Corona-Virus

Die meisten Regierungen haben die Corona-Krise unterschätzt: Minister schüttelten noch Hände, als Mediziner längst Alarm geschlagen hatten

Nicht nur Donald Trump vollzog im Kampf gegen das Corona-Virus eine 180-Grad-Wende. Eine Übersicht über virale Kehrtwenden von Regierungschefs während der Corona-Krise.

Deutschland: Grenzschliessungen verteufelt – und dann selber dichtgemacht

Letzte Woche sprach Kanzlerin Angela Merkel zum ersten Mal öffentlich über die Ernsthaftigkeit der Corona-Krise. Die Regierungschefin ergriff spät das Wort, für manche Kritiker zu spät. Doch inzwischen wandte sie sich auch in Video-Botschaften an die Bevölkerung, gestern Abend kam es zur Premiere: Die 65-Jährige hielt eine Art «Rede an die Nation», im Fernsehen.

Tatsächlich hat Deutschland lange zögerlich auf die Corona-Pandemie reagiert. Die Stadien in der Fussball-Bundesliga waren bis zum Wochenende des 7./8. März gefüllt, während in der Schweiz die Super League bereits eine Woche lang pausierte. Lange hiess es aus Berlin, Grenzschliessungen seien nicht angezeigt. Als Tschechien am Wochenende faktisch die Grenzen nach Deutschland schloss, hallte dem Nachbarn noch Kritik entgegen. Zwei Tage später zogen die Deutschen nach.

Seit Montagmorgen um acht finden unter anderem auch an der Grenze zur Schweiz rigorose Kontrollen statt. Anfang Woche dann verkündete die Bundesregierung einschneidende Massnahmen für das öffentliche Leben. Bars, Kneipen, Spielplätze, viele Geschäfte bleiben zu. Sollten die Infektionszahlen nicht sinken, dürfte der nächste Schritt folgen: eine Ausgangssperre. Noch raten Virologen davon ab. Doch in der Krise können Meinungen rasch kippen.

Grossbritannien: Klüger geworden nach Protesten

Premierminister Boris Johnson wirkt dieser Tage, als erdrücke ihn die Last des Amtes, auf das er viele Jahrzehnte lang zäh hingearbeitet hat. Die Briten haben ihn nicht zuletzt für seine Art gewählt, die Dinge auf die leichte Schulter zu nehmen. Doch in der Corona-Krise sind plötzlich seriöse Politiker gefragt. Johnson reagiert darauf, indem er sich demonstrativ mit Wissenschaftern und Ärzten umgibt.

Entscheidungen aber trifft die Regierung, und eine nach der anderen stellt sich als falsch heraus. Lang propagierte Johnson lediglich eifriges Händewaschen; Menschen mit Symptomen wie Fieber und trockener Husten wurden nicht getestet. Statt harte Massnahmen gegen das Virus durchzusetzen, sprachen Johnsons Berater emotionslos über hohe Ansteckungsraten, die hoffentlich die sogenannte Herdenimmunität zur Folge hätten: Dabei infizieren sich grössere Teile der Bevölkerung mit dem Corona-Virus, erkranken jedoch nicht an Covid-19, was die Verbreitung des Virus verlangsamt.

Nach empörten Protesten von Wissenschaftern und Öffentlichkeit – eine Studie sagte eine Viertelmillion Tote voraus – hat Johnson nun das Ruder herumgeworfen. Wie anderswo sollen die Briten ihre sozialen Kontakte einschränken, wenig reisen, auf Pub- und Theaterbesuche verzichten. Statt täglich 2000 Menschen werden nun immerhin 10000 getestet. Noch immer aber ist von Verboten oder gar Ausgangssperren nicht die Rede.

USA: Trump sieht sich als Prophet US-Präsident

Donald Trump verkündete am Mittwoch auf Twitter: «Ich habe das chinesische Virus», so bezeichnet er neuerdings die weltweite Pandemie, «immer sehr ernst genommen.» Dass dies nicht der Wahrheit entspricht, lässt sich aber just auf Twitter nachlesen. So schrieb Trump am 9. März: Das Corona-Virus habe bisher nur etwas mehr als 500 Amerikaner infiziert, während die gewöhnliche Grippe jedes Jahr allein in Amerika bis zu 70'000 Tote fordere. «Das muss man sich mal vorstellen.»

