Kapitel 1: Die Schatzis

Millionen für die Heimat: Ohne die Schweizer Diaspora wäre der Kosovo arm dran.

Fehmi Fetahu (55) sitzt auf der Sonnenterrasse seiner Ferienanlage «Vali Ranch» im Südosten des Kosovo und sagt, er habe den Muni eigentlich metzgen wollen. Doch die Tochter habe protestiert und er habe es einfach nicht übers Herz gebracht und man wisse ja, wie das dann gehe. Schliesslich habe er den Muni verkauft und mit dem Erlös gleich drei neue Munis ersteigert.

Fetahu spielte das Spielchen weiter, bis schliesslich 60 Munis auf dem luxuriösen Landgut ausserhalb seiner Heimatstadt Gjilan grasten. «Ich habe halt einfach mal ausprobiert», sagt der Kosovo-Schweizer und zündet sich eine weitere Marlboro an. Für jede Zigarette bringt der Kellner dem Chef einen neuen Aschenbecher. «Einfach mal ausprobiert», genau wie damals in den 80er-Jahren, als er anfing, für Sommerjobs in die Schweiz zu kommen, dann sein Zahnarztstudium im Kosovo abbrach, in die Schweiz migrierte und «einfach mal» eine Bodenbelags-Firma gründete. Heute hat er mehr als 50 Angestellte an mehreren Standorten in der Schweiz. Das Geschäft läuft gut. So gut, dass Fetahu vor zwölf Jahren anfing, Geld in den Kosovo zu investieren.

Fehmi Fetahu hat sich in Gjilan ein Luxushotel in römischem Stil gebaut.

Fehmi Fetahu hat sich in Gjilan ein Luxushotel in römischem Stil gebaut.

Fetahu, blauer Kittel, rauchige Stimme, nickt zufrieden. Aus den Boxen plätschert melancholischer Balkan-Pop. Im Hintergrund schiessen chic gekleidete Menschen Selfies vor dem Eingang zum Weinkeller. «Das hier ist eine kleine Schweiz im Kosovo», sagt Fetahu und lässt den Blick stolz über die Anlage gleiten. Alle zwei drei Wochen fliegt er von Zürich nach Pristina, steigt in den weissen Pick-up-Truck mit Luzerner Nummernschildern, den er am Flughafen dauerparkiert hat, und fährt in sein pompöses Paradies. Die Munis sind alle weg.

Geblieben sind 15 Hektaren Land, 27 Rassepferde, 1200 Rosenstöcke, 2000 Weinreben und im Sommer – wenn die Diaspora auf seiner Ranch vorbeischaut und Feste feiert – 200 Arbeitsplätze. Er wolle dem Kosovo etwas zurückgeben, sagt Fetahu. Das Land habe es verdient.

Durchschnittslohn: 534 Franken

Für Wagemutige wie ihn, die ohne Geld ins Ausland gehen und als reiche Magnaten in die alte Heimat zurückkehren, haben die Kosovaren einen Namen: «Schatzis», sagen sie ihnen, in einer Mischung aus Ehrfurcht und Neid. «Wir ‹Schatzis› sind wichtig», sagt Fetahu. «Ohne uns würde hier nichts laufen, gar nichts.»

Die Zahlen geben ihm recht. Alleine 2016 haben die 180 000 Kosovaren, die in der Schweiz leben, 156 Millionen Euro in den Kosovo überwiesen. Das ist viel Geld für einen Staat, dessen Budget sich auf knapp zwei Milliarden Euro beläuft. Und es ist ein notwendiger Zustupf für ein Volk, das im Schnitt gerade mal 534 Franken pro Monat verdient.

Am 17. Februar wird der Kosovo zehn Jahre alt. Er ist nicht nur das jüngste, sondern hinter Moldawien und der Ukraine auch das drittärmste Land Europas. Vieles steckt in der einstigen südserbischen Provinz noch in den Kinderschuhen. Die Wirtschaft liegt seit dem Unabhängigkeitskrieg der Kosovoalbaner gegen die serbischen Besatzer Ende der 90er-Jahre am Boden. Aufgerappelt hat sie sich trotz aller internationaler Zuwendungen nie.

Das viele Geld, das die Diaspora in die Heimat schickte, wurde in Häuser und Autos, nicht aber in den Aufbau des Bildungs- oder Wirtschaftssystems gesteckt. 30 Prozent der Menschen haben keine Arbeit. Jeder zweite Kosovare ist noch keine 25 Jahre alt. Bei den unter 25-Jährigen liegt die Arbeitslosigkeit bei 52 Prozent.

Weitere Impressionen von Nachrichtenredaktor Samuel Schumacher aus Kosovo:

Wie jung die Bevölkerung im jüngsten Land Europas ist, zeigt sich an den vielen Fahrschulautos, die mit ihren Bremsmanövern das Verkehrsproblem in den Strassen Pristinas noch verschärfen. Es ist früher Morgen in der kosovarischen Hauptstadt und die bronzene Statue von US-Präsident Bill Clinton, dessen Truppen als Teil der Nato-Offensive einst die serbischen Besatzer vertrieben, winkt in den hupenden Stau auf dem «Bulevardi Bill Klinton».

