Frankreich

Die Problemviertel zu ignorieren, rächt sich: Das sieht man jetzt in Dijon

In Dijon brennen Autos und es wird geschossen.

In Dijon brennen Autos und es wird geschossen.

Kalaschnikows in der Kleinstadt und brennende Autos. Das passiert, wenn man sich nicht um die Problemviertel kümmert. In der französischen Stadt Dijon herrscht Chaos.

Das Burgunderstädtchen Dijon ist bekannt für seinen Senf, seinen Wein – und neuerdings für seine Kalaschnikows. Alles begann vor einer Woche mit einem Streit in einer Shisha-Bar. Ein 19-jähriger Tschetschene wollte den Streit schlichten, erlebte aber den Schreck seines Lebens, als ihm ein maghrebinischer Dealer plötzlich eine Pistole in den Mund steckte.

Zwei Tage später erhielt derselbe Dealer Besuch von nicht weniger als 150 Tschetschenen. Sie kamen mit Baseballschlägern in die Weinstadt, um der lokalen Drogenbande Mores zu lehren. Die Dealer verteidigten ihr Territorium mit brennenden Barrikaden, Rammbock-Autos und Schüssen – nicht nur in die Luft: Ein Pizzawirt wurde in den Rücken getroffen.

Die Polizei verfolgte das Geschehen im Einwandererviertel Les Grésilles aus der Distanz. Drei Tage lang dauerte das westerngleiche Duell zwischen ortsansässigen Maghrebinern und den tschetschenischen Angreifern, die aus Nizza, Belgien und Deutschland angereist waren. Dann erst schickte Innen- und Polizeiminister Christophe Castaner Verstärkung nach Dijon. Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Tschetschenen wieder abgezogen.

Gewaltsame Viertel gibt es im ganzen Land

Nicht nur die Polizei wirkte überfordert, sondern auch die Politik. Der Bürgermeister von Dijon, François Rebsamen, warf Präsident Emmanuel Macron vor, er habe die Stadt im Stich gelassen; im Elysée klang es umgekehrt. Fakt ist: Die Regierung und die Medien in Paris haben drei Tage lang weggeschaut. Einmal mehr wollte Frankreich die Existenz seiner so genannt «heiklen Viertel» («quartiers sensibles») nicht wahrhaben.

Diese beschränken sich, wie der Fall Dijon offenbart, längst nicht mehr auf die Banlieue- Zonen um Grossstädte wie Paris, Lyon oder Marseille. Jede noch so geruhsame Kleinstadt, jedes grössere Dorf hat heute sein «quartier». In Aix-en-Provence heisst es «Beisson», in Cognac «Crouin», in der Kathedralenstadt Chartres «Beaulieu» – zu deutsch «schöner Ort».

Die Meldungen aus diesen unschönen Wohnsiedlungen wiederholen sich: Autoabfackeln, nächtliche Motocross-Rodeos, Abrechnungen im Drogenmilieu – und immer wieder Salafismus. Die südfranzösische Kleinstadt Lunel etwa gelangte vor Jahren zu Berühmtheit, als gleich 20 Jungmänner nach Syrien in den Jihad zogen.

150 Millionen investiert – und nichts gewonnen

Was in den «quartiers» abgeht, interessiert die übrigen Einwohner kaum je. Zwei Welten leben in diesen Orten nebeneinander, getrennt durch eine unsichtbare Grenze. In Dijon meinte ein älterer Anwohner des Quartiers Les Grésilles zur Zeitung «Le Figaro»: «Das geht nur die was an. Solange sie uns in Ruhe lassen, ist alles gut.»

Darin liegt das Paradoxe: Auch wenn die «quartiers» heute in Frankreich überall zum Stadtbild gehören, wird ihre Existenz systematisch ausgeblendet. Vergessen, ignoriert, an den Rand gedrängt. Mit den bekannten sozialen Folgen: «Die betroffenen Quartierbewohner verinnerlichen ihrerseits die soziale Ausgrenzung», meint der Soziologe Farhard Khosrokhavar. «Die wird zum Identitätsmerkmal und zur Lebensform.» Das schaffe den Nährboden für das Abdriften Jugendlicher in die Kriminalität oder den Islamismus.

Dijons Bürgermeister Rebsamen kennt das Problem. Nach seinem Amtsantritt im Jahr 2001 hatte er das Viertel Les Grésilles von Grund auf für 150 Millionen Euro renovieren lassen: Grünflächen, Schwimmbäder, Turnhallen. «Wir haben für das Viertel gemacht, was wir konnten», sagte der sozialistische Stadtvorsteher diese Woche verzweifelt. An der Ausgrenzung ändert das aber nicht viel: Die jungen Nordafrikaner schaffen es bis heute nicht aus ihrem «quartier».

Vielleicht versuchen sie es gar nicht mehr, weil sie im Übrigen Dijon mit ihrem arabischen Namen weder einen Job noch eine Wohnung finden.

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