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«Die Merkel hat keine Ahnung»: Helmut Kohls unfreiwillige Abrechnung

Angela Merkel und Helmut Kohl im Jahr 2009: Spannungsfrei war das Verhältnis zwischen den beiden nie. keystone

Angela Merkel und Helmut Kohl im Jahr 2009: Spannungsfrei war das Verhältnis zwischen den beiden nie. keystone

Der Ex-Biograf von Altkanzler Helmut Kohl veröffentlicht geheime Gesprächsprotokolle. Vor allem mit Weggefährten, von denen er enttäuscht wurde, geht der «Kanzler der Einheit» hart ins Gericht. Kohl konnte eine Veröffentlichung nicht verhindern.

Dass Helmut Kohl von anderem Schlag ist als die intellektuellen Weltenbürger Helmut Schmidt und Willy Brandt, ist nicht neu: Mit träfen Sprüchen und bei deftigem Schweinebraten machte der schwergewichtige Pfälzer als Bundeskanzler (1982– 1998) erfolgreich Weltpolitik. Die Deutsche Einheit und die Einführung der Einheitswährung Euro gehören zu Kohls grösstem politischem Vermächtnis. 

Doch das Image des «Einheitskanzlers» hat auch Schaden genommen. Da war die Parteispenden-Affäre Ende der 90er-Jahre. Kohl, damals schon nicht mehr im Kanzleramt, musste unter grossem Druck einräumen, dass er in seiner Amtszeit über 2 Millionen Mark verdeckter und nicht versteuerter Parteispenden angenommen hatte. In der CDU gingen darauf einige seiner damaligen Mitstreiter auf Distanz – unter anderem auch die von Kohl geförderte Angela Merkel, damals Generalsekretärin.

Geheime Gesprächsprotokolle belegen nun, wie tief enttäuscht Kohl damals war. Über Merkel stänkerte er: «Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen. Sie lungerte bei den Staatsessen herum, sodass ich sie mehrfach zur Ordnung rufen musste.» Merkel und dem damaligen CDU-Fraktionschef Friedrich Merz sprach Kohl die Fähigkeit zu einer erfolgreichen Europa-Politik ab: «Die Merkel hat keine Ahnung, und der Fraktionsvorsitzende ist ein politisches Kleinkind.»

Die vom «Spiegel» gestern veröffentlichten Gesprächsprotokolle stammen aus Interviewsitzungen zwischen dem Journalisten Heribert Schwan und Helmut Kohl. Mehr als 600 Stunden Gespräche kamen zwischen März 2001 und Oktober 2002 zusammen. Kohl, kein Mann des geschriebenen Wortes, wollte zusammen mit Ghostwriter Schwan sein politisches Vermächtnis in Buchform herausgeben. Die beiden Männer trafen sich regelmässig in Kohls Eigenheim in Oggersheim, wo sich Kohl stundenlang in den Kellerräumen über sein politisches Leben befragen liess.

Kohl klagt gegen Publikation

Doch inzwischen ist es zum Bruch zwischen Kohl und Schwan gekommen. Kohl klagte erfolgreich beim Landgericht Köln auf Herausgabe der der Audio-Kassetten der «Kellergespräche». Schwan übergab die Datenträger im März dem Gerichtsvollzieher – nicht aber, ohne zuvor eine Abschrift der Gespräche anzufertigen. Heute Dienstag wird das umstrittene Buch «Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle» mit den brisanten Kohl-Zitaten herausgegeben. Ob Schwan damit einen Rechtsbruch begeht, ist offen. Jedenfalls schafften es Kohls Anwälte gestern nicht, die Veröffentlichung des Buches zu stoppen.

Und so wird die Öffentlichkeit nun Zeuge, wie ungeschminkt Kohl über Menschen herzieht, die ihn in seiner politischen Laufbahn enttäuscht hatten. Kohl erinnert sich, scheinbar noch immer verbittert, an den Putschversuch auf dem CDU-Parteitag von 1989. Norbert Blüm, 16 Jahre lang Kohls Arbeitsminister, bezeichnet er als «Verräter». Der spätere Bundespräsident Christian Wulff, damals CDU-Fraktionschef im niedersächsischen Landtag, bekommt im Zuge der Parteispenden-Affäre sein Fett ab: «Das ist ein ganz grosser Verräter. Gleichzeitig ist er auch eine Null.»

Nicht ohne Brisanz sind Kohls Erinnerungen an die letzten Tage der DDR. Just im Jahr 25 nach dem Mauerfall relativiert Kohl den Einfluss der Leipziger Protestbewegung. «Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre da plötzlich der Heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert», sagte Kohl. Der Zusammenbruch der DDR sei vor allem auf die Schwäche der Sowjetunion zurückzuführen gewesen, so der Altkanzler weiter: «Gorbatschow ging über die Bücher und musste erkennen, dass er am Arsch des Propheten war und das Regime nicht halten konnte.»

«Er nahm kein Blatt vor den Mund»

Christian Schwarz-Schilling war von 1982 bis 1992 Minister für Post- und Fernmeldewesen im Kabinett Kohl. Dass der Kanzler bisweilen mit derben Worten über andere herzieht, erstaunt den 83-Jährigen nicht. «In geschlossener Runde nahm Kohl nie ein Blatt vor den Mund», sagt der ehemalige CDU-Minister gegenüber der «Nordwestschweiz». «Kohl hat nie strategisch nachgedacht, ob er was sagen darf oder nicht. Er hat einfach drauflosgeredet, wie ihm der Schnabel gewachsen war.» Schwarz-Schilling ist überzeugt: «Solche Worte würden heute nicht mehr über Kohls Lippen gehen.» Als der Altkanzler die Interviews gegeben habe, sei die Enttäuschung etwa nach der Spendenaffäre noch frisch gewesen.

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