Entlang der verstopften Strasse wachsen neue Hochhäuser in die Höhe, als ob sie dem Smog der Grossstadt zu entweichen versuchten. Das Kohlekraftwerk, das nur wenige Kilometer entfernt steht, trägt das Seinige dazu bei, dass kaum irgendwo so viel Feinstaub durch die Luft schwirrt wie hier. 559 Mikrogramm pro Kubikmeter waren es im vergangenen Winter einmal.

Das ist 28 Mal mehr, als in der Schweiz erlaubt wäre. Die Filter des Kraftwerks wurden 1985 zum letzten Mal gewechselt. 2014 starben mehrere Arbeiter bei einer Explosion. Doch mangels alternativer Energiequellen wurden die Reaktoren kurz darauf wieder angeschmissen. Das Kraftwerk röchelt weiter vor sich hin und schwängert die Luft rund um die Uhr mit säuerlichem Russ.

Lekë Zherka (28) hat sich längst an die schlechte Luft gewöhnt. Er empfängt den Reporter im Parterre eines der neuen Hochhäuser im Süden Pristinas und führt durch die Räumlichkeiten von «Bonevet Prishtina». Auch dieser Ort ist das Herzensprojekt eines «Schatzis», auch hier soll eine Art Schweiz im Kosovo entstehen. Statt auf Rassepferde und opulente Bankette setzt man bei Bonevet (Albanisch für «Mach es selbst») aber auf praktische Bildung.

Daran mangelt es im Kosovo gewaltig. Und das will Vllaznim Xhiha ändern. Xhiha hat an der ETH Zürich Elektrotechnik studiert, eine Stromversorgungs-Firma gegründet und sie 2011 für 170 Millionen an die ABB verkauft. Danach ist er in den Kosovo zurückgekehrt und hat Bonevet lanciert.

«Unser Ziel: eine Armee von kreativen Menschen»

«Unser Ziel: eine Armee von kreativen Menschen»

Lekë Zherka (28) ist Leiter von «Bonevet Pristina». Im Video erklärt er, worum es geht.

Neben Pristina hat das Projekt auch in der westkosovarischen Stadt Gjakova Fuss gefasst. Das Ziel ist an beiden Orten dasselbe, erklärt Zherka, Leiter von Bonevet Pristina: «Wir wollen eine Armee von kreativen Köpfen schaffen.»

Das staatliche Bildungssystem ist dazu nicht in der Lage. Beim jüngsten Pisa-Test landete der Kosovo auf Rang 75 von 77. Der Staat, sagt Zherka, tue praktisch nichts gegen den Bildungsrückstand. Gefragt seien deshalb private Initiativen. Ohne die würde das System auf ewig in den 80er-Jahren stecken bleiben. Bonevet aber will den Kosovo in die Zukunft katapultieren.

Der angestaubte Obama

Bei Bonevet in Pristina üben Kinder aus dem ganzen Land deshalb täglich den Umgang mit den neusten Technologien. Es gibt Sprachkurse, Programmierlektionen und eine Bibliothek mit Fachbüchern. «Letztes Jahr haben wir das erste Elektroauto des Kosovo gebaut», erzählt Zherka und strahlt über das ganze Gesicht. «Dieses Jahr wollen wir ein Elektro-Rennauto entwickeln.»

Unterstützung erhalten die durchschnittlich 15-jährigen Bonevet-Kids dabei von internationalen Experten. «Wir wollen zeigen, dass das bisherige Versagen des Kosovo nichts mit den Menschen hier zu tun hat. Es ist das System, das nicht funktioniert und das uns alle ausbremst.»

Dieses System wird bald unter gewaltigen Druck kommen, glaubt Zherka. «Wir haben hier 13-jährige Kids, die selber 3D-Drucker bauen und Roboter programmieren können. Das Bildungssystem hat ihnen nichts mehr zu bieten. Sie wären selbst an der Uni massiv unterfordert.» Einer Uni, deren Studenten mangels Platz zum Büffeln auf die alten Lesesäle der Nationalbibliothek ausweichen.

Das Gebäude im Zentrum der Hauptstadt hat wegen seiner auffälligen Architektur traurige Berühmtheit erlangt. Es landet regelmässig auf den Top-Ten-Listen der hässlichsten Gebäude der Welt. Die düsteren Gänge sind von angestaubten Vitrinen gesäumt, auf denen leere Getränkedosen stehen. Das aktuellste Buch, das in der Auslage beim Bibliothekseingang liegt, ist Barack Obamas «Mut zur Hoffnung», das der damalige Senator 2006 veröffentlicht hatte.

Kapitel 2: Die Kämpfer

Korruption und alte Seilschaften: Der Aufstand gegen Kosovos Krankheiten erhält neuen Schub.

Dass der Staat sich bald neu erfinden und sich den Staub von den Schultern klopfen wird, diese Hoffnung wagen im Kosovo nur wenige. Zu lange wurde die Region von Verwandtschaftsclans und Kriegsseilschaften verwaltet. Die ungesunden Bündnisse schlagen sich noch heute in einem intransparenten Verwaltungsapparat nieder, in dessen Untergrund die Korruption wie eine hartnäckige Krankheit festhockt.

