Polen

Die Regierung glaubte, das Coronavirus könne unter Tage nicht überleben - jetzt sind Tausende Bergleute infiziert

Bergwerke wie hier in Rybnik sind Polens Coronaherde.

Bergwerke wie hier in Rybnik sind Polens Coronaherde.

Polens Bergwerke werden zu Coronaschleudern - Schlesien wird zum polnischen Epizentrum

Während in den meisten Ländern in Europa die Anzahl der Coronafälle zurückgeht, musste Polen am Dienstag einen neuen Tagesrekord melden. 595 Bürger hatten sich offiziell neu mit dem Virus infiziert; 80 Prozent von ihnen stammen aus Schlesien, der grössten Kohleregion der EU. Schlesien droht damit, zu Polens Lombardei zu werden.

Die Regierung in Warschau reagierte nervös, sofort wurde Schatzminister Jacek Sasin in die Regionshauptststadt Katowice delegiert, um dort einen Krisenstab zu leiten. Bald schon machten Gerüchte die Runde, Schlesien werde von der Armee abgeriegelt, um die Ansteckung anderer Landesteile zu unterbinden. «Alles ist unter Kontrolle, wir sind auf alles vorbereitet», redet Sasin inzwischen die Lage schön.

Doch die Situation in Schlesien bleibt dramatisch. Schuld daran sind vor allem die Kohlegruben, die nach Ausbruch der Epidemie ihre Arbeit keineswegs eingestellt haben. Auch nachdem am 5. April in der staatlichen Grube «Marcel» in Radlin unweit von Rybnik der erste Kumpel positiv getestet wurde, arbeitete man einfach weiter wie bisher. Die Kumpel wurden in Dutzenden von Gruben der Region in engen Liften unter Tage gefahren, arbeiteten ohne Möglichkeit des Distanzhaltens und duschten am Ende des Tages verschwitzt zusammen. Noch Ende März hatte es schliesslich im zuständigen Schatzministerium geheissen, in den Kohlegruben drohe keine Gefahr, denn dort sei es zu warm für das Virus.

Jeder zweite neue Fall kommt aus dem Bergwerk

Der Staat wollte offenbar weiter Kohle fördern. Und so kommt es, dass inzwischen jeder zweite schlesische Coronafall ein Kumpel oder Mitglied einer Grubenarbeiterfamilie ist. 4355 Infizierte und 157 Corona-Tote wurden bis Mittwochmittag alleine in Schlesien gezählt.

«Epidemiologisch ist diese Lage sehr ernst», sagt Gesundheitsminister Lukasz Szumowski, ein Kardiologe. Medizinisch dagegen stünde es mit den schlesischen Kumpels nicht so schlimm, da die meisten Covid-19 ohne Symptome durchmachen würden. Dennoch ist es klar, dass alle Infizierten isoliert werden müssen, auch um zu verhindern, dass ihre Familien weiter angesteckt werden. Die Gruben haben deswegen Isolationszelte bei den Firmenausgängen aufbauen lassen. Auch sollen noch in dieser Woche 10 000 Bergarbeiter getestet werden. Die vier veralteten Labors in Schlesien werden dabei von Dutzenden weiteren in anderen Landesteilen unterstützt. Die viel zu spät beorderten Streutests betreffen jeden sechsten Bergarbeiter, der unter Tage im Einsatz ist.

Premierminister Matausz Morawiecki erklärte derweil, dass ab kommendem Montag auch in Schlesien wie überall in Polen, Coiffeur-Salons, Bars und Restaurants wieder aufgehen. Fünf staatliche Gruben wurden in den letzten Tagen nach mehreren Hundert Coronafällen endlich geschlossen. Polen erzeugt über 80 Prozent der Elektrizität mit Steinkohle.

Immer mehr Einheimische fragen nach der politischen Verantwortung für das schlechte Krisenmanagement. Die Gewerkschaft «August ’80» drohte am Mittwoch mit Bergarbeiterstreiks: «Statt euch um unsere Gesundheit zu kümmern, habt ihr es vorgezogen, euch mit den Wahlen zu befassen. Euer Spiel ist aus!»

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