Deutschland

Die Opfer vom Attentat in Halle sind identifiziert — die Polizei durchsuchte die Wohnung des Täters

Beim Angriff auf eine Synagoge und einen Döner-Imbiss in Halle an der Saale hat ein mutmasslicher Rechtsextremist am Mittwoch zwei Menschen erschossen und zwei weitere schwer verletzt — das wissen wir über das Attentat.

Was ist passiert?

Bei einem Angriff auf eine Synagoge und einen Döner-Imbiss in Halle an der Saale hat ein mutmasslicher Rechtsextremist am Mittwoch zwei Menschen erschossen. Zwei weitere wurden schwer verletzt. Der mutmassliche Schütze wurde festgenommen.

Die Bundesanwaltschaft sieht in dem Angriff eine staatsgefährdende Tat. Ermittelt wird unter anderem wegen Mordes und Mordversuches. Übernommen hat die oberste Anklagebehörde das Ermittlungsverfahren wegen des «spezifischen staatsgefährdenden Charakters der Tat und der besonderen Bedeutung des Falles».

Der Anschlag

Der schwerbewaffnete Täter hat versucht, in einer Synagoge ein Blutbad unter rund 80 Gläubigen anzurichten. Nach Angaben des Zentralrats der Juden wollte er mit Waffengewalt in die Synagoge eindringen. Der markierte Täter habe gegen die Tür geschossen, sei dabei aber erfolglos geblieben. Er habe auch selbst gebastelte Sprengstoffe gegen die Einrichtung geworfen.

Danach soll der Mann vor der Synagoge und in einem nahen Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen haben. Er floh vom Tatort und wurde am Nachmittag festgenommen. Er hatte seine Tat gefilmt und das Video ins Internet gestellt.

Defekte an mindestens einer Waffe des Täters verhinderten eine noch grössere Tragödie. In dem angeblichen Tatvideo ist zu sehen, wie in mindestens zwei Fällen Ladehemmungen das Leben von Menschen zu retten scheinen. Der Täter setzte eine vermutlich im Selbstbau hergestellte Langwaffe, eine Pistole und Sprengsätze ein.

Hier fielen die Schüsse

Hier fielen die Schüsse

Das Motiv

Erst nach langen Stunden des Wartens wurde klar, dass es sich um einen Einzeltäter handelte. Innenminister Horst Seehofer sprach am Abend von einem antisemitischen Motiv. Der Generalbundesanwalt, der die Ermittlungen rasch an sich gezogen hatte, habe zudem «ausreichend Anhaltspunkte für einen möglichen rechtsextremistischen Hintergrund».

Nach Meinung von Experten wollte der mutmassliche Täter eine internationale rechte Internet-Subkultur erreichen. Extremismusforscher Matthias Quent sagte der Deutschen Presse-Agentur (DPA) der Täter habe Englisch gesprochen und internationale Verschwörungstheorien aufgegriffen. Er habe sich auch abwertend über den Feminismus geäussert. Dies seien Motive der weltweiten radikalen und populistischen Rechten.

Die Beweismittel

Am Donnerstag ist nun die Wohnung des Attentäters durchsucht worden. Dabei seien Beweismittel sichergestellt worden, sagte ein Sprecher der Bundesanwaltschaft am Donnerstagmorgen. Der Täter war bereits am Mittwoch festgenommen worden. Er hatte nach Angaben aus Sicherheitskreisen gegen Mittag versucht, die Synagoge in Halle mit Waffengewalt zu stürmen.

Im Internet ist ein Manifest aufgetaucht, das dem Angreifer von Halle zugeordnet wird. Gemäss der Leiterin der auf die Beobachtung von Extremisten spezialisierten Site Intelligence Group, Rita Katz, soll das PDF-Dokument Bilder von Waffen zeigen und einen Verweis auf das Live-Video enthalten. Das Dokument sei am 1. Oktober hochgeladen worden. In dem Text werde das Ziel genannt, «so viele Anti-Weisse zu töten wie möglich, vorzugsweise Juden». Ob es tatsächlich von dem mutmasslichen Täter stammt, ist noch nicht geklärt.