Der Kosovo hustet, immer heftiger. Doch der Virus sitzt tief. Der leichte Mantel der Rechtsstaatlichkeit, den internationale Organisationen dem jungen Staat übergeworfen haben, sehen die Machtträger als schickes Kostüm, unter dem man sich verstecken und das man fantasievoll besticken kann: mit 21 Ministerien und insgesamt 103 Ministern und Stellvertretern, zum Beispiel. Die 1,8-Millionen-Nation wird offiziell von mehr Bürokraten regiert als das 1,4-Milliarden-Riesenreich China.

Laut Transparency International ist der Kosovo das drittkorrupteste Land Europas (vor Moldawien und der Ukraine). Das GAP-Institut, ein Think Tank in Pristina, schätzt, dass der Staat jährlich rund 100 Millionen Euro für korrupte Geschäfte ausgibt. Albert Krasniqis (31) Blick ist ernst, wenn er auf diese Missstände hinweist.

Er setzt sich als Mitarbeiter des «Kosova Democratic Institutes» für mehr Transparenz in seinem Heimatland ein. Krasniqi ist ein gefragter Gast in den Politsendungen des kosovarischen Fernsehens. Wenn er das Fenster seines Mercedes herunterlässt, um im Hinterland Pristinas wiedermal jemanden nach dem Weg zu fragen («meine Orientierung ist eine Katastrophe, sorry»), dann erkennen ihn die Leute. «Wäre ich Minister, dann würden wir nicht in diesem Auto sitzen», sagt Albert. «Mercedes weigert sich seit Jahren, mit unserer Regierung zusammenzuarbeiten. Der Konzern fürchtet rufschädigende Konsequenzen. Deshalb fahren unsere Magistraten BMW.»

Respekt vor den Warlords

Am Strassenrand stehen Zitronenverkäufer vor halbfertigen Backsteinhäusern. Das Land ist voll von ihnen; nicht von den Zitronenverkäufern, sondern von den Hausruinen. In manchen Gegenden des Kosovo bezahlt man für sein Haus erst dann Steuern, wenn es fertiggebaut ist. Vielerorts bleiben die Häuser ewige Baustellen. Albert sagt, das sei typisch für sein Land. Dieses Tricksen sei nötig, um überhaupt durchzukommen.

Manche Tricks aber scheinen hier schlicht des Tricksens wegen Konjunktur zu haben, ohne dass sie irgendjemandem einen wirklichen Mehrwert bringen. Der Trick mit den Gurtschnallenattrappen, zum Beispiel.  Statt sich anzuschnallen, steckten manche Kosovaren Gurtschnallenattrappen in die Halterung des Fahrersitzes, damit ihr Fahrzeug nicht ewig piepst. Sich ganz normal anzuschnallen, dazu hätten sie schlicht keine Lust, erzählt Albert.

Sein Land funktioniere eigentlich ganz einfach, sagt er und kurvt durch die kosovarische Pampa: «Das Spiel heisst Kriegsflügel gegen Friedensflügel.» Der Kriegsflügel, das seien die alten Kräfte, die ehemaligen Kämpfer der kosovarischen Befreiungsarmee UCK, die im Kosovo-Krieg gegen die Serben ins Feld zogen.

So feierten die in der Schweiz lebenden Kosovaren 2008 die Unabhängigkeit ihrer Heimat:

Politische Erfahrung hätten sie nicht. Dafür aber fast unendlichen Respekt bei den älteren Kosovoalbanern, die den Krieg 1998 und 1999 selber erlebt hätten. Der Kriegsflügel stellt die Mehrheit der Regierung, den Präsidenten und den Premierminister. «Natürlich, sie haben geholfen, den Kosovo zu befreien. Viele haben deshalb noch heute das Gefühl, dass wir ihnen etwas schulden», erzählt Albert. «Irgendwann müssen wir aber aufhören, den alten Kriegshelden alles zu verzeihen, nur weil sie für den Kosovo gekämpft haben.»

Auf der anderen Seite stünde der Friedensflügel. Das seien jene, die genug hätten vom alten Spiel, die etwas Neues wagen wollten, sagt Albert. «Die jetzige Regierung ist eine Farce. Wenn sie morgen abgeschafft würde, dann würde das kaum jemand merken.» Das sei kein Grund, die Köpfe hängen zu lassen. Im Gegenteil: «Meine Generation hat die einmalige Chance, beim Aufbau des Staates entscheidend mitzuhelfen. Die Probleme, die wir haben, sind lösbar, wenn sich die Zivilgesellschaft engagiert.»

«Die Sympathie für die Schweiz ist sehr gross»

«Die Sympathie für die Schweiz ist sehr gross»

Regierungschef Ramush Haradinaj mit einer Botschaft an die Schweizer und die in der Schweiz lebenden Kosovaren.

