Ägypten

Die Schlachtrufe sind vorbei, jetzt wird gebrüllt

Anfang Juli begannen die Demonstrationen der Gegner von Mohammed Mursi auf dem Tahrirplatz in Kairo. «Mursi hat das Land Schritt für Schritt in einen Gottesstaat zu verwandeln versucht. So hatte sich das Volk die Demokratie nicht vorgestellt», sagt Chantal Kury, die seit 2009 in Hurghada lebt. keystone/Amr Nabil

Anfang Juli begannen die Demonstrationen der Gegner von Mohammed Mursi auf dem Tahrirplatz in Kairo. «Mursi hat das Land Schritt für Schritt in einen Gottesstaat zu verwandeln versucht. So hatte sich das Volk die Demokratie nicht vorgestellt», sagt Chantal Kury, die seit 2009 in Hurghada lebt. keystone/Amr Nabil

Zum zweiten Mal innert 30 Monaten bringen die Massen auf dem Tahrir-Platz einen Präsidenten zu Fall. Millionen Ägypter feiern ausgelassenihren Sieg. Das Wort Putsch ist für sie tabu.

Revolutionshauptstadt Kairo, kurz nach Mitternacht in der Metro: Das Zugabteil hat sich in eine fahrende Partybude verwandelt. Junge Männer trommeln mit Fäusten rhythmisch auf die Metallwände, grölen, tanzen, blasen in Tröten und Trillerpfeifen. Zwei kleine Mädchen mit rot-weiss-schwarz bemalten Wangen klatschen begeistert im Takt. Ihre Mutter gibt ein lang gezogenes Sarruda von sich, ein hohes Freudentrillern, wie es in Ägypten an Hochzeiten üblich ist.

An jeder Station steigen weitere Menschen in ausgelassener Stimmung ein. Männer, Frauen, Alte, Junge, Kinder mit Zuckerwatte, ein alter Mann am Krückstock. Endstation: Tahrir-Platz, Geburtsort des ägyptischen Volksaufstandes, der soeben die zweite Revolution in nur zweieinhalb Jahren zur Welt gebracht hat.

Der Tahrir ist in dieser Nacht der wohl lauteste Ort der Welt. Mit dem Lärm von Trommeln, Lautsprechern und Tausenden Sumaras, die ägyptische Version der Vuvuzela-Trompete, entlädt sich die angestaute Wut über den gestürzten Präsidenten in einer ohrenbetäubenden Kakofonie. Feuerwerkskörper tauchen den Nachthimmel in immer neue Farben – war Ägypten nicht eben noch bankrott? Die Schlachtrufe der vergangenen Tage sind vorbei. Jetzt wird nur noch gebrüllt.

«Der Aufstand gegen Husni Mubarak war gross. Aber das hier ist grösser», sagt Ahmed, der mit einer Ägypten-Flagge in der Hand auf einem Geländer am Rande des Platzes sitzt und das Spektakel in sich aufsaugt. In nur einem Jahr habe sich Mohammed Mursi unbeliebter gemacht als alle anderen Machthaber vor ihm, erklärt der Student, worauf seine Freunde in einen «Irhal, irhal»-Chor («hau ab!») einstimmen. «Lauter!», lacht Ahmed: «Mursi hat euch noch immer nicht gehört.»

Der erste frei gewählte Präsident Ägyptens ist zu diesem Zeitpunkt längst entmachtet. Die Kaserne, in der er sich aufhält, von Soldaten und Panzern umstellt. Später wird ihn die Armeeführung im Verteidigungsministerium unter Hausarrest stellen. Doch Mursi akzeptiert seine Entmachtung nicht. «Ich bin der einzige legitime Präsident», teilt er seinen Anhängern über eine Audiobotschaft mit. Mursis Zehntausende Anhänger, die im Osten Kairos tagelang ausharrten und gegen das Unvermeidliche anbeteten, sind da bereits auf ein kleines Grüppchen zusammengeschrumpft.

Die Bilder der Massen, die sich landesweit gegen das islamistische Projekt zur Wehr setzten, hat das Weltbild der Muslimbrüder erschüttert. Auf dem Tahrir-Platz ergiesst sich noch Stunden nach dem Sturz Mursis Häme über die Islamisten. Viele Demonstranten haben Plüschschafe mitgebracht. Die wolligen Vierbeiner sind unter Regierungsgegner ein beliebtes Symbol für die Muslimbrüder, die ihren Anführern angeblich alles gedankenlos nachblöken. Neben Spott ist aber auch eine grosse Erleichterung spürbar. «Endlich können wir wieder atmen», sagt eine junge Demonstrantin erleichtert. «Mursi hat uns die Luft abgeschnürt.»

Es sind nicht nur die Sorgen um Wirtschaft und steigende Kriminalität, mit denen die Muslimbrüder die Mehrheit der Ägypter gegen sich aufbrachten. Es ist auch das von vielen als abgehoben und arrogant empfundene Auftreten, mit dem Mursi und Co. regelmässig aneckten. Die Muslimbrüder, schütteln manche den Kopf, sprechen trotz ihrer Nähe zum Volk nicht dessen Sprache. «Es fühlte sich an, als wäre unser Land von einer fremden Kolonialmacht besetzt worden», sagt ein älterer Demonstrant. Kritische Fragen zur Armee kommen bei den Demonstranten nicht gut an. Das Tabu-Wort am Tahrir lautet Putsch. «Die Muslimbrüder wollen der Welt weismachen, dass sie von der Armee beseitigt wurden. In Wahrheit haben wir, das Volk, sie besiegt», sagt ein Demonstrant.

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