Harry Louis macht Pause, isst eine Hühnchenkeule mit Reis und Bohnen. Trotz der eigentlich fantastischen Aussicht auf Meer und Palmen – richtig geniessen kann er sein Essen nicht. Die Fenster seiner Villa am Strand des Touristenortes Sainte Anne an der Südküste Guadeloupes sind geschlossen. «Das hältst du sonst nicht aus. So schlimm war es noch nie», sagt der 69-jährige Rentner.

Es, damit meint er die Sargassen, Braunalgen, welche das Meer dieses Jahr in noch nie gesehenen Massen anspült. Diese verfaulen jetzt auf dem Sand vieler Strände in der Karibik. Sogar einige Kilometer hinter der Küste bläst einem der Wind die nach säuerlich-fauligen Eiern riechende Luft in die Nase. Für Harry Louis ist das schon zum Alltag geworden. «Das Leben hier ist wirklich unangenehm. Es stinkt, man bleibt zu Hause, es ist eine Katastrophe.» Doch es ist nicht nur ein unangenehm starker Geruch, der Louis’ Leben zur Hölle macht.

Das Verfaulen der Algen setzt Ammoniak und Schwefelwasserstoff frei – hochgiftige Gase. Harry Louis hat am Morgen seinen Fernseher von der Wand im Wohnzimmer geschraubt. Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr muss der gross gewachsene Mann ein neues Gerät kaufen, weil die Elektronikteile durch die Gase regelrecht zerstört werden. «Mein Tablet, mein Laptop und die Klimaanlage, all das musste ich schon ersetzen. Mein Nachbar hat dieses Jahr schon drei Klimageräte ersetzen müssen.» Man könne sich nur denken, was die Gase mit der Gesundheit anstellen.

Noch grösstenteils unerforscht

«Wir sprechen hier von einem globalen Problem», sagt Pierre-Yves Pascal, der an der Universität in Guadeloupes grösster Stadt Pointe-à-Pitre Meeresbiologie unterrichtet. Eigentlich lebten die Braunalgen im Atlantik östlich von Florida in der Sargassosee. Vermutlich seien es veränderte Strömungsverhältnisse, welche die Sargassen an die Atlantikküsten tragen. Betroffen sind Afrikas Westküste, Südamerikas Nordosten und, in grossem Ausmass, die Karibik. Seit 2011 stranden die Braunalgen dort, bisher in einer überschaubaren Menge. Warum es jetzt plötzlich so viele sind, weiss man nicht genau. Sand aus der Sahara, der immer öfter über den Atlantik geblasen werde und somit Eisen ins Wasser bringt, könne genauso die Ursache sein wie der Klimawandel. Bisher seien die Algen aber zu wenig erforscht, um Schlüsse zu ziehen.

Die Karibik hat ein Algen-Problem

Die Karibik hat ein Algen-Problem

Tonnenweise spült der Atlantik Braunalgen an die Traumstrände der Antillen.

Was jedoch bereits klar ist: Die Algen bringen viele Gefahren mit. «Zum einen kann es wirklich sehr gefährlich für die Gesundheit sein, zum anderen geht das Ökosystem kaputt. Korallen sterben ab, da die Algenteppiche kein Licht mehr zum Grund lassen», so Pierre Yves Pascal. In hohen Dosen könne der Schwefelwasserstoff sogar tödlich sein. Die Maximalwerte in der Luft wurden schon einige Male überschritten, weshalb mehrere Gemeinden Guadeloupes bereits zeitweise die Schulen schlossen und die Bevölkerung baten, die Gebiete zu meiden. Auch ausserhalb des Archipels, beispielsweise auf Barbados, ist die Lage angespannt. Dort wurde dieses Jahr bereits der Ausnahmezustand wegen der Sargassen verhängt.

Insel im Notfallmodus

Auf Guadeloupe hilft man sich mit Landwirtschafts- und Baumaschinen, so wie am Strand La Caravelle, wo sich eines der grössten Hotels der Insel befindet. Am Strand, der sich sonst als Postkartenmotiv eignen würde, fährt ein Bagger vor und zurück durch den Sand.

Er fährt seinen Arm so weit wie möglich aus, um auch die Algen im Wasser zu erwischen. Neben ihm türmen sich bereits fünf Meter hohe Algenhügel. Auch hier bleibt einem der Atem weg. «Damit müssen wir jetzt halt leben. Gott hat für alles einen Plan, also gilt es einfach, darauf zu vertrauen, dass es gut kommt», sagt der Baggerfahrer. Mehr ist ihm nicht zu entlocken. Es würden langfristige Lösungen gesucht, sagt Sylvie Gustave Dit Duflo, Präsidentin der Umweltkommission in Guadeloupes Regionalrat. «Im Moment greift der Notfallplan. Strandende Sargassen müssen innerhalb von 48 Stunden von den Stränden entfernt werden, bevor der Zerfall beginnt und es gefährlich wird.» Allein in diesem Jahr strandeten bereits über 40'000 Tonnen der Algen an den Stränden der sechs bewohnten Inseln der Region Guadeloupe. Die Kosten der Räumungen seit Jahresbeginn: rund sechs Millionen Franken.

Firmen schreiben Verluste

Nicht nur der Staat müsse tief in die Tasche greifen. Es geht um Hunderte Unternehmen, die bereits grosse Verluste hinnehmen mussten. Restaurants, die wegen des Gestanks nicht öffnen können, Fischer, deren Boote durch die Algen beschädigt werden, oder Wassersportanbieter, die keine Fahrten mehr verkaufen können. Die touristische Hochsaison hat vor einigen Tagen begonnen. Trotz der Braunalgen sei Guadeloupe bereit, verspricht Gustave Dit Duflo. Es werde alles getan, um diese «Katastrophe» einzudämmen. «Ab nächstem Jahr werden sogar Amphibienfahrzeuge eingesetzt, die 500 Meter vor der Küste die Algen abfangen.»

Zurück zu Harry Louis. Er will nicht mehr über die Algen reden. Schliesslich habe er sich schon genug aufgeregt und man könne ja nichts dagegen tun. Trotz der gesundheitlichen Bedrohung will er in seinem geliebten Haus bleiben. «Das ist das Haus meiner Eltern, in dem ich aufwuchs. Niemals würde ich es verlassen.»