Tweet: Manifest des Täters von Halle

Der Täter

Bei dem mutmasslichen Täter handelt es sich nach «Spiegel»-Informationen um den 27-jährigen Deutschen Stephan B. aus Sachsen-Anhalt. Die Polizei bestätigte am Abend, dass es sich bei dem kurz nach der Tat festgenommenen Mann um den mutmasslichen Schützen handele. Er wurde demnach verletzt und medizinisch versorgt.

Die Opfer

Wie die Deutsche Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen erfahren hat, sind die zwei erschossenen Opfer identifiziert. Es handelt sich um eine 40 Jahre alte Frau aus Halle sowie einen 20 Jahre alten Mann aus Merseburg. Die Frau war von dem schwer bewaffneten Täter vor der Synagoge erschossen worden, der Mann wenig später in einem nahen Dönerladen.

Auf seiner Flucht hatte der mutmaßliche Rechtsextremist auch zwei Menschen verletzt. Bei ihnen soll es sich um ein Ehepaar handeln, das im 15 Kilometer entfernten Landsberg ein Geschäft betreibt. Die 40 Jahre alte Frau und der 41 Jahre alte Mann werden mit Schussverletzungen im Krankenhaus behandelt. Beide seien erfolgreich operiert worden, es bestehe derzeit keine akute Lebensgefahr.

Eine noch höhere Opferzahl wurde möglicherweise von Defekten an mindestens einer Waffe des Täters verhindert. In dem angeblichen Tatvideo ist zu sehen, wie in mindestens zwei Fällen Ladehemmungen das Leben von Menschen zu retten scheinen. Der Täter setzte eine vermutlich im Selbstbau hergestellte Langwaffe, eine Pistole und Sprengsätze ein.

Das Bekennervideo

In den sozialen Netzwerken soll der Täter ein 35-minütiges Bekennervideo hochgeladen haben. Darin ist ein junger Mann in Kampfanzug mit weissem Halstuch in einem Auto zu sehen. Der Mann gibt in vermutlich nicht muttersprachlichem Englisch extrem antisemitische Äusserungen von sich.

In dem Video sind auch mehrere Schiessszenen zu sehen. Unter anderem zeigt das Video, wie in einem Döner-Imbiss mehrfach auf einen Mann geschossen wird, der hinter einem Kühlschrank liegt.

Die Tat erinnert an den Anschlag eines Rechtsextremisten auf Muslime in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch, bei dem Mitte März mehr als 50 Menschen getötet worden waren.

Zwei Tote bei Schiesserei in Halle

Zwei Tote bei Anschlag in Halle

In der deutschen Stadt Halle fielen am Mittwochmittag mehrere Schüsse. Zwei Personen wurden getötet. Die Polizei fahndete zunächst nach zwei Tätern.

Die Reaktionen

An Jom Kippur legen viele Juden ihre Arbeit nieder und verzichten auf Speisen und Getränke. Es ist ein Fest der Versöhnung. Der Anschlag ereignete sich genau an jenem höchsten jüdischen Feiertag. Innenminister Horst Seehofer sagte: «Der höchste jüdische Feiertag Jom Kippur ist heute ein schwarzer Tag.»

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hält nach dem Anschlag eines mutmasslichen Rechtsextremisten auf die Synagoge in Halle im Bundesland Sachsen-Anhalt auch Politiker der AfD für mitverantwortlich.

«Das einer sind dieser schrecklichen Gewalttäter, vor denen wir uns schützen müssen — das andere sind auch die geistigen Brandstifter», sagte Herrmann am Donnerstag im Bayerischen Rundfunk. «Da sind in letzter Zeit auch einige Vertreter der AfD in unverschämter Weise aufgefallen», fügte er hinzu.

Namentlich nannte Herrmann den Thüringer Rechtsaussen der rechtsnationalistischen Alternative für Deutschland (AfD) Björn Höcke. «Höcke ist einer der geistigen Brandstifter, wenn es darum geht, wieder mehr Antisemitismus in unserem Land zu verbreiten», sagte er und ergänzte: «Darüber müssen wir jetzt die politische Auseinandersetzung konsequent führen.»

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