Der Komiker stand auf der Bühne und sagte ins Mikrofon: «Ich werde jetzt ganz ehrlich sein.» Er sagte, er werde für seine Ehrlichkeit vermutlich ins Gefängnis gesteckt, er kenne das, schliesslich habe er schon einmal ein Jahr dort verbracht. Dann begannen er und sein Cousin Witze über die Militärregierung zu erzählen. Die Zuschauer hielten sich die Bäuche vor Lachen. Unter ihnen sass auch die Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi - ihr zu Ehren fand die Veranstaltung statt. Zwei Tage später wurden die beiden Komiker in der Nacht von Soldaten aus den Betten gerissen und verhaftet. Es war der 6. Januar 1996.

(Quelle: youtube/thescottishduck)

Die «Moustache Brothers» live in Mandalay

Heute sitzt Lu Maw im Erdgeschoss seines Hauses an der 39. Strasse in Mandalay und lässt eine Videoaufnahme vom damaligen Auftritt über den Fernseher flimmern. Die Kamera schwenkt immer wieder auf Aung San Suu Kyi, die vor Lachen Tränen in den Augen hat. Lu Maw ist ein sehniger 62-Jähriger mit grossem Schnauz und er hat damals Glück gehabt. «Einer von uns drei blieb bei Auftritten immer zu Hause und passte auf die Familie auf», sagt Lu Maw im Gespräch mit der «Nordwestschweiz». Per Zufall sei er das damals gewesen. Darum wurden zwei Tage später sein Bruder Pa Pa Lay und der Cousin Lu Zaw verhaftet, er aber nicht. Die beiden wurden zu sieben Jahren Arbeitslager verurteilt.

Die «Moustache Brothers» waren landesweit bekannt dafür, sich von niemandem etwas vorschreiben zu lassen. Mit dem Bruder und dem Cousin im Arbeitslager machte Lu Maw alleine weiter. In der Folge verbot ihm die Regierung, an Hochzeiten und Festen zu spielen, also richtete er bei sich zu Hause im Erdgeschoss eine Bühne ein. Darauf wurde seine Show für alle Burmesen verboten, fortan trat er nur noch vor Touristen auf.

«Die Militärs sagten ständig, diese Witze müssten aufhören, aber das geht bei mir beim einen Ohr rein und beim anderen wieder raus», sagt Lu Maw.

Das autoritäre Regime, das 1996 Burma noch fest im Griff hatte, öffnete sich in den letzten Monaten und liess demokratische Strukturen zu. Viele politische Gefangene wurden freigelassen, die Bürger dürfen über Politik sprechen. Worüber kann sich Lu Maw jetzt noch lustig machen?

Lu Maw hält eine Bierflasche hoch und sagt: «Das ist unser Land.» Er zeigt auf die Etikette. «Hier haben die Militärs jetzt eine Whiskey-Etikette aufgeklebt und in einem Jahr machen sie wahrscheinlich einen Cognac-Kleber darauf - aber der Inhalt ist noch immer derselbe.»

Die Militärs hätten bloss die Kleider gewechselt, aber ihr Denken noch nicht erneuert. «Ich werde mich weiter über jeden amüsieren, der meine Ansicht von Freiheit nicht vertritt.» Die Aufgabe jedes Komikers auf der Welt sei es, seinen Politikern die Meinung zu sagen. Könnte er sich heute auch vorstellen, Aung San Suu Kyi zu veräppeln? «Natürlich», sagt er, ohne zu zögern.

Die Nobelpreisträgerin setzte sich nach der Verhaftung des Bruders und des Cousins 1996 öffentlich für die Komiker ein. In der Folge schrieben mehrere Hollywood-Schauspieler Briefe an die burmesische Regierung und verlangten die Freilassung der Komiker. Vor der burmesischen Botschaft in London gab es Demonstrationen. Die «Moustache Brothers» wurden weltweit bekannt und in Kinofilmen erwähnt. Am 13. Juli 2001 wurden Pa Pa Lay und Lu Zaw frühzeitig aus dem Arbeitslager entlassen.

Sie waren abgemagert und erschöpft und mussten sich gegen Malaria behandeln lassen. Das hielt sie aber nicht davon ab, ihre Shows nun wieder zu dritt zu veranstalten. Den Hauptteil der Show bestritt von nun an aber Lu Maw, da er der Einzige ist, der Englisch spricht und zu den Shows noch immer nur Touristen zugelassen sind. Pa Pa Lay und Lu Zaw sind für die Situationskomik zuständig.

Die besten Witze der «Moustache Brothers» betreffen zwar noch die alten Generäle der Junta, aber allmählich färbt sich der Wandel im Land auch auf ihren Humor ab. Jetzt wird der Staatspräsident auf die Schippe genommen. Und daran ermahnt, was noch alles zu tun ist im Land.

Lu Maws neuer Lieblingswitz: «Unser Präsident traf kürzlich Barack Obama und Obama erzählte, er lasse einmal pro Jahr in den Städten für eine Stunde das Licht ausschalten, um etwas für die Umwelt zu tun. Unser Präsident fand das lächerlich. Er sagte: ‹Ich bin da viel besser - bei uns gibt es das ganze Jahr kein Licht›.»