Gleichentags behauptete der US-Präsident, die Demokraten und die ihm feindlich gesinnten Massenmedien setzten alles daran, die Bevölkerung zu verunsichern, «weit stärker, als die Fakten dies rechtfertigten». Ähnliche Töne schlugen die Aushängeschilder seines Haussenders «Fox News» an. Nun behauptet der 73-Jährige völlig entgegen der Faktenlage, er habe von Beginn weg vorausgesehen, dass sich das Virus zu einer Pandemie entwickeln werde.

Weil sich Trump aber mit einer Schar von Beratern umgibt, die ihn bei jeder Gelegenheit für seine «Weitsicht» und seinen «Führungsstil» loben, muss der Präsident interne Kritik trotzdem nicht fürchten. Er wird die von ihm verfügten Massnahmen weiter als «einzigartig» und «lebensrettend» bezeichnen, seine hohe Zustimmungsrate unter republikanischen Wählern betonen und gegen die Medien hetzen, die ihn kritisieren.

Frankreich: Franzosen fragen sich: Wieso sollen wir Macron glauben?

Auch Staatspräsidenten sind lernfähig. Am vergangenen Freitag deklarierte Emmanuel Macron noch vollmundig, die Gemeindewahlen zwei Tage später fänden trotz allem statt. «Es ist wichtig, die Kontinuität des demokratischen Lebens und unserer Institutionen zu gewährleisten», meinte Frankreichs Präsident in einer TV-Ansprache.

Der erste Wahlgang war durch eine massive Stimmenthaltung gezeichnet – und aus der anfänglich leisen Kritik wurde ein Wirbelsturm. Er fegte die präsidialen Überzeugungen weg: Am Montag trat Macron wieder vor die Kameras und vertagte die Wahlen bis auf Weiteres. Die Kehrtwende ist nicht nur für Macron verheerend. Sein Festhalten an den Wahlen stand in totalem Widerspruch zu seiner Ankündigung, er bekämpfe die Ausbreitung des Virus, «koste es, was es wolle».

Der Widerspruch zerstört die Kommunikationsstrategie des Élysée. Viele Franzosen fragen sich, warum sie die vom Präsidenten verhängte Ausgangssperre befolgen sollen, wenn er zuvor selber an dem kollektiven Urnengang festgehalten hatte. Nach der Krise wird Macron dafür geradestehen müssen. Zumal die Ex-Gesundheitsministerin Agnès Buzyn erklärte, sie habe die Staatsführung schon im Januar gewarnt, die Wahlen seien nicht durchführbar. Der Wahlkampf sei eine «Maskerade» gewesen, erklärte sie.

Iran: Irans Führer sprach lange von «biologischer Kriegsführung»

Irans Revolutionsführer Ali Khamenei hatte eine einfache Erklärung für die niedrige Beteiligung bei den Parlamentswahlen Ende Februar: Die westlichen Medien hätten eine Virus-Bedrohung vorgegaukelt, um das Volk von den Urnen fernzuhalten. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits über 50 Iraner der Lungenkrankheit zum Opfer gefallen. Die Pandemie wurde von den Mullahs weiter geleugnet, weil sie nicht ins Konzept der islamischen Geistlichkeit passte.

Selbst als das Gesundheitsministerium am 3. März 77 Tote und 2336 Infektionen bestätigte, war dies für Khamenei «keine grosse Sache». «Mit Gebeten», beschwichtigte er, könnten «die Probleme gelöst werden». Als wenig später 25 Parlamentarier positiv getestet wurden, begann der 80-Jährige den Ernst der Lage zu begreifen. Er verlieh den Corona-Opfern den schiitischen Ehrentitel «Märtyrer». Ihr Tod sei vermutlich auf «biologische Kriegsführung» des amerikanischen Erzsatans zurückzuführen.

Erst letzte Woche redete Khamenei wirklich Klartext. Er ordnete – fast vier Wochen zu spät – die Schliessung der als Virenschleudern ausgemachten heiligen Schreine in Ghom und Mashhad an. Über Twitter fordert Khamenei die Bevölkerung auf, die Massnahmen zur Bekämpfung des Virus rigoros zu befolgen. Nur dann werde man «die Seuche niederringen».

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