Albert selbst hat mit seinem Team die App «votaime» («Meine Stimme») entwickelt. Sie produziert täglich Statistiken über das Abstimmungsverhalten der 120 kosovarischen Parlamentarier, listet auf, wie viel Steuergeld sie für ihre Auslandreisen ausgeben und wie oft sie an Abstimmungen teilnehmen. Zudem bietet sie einen Chat an, in dem Bürger direkt mit einzelnen Parlamentariern in Kontakt treten können. «Wir wollen den Leuten beibringen, dass die Politiker keine Überwesen sind, die man ehrfürchtig verehren soll, sondern gewählte Verantwortungsträger, die uns für ihr Handeln Rechenschaft schuldig sind.» Das scheint zu funktionieren. Die App hat im Kosovo bereits über 30 000 User.

Neben «votaime» haben junge Kosovaren jüngst auch die App «Qeverisja Tani» («Staatsführung jetzt») lanciert, die statistisch auswertet, wie genau es die Parteien mit der Umsetzung ihrer Wahlversprechen nehmen. Ein anderes Beispiel für den wachsenden Druck, den die junge Garde auf die alten Kämpfer an der Macht ausübt, ist die Plattform «ndreqe.com» («Flickt das»), auf der Bürger Missstände wie illegale Mülldeponien oder kaputte öffentliche Einrichtungen melden können.

Die Plattform informiert bei jeder eingegangenen Meldung die zuständige Gemeinde und zeigt an, ob und wie schnell sich die Verantwortlichen um das Problem kümmern. «Wir müssen ganz von vorne beginnen», sagt Albert. «Das braucht Zeit. Aber es wird schon.»

Zeit nimmt sich Jean-Hubert Lebet (62) gerne. Wenn es darum geht, die Rolle der Schweiz im Kosovo zu erklären, dann sowieso. Der Schweizer Botschafter in Europas jüngstem Staat setzt sich auf den Ledersessel seines Büros in Pristina und fragt, obs recht sei, wenn er die Krawatte ausziehe. Er lässt Kaffee bringen. «Die Kapseln haben kosovarische Einwanderer in la Chaux-de-Fonds gemacht. Die bringe ich jeweils den Ministern, die ich besuche, um ihnen zu zeigen, was ihre Leute erreichen können, wenn man gute Bedingungen für sie schafft.»

Jean-Hubert Lebet ist der Schweizer Botschafter im Kosovo. Er hat Hoffnung für das Land.

Jean-Hubert Lebet ist der Schweizer Botschafter im Kosovo. Er hat Hoffnung für das Land.

Seit 2016 ist Lebet im Kosovo. Es ist sein letzter Einsatz. In zwei Jahren wird er pensioniert. «Kosovo war mein Wunsch. Hier ist es interessant, hier passiert etwas», sagt Lebet. Er sieht aus wie Sean Connery, ein bisschen korpulenter zwar, dafür mit mehr Haaren auf dem Kopf. Sein Charme füllt das karge Büro mit Wärme. Der Raum nebenan ist gefüllt mit Dossiers von Kosovaren, die sich für ein Schweizer Visum beworben haben.

Kosovaren sind die einzigen Europäer, die für die Einreise in den Schengenraum ein Visum brauchen. Visafreiheit gibts erst, wenn das Land alle Bedingungen der 15-seitigen Liste erfüllen, die die EU dem Kosov 2012 gestellt hat. Auf der Liste steht auch, dass der Kosovo das Grenzabkommen mit Montenegro anerkennen muss.

Gerade vergangene Woche hat das kosovarische Parlament einen entsprechenden Vorschlag abgelehnt. Die Visafreiheit rückt damit in weite Ferne. Die Kosovaren bleiben Gefangene der komplizierten politischen Situation. Und der Dossierberg mit Visaanträgen in der Schweizer Botschaft wird weiter wachsen. 40 Kubikmeter Papier lagern schon in den Büroräumen.

Im vergangenen Jahr haben 22 913 Kosovaren einen Antrag für ein Visum in die Schweiz gestellt, 14 Prozent mehr als 2016. 81 Prozent davon wurden bewilligt. Unten vor dem Botschaftseingang stehen auch an diesem Nachmittag Dutzende Menschen in der Kälte und warten auf einen positiven Bericht.

Bald wird wohl alles anders

Den Romand beelendet die Situation. Er mag die Kosovaren. Und er wünscht ihnen eine Regierung, die sich entschlossener für das Wohl der Bevölkerung einsetzt. «Es wurde zu viel auf Personen gesetzt, nicht genug auf Institutionen», erklärt Lebet. «Der Fokus auf einzelne Personen, das Verharren auf diesem Stabilitäts-Paradigma, das führt nirgendwo hin.»

Korruption, sagt Lebet, sei sicher eines der Probleme, aber nicht das Hauptproblem der regierenden Riege. «Ich habe mehr Angst vor Missmanagement. Das Versagen des Staates hat oft mit Inkompetenz zu tun. Die Verwaltung leidet an Vetternwirtschaft. Nepotismus spielt mit bei der Beamtenrekrutierung.» Doppelt schade sei das, weil der Kosovo eigentlich so ein schönes Land sei. Die Kaffeekultur, diese Landschaft: Lebet schwärmt. Und er hat Hoffnung. «Wir befinden uns in einer Übergangsphase. Die Zahl derer, die die Kriegshelden an der Macht unterstützen, wird kleiner.» Die Jungen hätten zwar noch Respekt vor den Kriegern. Deren Politiktreiben aber, das machten sie nicht mit.

