Katar

Die schönste Nebensache war Nebensache: Fussball als Plattform einer politischen Demonstration

Katars Nationalspieler Hasan al-Haydos mit einem Shirt mit dem Porträt von Emir Tamin. Noushad Thekkayil/keystone

Katars Nationalspieler Hasan al-Haydos mit einem Shirt mit dem Porträt von Emir Tamin. Noushad Thekkayil/keystone

Zuschauer und Spieler machen WM-Qualifikationsspiel gegen Südkorea zu politischer Demonstration.

Es war eine fast perfekte Choreografie, welche die katarischen Zuschauer und Spieler vor Beginn des WM-Qualifikationsspieles gegen Südkorea am späten Dienstagabend in Doha boten: In T-Shirts mit Scherenschnitt-Porträt von Emir Tamin bin Hamad Al Thani waren die Nationalspieler zum Aufwärmen aufgelaufen. Begleitet wurden die lässig vorgetragenen gymnastischen Übungen von Beduinentrommeln, deren rhythmisches Stakkato laut und dumpf unter dem Tribünendach widerhallte.

Nach den ersten Schussübungen auf dem Kunstrasen hatten die Vorsänger ihren Auftritt. Mit drei Megafonen ausgerüstet forderten die in blütenweissen Diddaschas (Gewändern) oder T-Shirts mit dem Emir-Porträt erschienenen Katarer das Publikum dazu auf, den erst 37 Jahre alten Herrscher von Katar in Wechselgesängen zu lobpreisen. Was nach einer kurzen Probezeit ganz hervorragend klappte und sich im Verlaufe des Spieles zu einem Orkan steigerte. «Tamin ist unsere Ehre» – «Wir sind alle Katar», dröhnte es durch das Stadion. «Niemals werden wir uns (den Saudis) unterwerfen.»

Angepfiffen wurde das Spiel um 22 Uhr. Die in den Tribünendächern installierten Kühlaggregate der Klimaanlagen hatten zu diesem Zeitpunkt noch erheblich Mühe, sich gegen den heissen Nordwind durchzusetzen, der tagsüber das Leben in Doha fast unerträglich gemacht hatte. Schon am Morgen hatte die «Gulf Times» vor Backofenatmosphäre gewarnt und mit 49 Grad einen neuen Jahreshitzerekord angekündigt.

Volksfeststimmung im Stadion

Um die 14 Grad «kühler» war es während des Spiels, das die südkoreanische Equipe vor allem in der ersten Halbzeit völlig zu überfordern schien. Angetrieben vom infernalischen Dauersupport ihrer Anhänger, gelang es den leichtfüssigen Katarern immer wieder, die trägen Koreaner zu düpieren. Selbst die Trinkpausen halfen ihnen nicht. Das 2:0 zur Halbzeit war ein gerechtes Ergebnis. Im Jassim-bin-Hamad-Stadion von Doha herrschte Volksfeststimmung. Luftballons in den Landesfarben weiss und lila mit dem Antlitz des Emirs schwebten durch die mit 8000 Zuschauern nur halbvolle Arena.

Normalerweise kämen noch weniger, wurde uns gesagt. Viele Katarer seien nur deshalb gekommen, um sich demonstrativ an die Seite ihres von seinen arabischen Nachbarn bedrängten Emirs zu stellen. Dass politische Stellungnahmen oder Sympathiebekundungen im Fussball verboten sind, wusste sowohl die Regierung als auch der nationale Fussballverband. Dennoch mobilisierte man die Fans für eine eindrückliche politische Demonstration in Zeiten politischer Not. Die Geldstrafe der Fifa für dieses Vergehen nimmt man gerne in Kauf.

Selbst eine Niederlage hätten die Zuschauer akzeptiert. Der Fussball – die schönste Nebensache der Welt – wurde an diesem Abend zur Nebensache. Viel wichtiger war das Zusammenstehen auf den Rängen, das Gefühl der Stärke und Geschlossenheit, die nicht nur den Spielern, sondern – durch die Live-Übertragung im Fernsehern – auch dem Rest der kleinen katarischen Nation vermittelt wurde. 2,8 Millionen Menschen leben in Katar. Nur 360 000 sind Katarer.

Dass die von ihren nimmermüden Fans getriebenen Katarer am Ende sogar gewannen, kam für den unparteiischen Fan aus Europa etwas überraschend: Innerhalb von neun Minuten hatten die Koreaner nach dem Wiederanpfiff ausgeglichen. Trotz weiteren Trinkpausen wälzten sich die katarischen Spieler plötzlich mit Wadenkrämpfen auf dem stumpfen Grün. Doch ein perfekter Konter, bei dem die koreanische Abwehr tölpelhaft agierte, brachte die Entscheidung für die Katarer, deren Fans nur in der vierminütigen Nachspielzeit auf die Dauerlobpreisungen für Emir Tamin verzichteten. Gnadenlos pfiffen sie den Schiedsrichter aus Sri Lanka aus. Auf einmal war es ein ganz normales Spiel.

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