feiern, heisst es in Salmonds "Weissbuch". Die erste eigenständige Parlamentswahl ist schon mal für den Mai 2016 anvisiert.

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