Fürs Foto geleitet Lebet den Reporter auf den Balkon. Im Hintergrund weht die Schweizer Fahne über dem Kabelgewirr Pristinas. Aus dem Dächermeer ragt die Spitze der Mutter-Teresa-Kathedrale. Nach der heiligen Albanerin ist auch die Fussgängerzone benannt, die sich nicht weit von Lebets Balkon weg am Abend in eine Flaniermeile verwandelt. Hier prallen Welten aufeinander. Gefakte Ray-Ban-Brillen neben bettelnden Roma-Kindern, Bayern-München-Wimpel neben kosovarischen Kristallen in der Auslage der Souvenirverkäufer.

In den sauren Kohlegeruch mischt sich ein Hauch gebratener Marroni. Und der Himmel über dem angrenzenden «Swiss Diamond Hotel» – ein Investment des kosovarischen Aussenministers Behgjet Pacolli, ein Business-Man mit Schweizer Pass und Wohnsitz im Tessin – verfärbt sich orange. Arbeiter hängen Plastikschilder mit dem Logo für die 10-Jahre-Feier des Kosovo an blau-gelb-weisse Stoffbanden.

Kapitel 3: Die Ausbrecher

Everest und Dörflingen: Manche finden, man müsse dem Kosovo erst entfliehen, um ihn vorwärtsbringen zu können.

Uta Ibrahimi (34) eilt mit einem Stapel frisch bedruckter T-Shirts unter dem Arm die Gasse neben dem «Swiss Diamond Hotel» hoch und hinein in den Miqt Pub. Ibrahimi, kaum 1,60 Meter gross, blonde Haare, stahlblaue Augen, hüpfender Schritt, sprüht vor Energie. Sie hat für den Abend in ihr Lieblings-Lokal geladen. Sie will die mitgebrachten T-Shirts verkaufen und Geld sammeln für die anstehende Expedition.

Ihr Ziel: als erste Kosovarin alle vierzehn 8000er der Welt zu besteigen. Im Frühling steht der Lhotse auf dem Programm, im Sommer dann der K2. Den Everest hat sie schon hinter sich. Am 22. Mai stand sie auf dem höchsten Berg der Welt, alleine mit ihrem Guide. Eigentlich hätte sie mit einer Gruppe albanischer Bergsteiger hochgehen wollen. Doch die nahmen sie nicht mit. Für eine Frau sei das zu taff, man wolle das Risiko nicht eingehen, sagten sie ihr im Basecamp. «Ich war dann vor ihnen oben», ruft Uta Ibrahimi durch den dröhnenden Soundcheck der Jazz-Band, die im Pub gleich zu spielen beginnt.

Uta Ibrahimi stand als erste Kosovarin auf dem Everest.

Uta Ibrahimi stand als erste Kosovarin auf dem Everest.

Das Lokal füllt sich, Utas Freunde trudeln ein. Bier für einen Euro, T-Shirts für zehn, Umarmungen gratis. Ibrahimi ist mit ihrem Aufstieg auf den Everest ausgebrochen; aus den gesellschaftlichen Niederungen, in denen kosovarische Frauen noch immer allzu häufig gehalten werden; aus den Vorurteilen, die man gegenüber dem «schwachen Geschlecht» auf dem Balkan noch hat; aus der Befangenheit all jener, die ihr das nicht zugetraut hätten.

«Man mutet uns Frauen hier viel zu wenig zu», sagt Ibrahimi. «Langsam verändert sich das. Und ich will meinen Beitrag leisten.» Einmal pro Woche stattet sie einer kosovarischen Schulklasse einen Besuch ab. «Da erzähle ich dann, wie mich die Männer nicht ernst nahmen und ich alleine auf den Gipfel musste. Das macht Eindruck.»

«Angst? Verstehe ich!»

Neben diesen Einsätzen als Emanzipations-Promotorin hat die einstige Marketing-Frau ein zweites Ämtli gefasst: Sie will ihr Heimatland als Outdoor-Paradies ins Bewusstsein ausländischer Touristen rücken. «Der Kosovo ist wunderschön. Man kann prima wandern, biken und klettern», schwärmt Ibrahimi. Vor kurzem hat sie eine eigene Reiseagentur gegründet: Butterfly Outdoor Adventures.

Sie nimmt ihre Gäste mit auf mehrtägige Trips in die Berge Südkosovos und die Hügelzüge im Norden. Und sie vermarktet die Outdoor-Trips geschickt auf sozialen Medien: auch mal mit barbusigen Yogaposen vor kosovarischen Felskulissen. «Viele haben immer noch Angst vor dem Kosovo, das verstehe ich ja mit der Geschichte und so», sagt Ibrahimi noch, bevor sie sich in die Menge zerren lässt. «Aber kommt doch einfach und schaut selbst. Wir sind harmlos.»

Naja, könnte man sagen, wenn man sich die Szenen aus dem kosovarischen Parlament in Erinnerung ruft, die 2015 um die Welt gegangen sind. Darin zu sehen sind Abgeordnete der Oppositionspartei «Vetevendosje» («Selbstbestimmung»), die ihrem Frust über eine verlorene Abstimmung mit Tränengasattacken auf Regierungsvertreter Luft machen. Nicht eben «harmlos», schon gar nicht zivilisiert, «aber notwendig», betont Faton Topalli (54).

Er sitzt spätabends im Café Union, einem der zahlreichen noblen Cafés Pristinas, in denen neben dem süssen Nationalschnaps Rakija auch farbige Patisserie und Macchiatos für 50 Cent gereicht werden. Topalli war einer der Tränengaswerfer 2015. Er sitzt für die «Vetevendosje» im Parlament und hat den weitesten Arbeitsweg aller kosovarischen Abgeordneten. Einmal pro Woche pendelt er vom schaffhausischen Dörflingen nach Pristina und zurück.

Topalli ist Doppelbürger. In den 80er-Jahren kam er als politischer Flüchtling in die Schweiz. Er kellnerte, lernte perfekt Deutsch, studierte Jugendarbeit, trat der SP bei, heiratete und nahm einen Job in einem Jugendheim an. Sein grauer Strickpullover sieht kratzig aus, die Haare sind nass vom Regen draussen. «Mit meiner Erfahrung brauchts mich im Kosovo dringender als in der Schweiz», meint Topalli und setzt ein breites Lachen auf, wie nach fast jedem Satz, den er sagt.

Und die Sache mit dem Tränengas, eben, die sei «notwendig» gewesen. Damals sei es um verfassungswidrige Autonomierechte für die serbische Minderheit und ein «unfaires» Abkommen mit Montenegro gegangen. «Wir waren in einer Ohnmachtssituation. Wir waren überzeugt, dass die Interessen des Landes verletzt würden. Mit der Tränengasaktion wollten wir darauf aufmerksam machen.» Topalli wurde zu 14 Monaten bedingter Haft verurteilt. Wäre die Strafe unbedingt ausgefallen, er hätte sie angetreten; mit reinem Gewissen; sicher, 2015 das Richtige gemacht zu haben.

«Strategie? Die fehlt!»

Doch Tränengas ist nicht alles, was er seiner Heimat bieten könne, sagt Topalli. «Die Schweiz lebt seit langem vor, wie ein demokratischer Staat organisiert werden soll. Der Kosovo ist zurückgeblieben. Wir waren immer unter fremder Herrschaft, ob nun unter den Osmanen oder unter den Serben. Wir hatten kaum Möglichkeiten, Einfluss auf die staatliche Entwicklung zu nehmen. Und da, glaube ich, kann meine Erfahrung aus der Schweiz helfen.»

Ganz einfach werde die Zukunft aber trotz des Erfahrungsaustauschs nicht. «Das Problem im Kosovo ist, dass man die Demokratie in der Schweiz als Wert zwar toll findet, aber sie dann trotzdem nicht übernimmt», sagt Topalli und setzt wieder das breite Lachen auf. Für die nahe Zukunft sieht er ziemlich schwarz. «Alle sind irgendwie müde, jeder weiss, was passiert. Trotzdem findet sich keine politische Mehrheit, um etwas an der Situation zu verändern.»

Zudem fehle dem Kosovo eine wirtschaftliche Strategie. Es werde fast nichts produziert, die Handelsbilanz sei negativ. «Es sieht nicht gut aus.» Immerhin um den Frieden brauche man sich vorerst aber keine Sorgen zu machen, solange die internationalen Soldaten der Kosovo-Force (Kfor) im Norden Wache stünden.

Kapitel 4: Die Wächter

Damit der Krieg nicht wiederkommt: Unterwegs mit der Swisscoy in Kosovos wildem Norden.

Die Kfor, die Wächter des Kosovo: Rund 4000 Armeeangehörige aus 28 Ländern leisten bis heute Dienst in dem kleinen Land, unter ihnen auch die 235 Schweizer der Swisscoy. Deren Präsenz hier kostete den Bund vergangenes Jahr 44 Millionen Franken.

Angefangen hatte der Einsatz der Kfor nach dem Ende des Kosovo-Krieges 1999. Die Zustände in der Region waren chaotisch. Die Kosovoalbaner wehrten sich ab März 1998 mit Gewalt gegen die serbischen Besatzer, die ihnen jahrelang den Zugang zu Schulen und öffentlichen Einrichtungen verwehrt hatten.

Hervé Findeisen und Thomas Zahn sind zwei von 235 Swisscoy-Angehörigen, die im Kosovo Dienst leisten.

Hervé Findeisen und Thomas Zahn sind zwei von 235 Swisscoy-Angehörigen, die im Kosovo Dienst leisten.

Im Juni 1999 zog sich der serbische Staat aus dem Kosovo zurück, nicht zuletzt wegen der heftigen Bombardements der Nato. Die siegreichen kosovoalbanischen Kriegsherren bekleideten zivile Machtpositionen. Die UNO gründete im Kosovo eine eigene Mission, die später mehrheitlich von der EU-Mission Eulex abgelöst wurde. Die Eulex brachte Richter, Polizisten und Staatsanwälte ins Land, um den Rechtsstaat aufzubauen. Im Juni dieses Jahres sollen die letzten Eulex-Beamten den Kosovo verlassen. Die Kfor aber, die für den militärischen Schutz des Kosovo garantiert; sie bleibt. Eine eigene Armee hat der Kosovo bis heute nicht.

Thomas Zahn, Swisscoy Soldat in Zubin Potok, über seinen Auftrag im Kosovo.

Thomas Zahn, Swisscoy Soldat in Zubin Potok, über seinen Auftrag im Kosovo.

Morgenszenen in Novo Selo, dem grössten Kfor-Camp im Kosovo: Über den weissen Container-Siedlungen kreist ein amerikanischer Militärhelikopter. Die Ungarn stehen stramm vor ihren Baracken. Die Dänen kontrollieren am Eingang mit strenger Mine jeden, der rein will. Im Container-Sitzungszimmer am Ende der «Avenue Général Guisan» lädt Special Officer Hervé Findeisen (41) zum Morning-Briefing. Hier versammeln sich die «Liaison & Monitoring Teams» (LMT) der Swisscoy an sechs Tagen pro Woche.

Sie sind so was wie die Ohren und Augen der Kfor. Ihr Auftrag: Ausschwärmen ins Grenzgebiet zwischen dem Kosovo und Serbien, die Situation beobachten, mit den Leuten sprechen, die Fühler ausstrecken. «Wir müssen die kleinen Unstimmigkeiten registrieren und schauen, dass sie sich nicht zu einem gefährlichen Flächenbrand auswachsen», erklärt Findeisen. Soldat Thomas Zahn (28) liest die News vor: ein paar Proteste, Feinstaubrekordwerte in Pristina, «ansonsten im Norden nichts Neues».

Pistolengurten werden umgeschnallt, Kappen aufgesetzt, Findeisen packt eine Schoggi ein. Dann schwärmen die drei Teams in weissen Geländewagen aus, vorbei an den grimmigen Dänen, hinaus in den Nordkosovo, in dem eine bedrückte Stimmung herrscht. Vor einem Monat wurde der Politiker Oliver Ivanovic in der Lokalmetropole Mitrovica ermordet. Ivanovic war ein Vertreter der serbischen Minderheit im Kosovo. Er galt als Mann des Dialogs, als einer, der die verbrannte Erde zwischen Serbien und dem Kosovo hinter sich lassen wollte.

Kaum jemand zweifelt daran, dass es serbische Kräfte waren, die Ivanovic getötet haben. Zu viel Dialog, zu viel Entgegenkommen, das ist nicht im Interesse der harten Gangart der serbischen Regierung gegenüber dem Kosovo. Deren Position ist klar: «Kosovo is Serbia». Je weiter nördlich man fährt, umso häufiger sieht man diesen Spruch auf den serbischen Flaggen, die an den Hausfassaden hängen. Autofahrer, die von Süden her in die Gegend kommen, halten am Strassenrand an und montieren ihre kosovarischen Nummernschilder ab. Die sind bei den serbischen Polizisten hier nicht gern gesehen.

Mauern gegen die Blutrache

Serbien hat den Kosovo nicht anerkannt. Radikale Parteien schüren schlechte Stimmung gegen Kosovoalbaner. Das Sondertribunal, das bald die Verbrechen der kosovoalbanischen Kriegsherren an den Serben im Kosovo-Krieg untersuchen soll, hängt wie ein Damoklesschwert über den Normalisierungsgesprächen zwischen den beiden Ländern.

Die Ermordung Ivanovics, erzählt man sich, habe den dünnen Friedensfirn über dem glühenden Konflikt zusätzlich eingerissen. Die Leute in Mitrovica – der geteilten Stadt, in deren Norden mehrheitlich Kosovoserben und in deren Süden mehrheitlich Kosovoalbaner wohnen – seien eingeschüchtert. Kaum noch Musik in den Beizen, kaum noch Lachen auf den Strassen. Wenns Ivanovic trifft, dann könnte es jeden treffen.

Auch vor dem Mord Mitte Januar wars in der Gegend aber nicht weit mit der Heiterkeit: 80 Prozent Arbeitslosigkeit in manchen Dörfern, Fabriken, die seit dem Krieg leer stehen, illegal abgeholzte Waldhügel, die langsam in die Seen erodieren. «Das da sind keine Schwäne, das sind Plastikflaschen», sagt Soldat Zahn und zeigt aus dem Fenster des Swisscoy-Geländewagens hinaus aufs Wasser des Gazivodasees.

Der Stausee liefert Trinkwasser für 600 000 Menschen und versorgt die schnaubenden Kohlekraftwerke im Süden mit Kühlwasser. Findeisen stellt den Wagen am Ende des Staudamms ab. Nebenan parkiert ein Polizeiauto. Vier Polizisten sitzen in der Morgensonne, man grüsst sich freundlich. Findeisen reicht Schweizer Militärbiskuits. «Die Leute erzählen uns oft von ihren Problemen. Wir sind so was wie das Sorgentelefon Nordkosovos», sagt Zahn.

«Wir sind hier, um zu beobachten, um für die Sicherheit zu garantieren, aber nicht, um humanitäre Hilfe zu leisten.» Das müsse man sich ob der krassen Armut in der Region allzu oft in Erinnerung rufen. Findeisen packt die Militärbiskuits wieder ein und nickt. «Alors», sagt der Special Officer, «on y vas.»

Weiter geht die Fahrt durch die hüglige Gegend des Grenzgebiets. In einigen der Dörfer stehen Backsteinmauern um die weitläufigen Gärten. Es sind nicht nur Grenzmarkierungen, es sind schützende Schranken. Nötig sind sie wegen des Kanun, des mündlich überlieferten Gewohnheitsrechts, das für manche Kosovoalbaner in den ländlichen Gegenden bis heute Gültigkeit hat. Der Kanun kennt das Gesetz der Blutrache. Tötet jemand ein Mitglied einer Familie, muss diese ein Mitglied der anderen Familie töten. Sonst ist die Ehre beschmutzt.

Niemanden aber darf man in dessen eigenen vier Wänden umbringen. Und zu den eigenen vier Wänden gehört auch der Garten, sofern er ummauert ist. Die Mauern sind Sicherheitswälle gegen das alte Recht auf Rache und gleichzeitig die Grenze der Bewegungsfreiheit für jene, die im Namen der Ehre mit dem Tod rechnen müssen, sobald sie nach draussen treten.

Ankunft in Zubin Potok, der Zentrumsgemeinde im Nordwestkosovo. Das Dorf sei ein bisschen wie ein Open-Air-Museum, sagt Findeisen und führt durch die Gassen. Überall stehen angerostete Autos der alten jugoslawischen Marke «Zastava», die Nummernschilder des ehemaligen geeinten Balkanstaates wurden nie abmontiert. Eine Filiale der «Jugobanka» ist offen, ein Laden mit «Konica-Film»-Werbeplakaten seit Monaten zu.

Aus den Fenstern der Blockbauten starren angegraute Gesichter auf den Stillstand in den Strassen. An der Eingangstür zur Swisscoy-Aussenstation, wo die Schweizer zweimal wöchentlich für drei Stunden mit einem Übersetzer eine Anlaufstelle für die lokale Bevölkerung anbieten, bleibt Findeisen stehen. «Einschusslöcher», sagt er und deutet auf zwei Stellen im Türrahmen. Nicht weit von hier seien zwei Häuser kürzlich mit Handgranaten beworfen worden.

Der Grund: Mitglieder der Familien hätten mit der Kosovo Security Force, einem kosovarischen Sicherheitsorgan, zusammengearbeitet. «Extremistische serbische Parteien hier erzählen den Leuten, die Kosovoalbaner wollten ihre Jungen klauen, genau wie damals die Osmanen ihre christlichen Kinder vom Glauben abzubringen versucht hätten», sagt Findeisen. Das sei so schade. «Die Menschen haben eigentlich gar keine Probleme miteinander, vor allem die Jungen nicht. Die wollen leben, die wollen träumen. Derzeit ist ihr einziger Traum aber die Emigration.»

Der Trick mit der Autonummer

Auf dem Weg zurück in den Süden zeigt Soldat Zahn auf die Strassenlaternen neben der Teerpiste. «Die haben sie vor wenigen Wochen aufgestellt. Sie funktionieren jedoch immer noch nicht.» Verantwortlich fühle sich niemand. Das sei das zentrale Problem hier in der Grenzregion, in diesem politischen Niemandsland zwischen Serbien und dem jüngsten Staat Europas: Wenns darum geht, Geld einzutreiben, dann fühlten sich beide verantwortlich. «Wenn es aber darum geht, Probleme zu lösen, dann sind immer die anderen zuständig.»

Bunter Abend im Kosovo. Albert lädt zum Ausflug mit seinem Mercedes nach Prizren, der «Perle des Südens», der schönen Stadt mit der Burg und den Kopfsteinpflastergassen. Er hat Mitleid mit den Menschen im nordkosovarischen Grenzgebiet. «Die Serben müssen sich beruhigen. Sie können nicht verlangen, dass wir ihnen die Kontrolle in Gebieten überlassen, in denen sie vor wenigen Jahren Tausende Albaner massakriert haben», sagt er.

Albert macht die Situation im Norden zu denken. «Man kann die Frustration riechen. Die Menschen wollen den Dialog. Die Trennung zwischen Albanern und Serben ist künstlich. Die Politiker brauchen diese heuchlerische Anspannung aber, um die Leute von ihrem eigenen Versagen abzulenken.» Das sei die alte Taktik.

Langsam aber dämmere es den Kosovaren, was da gespielt werde. Sie wollten raus aus dem Dilemma, sie seien bereit für die Zukunft. «Hast du dir die kosovarischen Nummernschilder schon mal genau angeschaut?», fragt Albert und zeigt auf das Auto, das vor uns fährt. Links ein blauer Streifen, in dem unten die Buchstaben «RKS» (Republik Kosovo) stehen, oben blaue Leere. «Da passt der Sternen-Ring der EU perfekt hinein», sagt Albert und lächelt. Der Kosovo sei bereit. «Eigentlich sind wir längst ein Teil Europas. Europa weiss es nur noch nicht.»